Stand: 16.11.2017 11:23 Uhr

Wolfgang Niedecken: "Ich hab Schwein gehabt!"

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"Viele wissen nicht mehr, wo sie hingehören", sagt Wolfgang Niedecken im Interview.

"Mir geht’s blendend! Gestern hatte ich meinen sechsten Geburtstag nach diesem Schlaganfall", erzählt Wolfgang Niedecken im NDR 2 Interview auf die Frage, wie es ihm geht. Auch wenn er im kölschen Dialekt singt und so mancher damit seine Verständnisprobleme hat: Niedecken ist einer der größten Musiker des Landes. 1976 startete er mit der Band BAP, seitdem hat er etliche Preise mit seiner Musik und sein soziales Engagement eingesammelt. Er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes, Bruce Springsteen zählt zu seinen Freunden. Im Gespräch mit Musikjournalist Matthes Köppinghoff geht es um seine Liebe zur Musik und das neue "Familienalbum".

Wolfgang, was kann dein neues Solo-Album "Familienalbum"?

Wolfgang Niedecken: Das Familienalbum kann Leuten beispielsweise zeigen, oder sie daran erinnern, dass Familie etwas Wichtiges ist. Familie ist etwas, wo man so einen Heimathafen hat, wo man sich aufgehoben fühlt. Ich glaube, das ist so eine Sache bei den modernen Menschen mittlerweile - viele wissen nicht mehr, wo sie hingehören.

Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen einem Solo-Album von dir und einer BAP-Platte?

Niedecken: Mittlerweile sind da nicht mehr furchtbar viele Unterschiede. Julian Dawson - ein alter Freund von mir, den ich seit 30 Jahren kenne - hat zu einem Zeitpunkt, als bei BAP noch nicht unbedingt sehr "songdienlich" gearbeitet wurde, gesagt: "Mensch, du müsstest mal in den USA ein Album aufnehmen mit Musikern, die nicht wissen, wer du bist, wo es einfach nur die Songs gibt und die setzt man um." Also, dass man wirklich songdienlich (Sich also am Text und der Melodieführung orientiert - Anm. d. Red.) arbeiten kann. Dass da nicht einfach nur ein Gitarrenriff oder irgendeine musikalische Idee im Mittelpunkt steht.

Der Julian hatte diese Idee schon in den 90er-Jahren, also wirklich schon lange her. Und ich habe nur immer gesagt: "Julian, wann soll ich das denn bitte machen? Ich störe doch die Kreise von BAP, wenn ich sowas mache." Nach meinem Schlaganfall war es dann so weit, da war auch ein Zeitfenster offen - dann habe ich den Julian in London angerufen und gesagt: "Hör mal - sollen wir das jetzt mal machen?"

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Matthes Köppinghoff traf Wolfgang Niedecken im NDR 2 Studio.

Damals wollte ich das Album für meine Frau machen, also für meinen Schutzengel, der mich dahin gebracht hat, wo dieser Schlaganfall professionell behandelt werden konnte. Wenn sie das nicht gemacht hätte, säßen wir jetzt nicht hier. So, und dann habe ich dieses Album aufgenommen in Woodstock mit amerikanischen Musikern. Das hat unglaublich viel Spaß gemacht und war eben sehr songdienlich. Und denen hatte ich versprochen, dass wir das noch mal machen. Also, das könnten wir mit BAP auch machen, aber es ist vielleicht gar nicht schlecht, wenn mal sowas macht und mal sowas. Das sind lauter unglaubliche Profis, die da arbeiten. Die arbeiten ja teilweise noch in anderen Bands, und die Erfahrungen bringen sie auch wieder zu BAP. Und wenn sowas dann läuft, dann ist das immer gut für die Dynamik einer Band.

Vorhin hast du mir gesagt, dass du gerade deinen sechsten Geburtstag nach deinem Schlaganfall 2011 gefeiert hast. Das ist ein Thema, vor dem ich zum Beispiel extrem große Angst habe - du kannst da aber gut drüber reden?

Niedecken: Ist doch alles gut (lacht). Also, wenn ich da jetzt Schwierigkeiten mit hätte ... keine Ahnung, aber ich habe da nichts zu verbergen. Warum auch?

Ich war da 60, hatte damals einen Husten, eine Woche durchgehustet, und durch diesen Husten hat sich eine kleine Wunde in der Halsschlagader gebildet, aus dieser Wunde ist dann ein Gerinnsel nach oben gestiegen. Das hat dann oben was blockiert, und das ist ein Schlaganfall.

Lustig ist das auf keinen Fall, die meisten Menschen wissen nicht, was das ist. Ich wusste es übrigens auch nicht. Als mir so merkwürdig wurde, habe ich nur gedacht, ich muss auf den Balkon gehen, ich muss Luft holen, sonst falle ich in Ohnmacht. Und Gott sei Dank bin ich meiner Frau da über den Weg gelaufen. Die hat gesagt: "Wie siehst du denn aus? Was ist das denn?" Und sie wusste auch, wenn keine Mimik da ist, wenn man nichts mehr sagen kann, dann ist es wahrscheinlich ein Schlaganfall.

Sie hat sofort die Ambulanz angerufen und gesagt, mein Mann hat einen Schlaganfall, und dann ging das mit Blaulicht in die Neurologie. Die haben alles richtig gemacht - Schwein gehabt! Richtig Schwein gehabt! Wenn ich alleine gewesen wäre, ich wäre nur auf den Balkon gegangen, hätte versucht Luft zu schnappen, wäre umgekippt und dann hätte man mich irgendwann gefunden. Und dann wär's zu spät gewesen.

Sehr gut, dass es dir gut geht und du auch wieder über Musik sprechen kannst. So warst du auch auf einer kleinen Konzerttour durch Bars mit niemand geringerem als Bruce Springsteen. Wie ist der "Boss" denn eigentlich?

Niedecken: Er ist ein total angenehmer Kerl. Also, er ist wirklich sehr, sehr angenehm, sehr kollegial. Wir kennen uns jetzt schon länger, und wenn man den trifft, wird erst einmal komplettiert: "Was ist in letzter Zeit in der Familie gelaufen?" Und irgendwann kommt dann auch: "Hast du das letzte Album von Dylan gehört?", und dann geht’s los - wir sind ja beide Dylan-Fans. Da wird dann darüber erzählt, und irgendwann kommt dann: "Na, spielst du noch mal mit heute?" (lacht) Dann nimmt das so seinen Lauf. Allerdings habe ich ihn jetzt schon länger nicht mehr getroffen. Aber die Frage war ja: Was ist er für ein Typ? Ein total nahbarer, netter Typ. So wie wir uns alle wünschen, dass Bruce ist.

Das Interview führte Matthes Köppinghoff, NDR 2 Musikredaktion

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Dieses Thema im Programm:

NDR 2 | NDR 2 Musik Specials | 15.11.2017 | 21:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/unterhaltung/Wolfgang-Niedecken-im-Interview,niedecken286.html

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