Stand: 10.03.2017 15:20 Uhr

Eine Art Gottesdienst: Kalligraphie im Islam

In Deutschland ist die arabische Kalligraphie noch viel zu wenig bekannt. Dabei ist sie eine der wichtigsten Kunstrichtungen im Islam, eine einzigartige Verbindung zwischen Sprache, Schrift und Religion. Gläubige Muslime sehen in der Kalligraphie viel mehr als nur die Kunst des schönen Schreibens. Sie gehört zu ihrem Alltag. Nicht nur beim Beten in der Moschee und beim Lesen im Koran. Hüseyin Topel hat einen Meister der sogenannten "Hat-Kunst" in Köln besucht.

Murad Kahraman arbeitet an einer seiner Kalligraphien.

Ein höflicher Mann mit grauen Haaren und gutem Stil öffnet die Tür. An den Wänden seiner Wohnung hängen Bilder, die der 52 Jahre alte Murad Kahraman alle selbst gezeichnet hat. Auf einem dunklen Holztisch liegen Papier, Stifte und Farbe. Bei einem Glas Tee führt Kahraman die ersten Schritte in der arabischen Kalligraphie vor. Der Meister für "Hat- Kunst", so die offizielle Bezeichnung, hat in seiner Leidenschaft auch seine Berufung gefunden. Seit Jahren praktiziert er schon diese aufwendige, präzise und Geduld erfordernde Kunst, für die es inzwischen immer mehr Interessenten gibt.

Wie eine Kalligraphie entsteht

Neben Einzelunterricht bietet Murad Kahraman auch Kurse an; u.a. in mehreren muslimischen Kulturvereinen und am Institut für islamische Theologie an der Universität Osnabrück. Die Hat-Kunst ist bereits in den ersten Jahren des Islam entstanden. "Der vierte Khalif Ali war nämlich der erste bekannte Hattat, also Hat-Künstler", erklärt Murad Kahraman. "Er hat die erste Stilart in Khufa ausgeübt und deswegen nannte man diese erste Stilart auch Khufi."

Die zentrale Bedeutung des Worts im Koran

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Für Martin Kellner ist die Debatte um das Bilderverbot im Islam überbewertet.

Denn in Khufa, einer Stadt im heutigen Irak, hat Ali, der Schwiegersohn und leibliche Cousin Mohammeds, diese Kunst in eine Form gebracht, wie sie heute noch ausgeübt wird. Oft wird angenommen, die arabische Kalligraphie sei erst aus dem islamischen Bilderverbot heraus entstanden. Doch ob es im Islam tatsächlich ein generelles Bilderverbot gab oder gibt, ist auch unter Islamgelehrten umstritten.

Für Martin Kellner, Dozent am Institut für Islamische Theologie an der Universität in Osnabrück, ist die Debatte überbewertet: "Ich glaube, dass dieses Bilderverbot sehr oft übertrieben wird und dass das Bilderverbot auch falsch verstanden wird. Es gibt ein Verbot des Versuches, Gott darzustellen, ein relativ breites Verbot, im Versuch Engel darzustellen. Es gibt ein Verbot, Propheten bildlich darzustellen. Aber es gibt kein Verbot im Allgemeinen, Bilder zu machen. Ich glaube, es geht vielmehr darum, dass die Muslime und vor allem die Araber eine sehr starke Beziehung zu dieser Schönheit des Wortes haben."

Kalligraphien von Murad Kahraman

Gerade wegen der zentralen Bedeutung des Wortes im Koran, dem heiligen Buch der Muslime, hat sich diese besondere Form der arabischen Kalligraphie entwickelt, so Kellner: "Es geht darum, wie der Mensch Gott kennenlernen kann und wie er aufgrund seiner Gotteserkenntnis richtig und korrekt leben kann. Das ist der Kern dieser Religion." Und das soll auch durch die Kalligraphie zum Ausdruck gebracht werden. "Die Worte, mit denen sich Gott im Koran offenbart, haben einige Eigenschaften. Sie sind schön im Inhalt - für einen gläubigen Menschen; schön in ihrem sprachlichen Ausdruck und auch im Äußerlichen sollen sie schön sein. Das heißt, die Schrift dieses göttlichen Wortes soll schön sein."

Über die Ästhetik Gott näher kommen

Zur Person

Der Kölner Hat-Künstler Murad Kahraman ist ein Schüler des türkischen Meister-Kalligraphen Yusuf Sezer. Kahramans Arbeiten waren bereits in zahlreichen Ausstellungen zu sehen. Seit mehreren Jahren unterrichtet er u.a. auch Studierende am Institut für Islamische Theologie (IIT) an der Universität Osnabrück.

Dieser spirituellen Aufgabe widmen sich Hat-Künstler wie Murad Kahraman. Die ästhetische Beschäftigung mit dem Koran ist für ihn eine Art Gottesdienst. Dabei bietet das arabische Alphabet viele gestalterische Möglichkeiten. Das wird zum Beispiel auch am ersten arabischen Buchstaben deutlich: dem Elif oder Alif, je nach Aussprache. "Elif ist ja der erste Buchstabe. Wer ein Elif sieht, erkennt eine Gerade. Wenn man den Buchstaben wirklich unter die Lupe nimmt, genau betrachtet, sieht er wie ein Mensch aus", erzählt Kahraman.

Daher kommt übrigens die muslimische Redewendung "Sei so aufrichtig wie ein Alif". Genau diese spirituelle Ebene macht letztlich auch den Unterschied aus zwischen einer einfachen arabischen Kalligraphie und der Hat-Kunst. Sie ist letztendlich ein Weg, Gott näher kommen.

Weitere Informationen

Das Institut für Islamische Theologie (IIT) an der Universität Osnabrück arbeitet seit 2015 auch im Rahmen einer Imamweiterbildung mit dem Museum für Islamische Kunst in Berlin zusammen. Das Ziel: Gemeinsam mit Moscheegemeinden Unterrichtsmaterial zu entwickeln, um gerade auch junge Muslime für die islamische Kunst und Kultur zu begeistern. Ein weiteres interessantes Projekt in Berlin: TAMAM - Das Bildungsprojekt von Moscheegemeinden mit dem Museum für Islamische Kunst.

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Eine Art Gottesdienst: Kalligraphie im Islam

10.03.2017 15:20 Uhr

Gläubige Muslime sehen in der Kalligraphie im Islam viel mehr als nur die Kunst des schönen Schreibens. Hüseyin Topel hat einen Meister der sogenannten "Hat-Kunst" in Köln besucht. Audio (03:46 min)

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 10.03.2017 | 15:20 Uhr