Stand: 01.10.2017 15:18 Uhr

Endlich Mann und Mann, endlich Frau und Frau

von Sonja Puhl, NDR.de

Als eines der letzten westeuropäischen Länder hat Deutschland den Schritt zur vollen rechtlichen Gleichstellung Homosexueller und Heterosexueller im Eherecht vollzogen: Gleichgeschlechtliche Paare dürfen seit Sonntag mit allen Rechten und Pflichten heiraten. Sie dürfen dann auch gemeinsam Kinder adoptieren. Damit Interessierte gleich am ersten Tag heiraten konnten, hatten in einigen Städten die Standesämter ausnahmsweise am Sonntag geöffnet, auch in Norddeutschland.

Hannoveraner Pärchen sind wieder Vorreiter

So gab es in Hannover zwei Eheschließungen: Claudia und Dorle Göttler sowie Reinhard Lüschow und Heinz-Friedrich Harre. "Dabei handelt es sich um das männliche Paar mit der damals ersten Lebenspartnerschaft in Deutschland, und auch um das weibliche Paar, das 2001 die erste lesbische Partnerschaft Deutschlands begründet hat", sagte Stadtsprecher Udo Möller.

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"Leute, das ist mein Ehemann"

Auf die Ehe für alle haben Reinhard Lüschow und Heinz-Friedrich Harre Jahrzehnte gewartet. Am Sonntag haben sie als eines von zwei gleichgeschlechtlichen Paaren in Hannover geheiratet. mehr

Damit sich die beiden Paare als eingetragene Lebenspartnerschaft registrieren lassen konnten, ließ die niedersächsische Landeshauptstadt 2001 das Standesamt extra früher öffnen, um bei der "Homo-Ehe" bundesweit vorn zu sein. "Wir haben vor 20 Jahren den Weg gemeinsam begonnen, mit der Ehe wird es einfach rund", sagte die jetzt 53-jährige Göttler. Für Lüschow und Harre erfüllte sich ein Lebenstraum: "Die eingetragene Lebenspartnerschaft war für uns immer nur ein Zwischenschritt", sagten sie. Sie hätten die Hoffnung auf eine Ehe im vollen Sinne nie aufgegeben. "Jetzt ist es soweit und wir sind einfach nur glücklich darüber."

Von der "Hamburger Ehe" bis zur "Ehe für alle"

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Auch Paare, die sich an diesem Tag selbst nicht getraut haben, wollten gern bei diesem bedeutsamen Ereignis im Hamburger Rathaus dabei sein.

Auch in Hamburg gaben sich am Sonntag insgesamt 15 gleichgeschlechtliche Langzeit-Paare das Jawort. Die meisten waren zuvor aus 50 Bewerbungen ausgelost worden. Fünf Paare standen allerdings bereits fest. Es handelte sich um solche, die bereits 1997 die "Hamburger Ehe" und 2001 die Lebenspartnerschaft eingegangen waren. Die Paare ließen sich im eigens dafür geöffneten Hamburger Rathaus trauen. Das älteste Paar: zwei Männer im Alter von 82 und 88 Jahren. Sie sind seit 1961 zusammen.

Im Anschluss an die Trauungen lud die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) die Frischvermählten und ihre Angehörigen zu einem Senatsempfang ein. Es gehe um die Verwirklichung eines Menschenrechts, sagte Fegebank.

Verhaltenes Interesse in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern

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"Ehe für alle ist das i-Tüpfelchen!"

30.06.2017 13:10 Uhr
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Die schwul-lesbische Szene feiert die Ehe für alle. Aber nicht uneingeschränkt: In Hamburg-St. Georg gibt es auch Stimmen, die die Entscheidung als "ersten Schritt" betrachten. (30.06.17) Video (01:05 min)

In kleineren Städten oder ländlichen Gebieten gab es in allen norddeutschen Bundesländern nur vereinzelte Anfragen. Wegen des eher geringen Interesses öffnen die Standesämter in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein erst regulär am Montag. So gibt es für den 2. Oktober beispielsweise in Kiel fünf Termine, dabei handele es sich um Umwandlungen von eingetragenen Partnerschaften in die Ehe für alle, sagte der Kieler Sprecher Arne Gloy im Gespräch mit NDR.de. Bis 2018 hinein gebe es aber bereits viele Anmeldungen.

Terminvormerkungen etwa für das Standesamt Rostock gibt es nach Auskunft von Rostocks Sprecher Ulrich Kunze ab November. Die Termine für Oktober seien bereits mit anderen Trauungen belegt gewesen, als im Juni der Bundestagsbeschluss zur Ehe für alle kam. Insgesamt gebe es vereinzeltes Interesse, aber im Vergleich zu den Anfragen für herkömmliche Eheschließungen blieben die Zahlen eher niedrig.

Auch lesbisches Paar aus Barth will heiraten

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"Wenn das an mir liegt, finde ich das superschön"

Gundula Zilm und ihre Partnerin haben fünf Pflegekinder. Eine Begegnung mit den beiden Bartherinnen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer entscheidenden Frage zum Umdenken bewegt. mehr

Heiraten wollen auf jeden Fall Christine und Gundula Zilm aus Barth (Landkreis Vorpommern-Rügen). Die Begegnung mit diesem Paar hatte möglicherweise zum Sinneswandel von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beigetragen und so den Weg zur Ehe für alle mit geebnet. Ursprünglich habe es die Idee gegeben, schon im Oktober zu heiraten. Das habe aber terminlich nicht geklappt. "Jetzt heiraten wir am 5. Februar in Barth", sagte Gundula Zilm im Gespräch mit NDR.de. Gefeiert werde dann am Urlaubsort Hamburg.

Technik spielt noch nicht ganz mit

Die Technik hält mit den gesellschaftlichen Neuerungen allerdings noch nicht ganz Schritt. Wegen Software-Problemen muss einer der Partner im Eheregister entgegen seines Geschlechts als "Ehefrau" oder "Ehemann" geführt werden. Eine Anpassung müsse vom Anbieter der Software vorgenommen werden und werde voraussichtlich erst 2018 umgesetzt, prognostizierte der hannoversche Stadtsprecher Udo Möller. "Die Urkunden werden aber in jedem Fall richtig ausgestellt."

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FAQ: Was bedeutet die "Ehe für alle"?

Was ändert sich durch die "Ehe für alle"? Was passiert mit den Lebenspartnerschaften? Und was ist mit Adoptionen? Auf tagesschau.de finden Sie die Antworten auf die wichtigsten Fragen. extern

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Nach der Entscheidung des Bundestages für die "Ehe für alle" wird auch Kritik laut: Der Osnabrücker Staatsrechtler Jörn Ipsen hält das neue Gesetz für verfassungswidrig. mehr

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Der Bundestag hat grünes Licht für die "Ehe für alle" gegeben. Ein Sieg für Demokraten und auch ein Sieg für Volker Beck von den Grünen, kommentiert Bettina Gaus von der "taz". (02.07.17) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 31.08.2017 | 17:00 Uhr

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