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Patrick Salmen auf der Bühne des Thalia Theaters © Jan Brandes
 
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Ein Video bei tagesschau.de anlässlich der Poetry Slam-Meisterschaften in Hamburg.

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Slam 2011: Der Blog des Team-Champions

Der Slam 2011 bewegt die Poetry-Slam-Szene in ganz Deutschland. Hunderte eingefleischte Fans werden extra anreisen, um das Highlight des Jahres nicht zu verpassen. Wer es nicht nach Hamburg schafft, kann trotzdem dabei sein. Das Finale am Sonnabend überträgt NDR.de live im Internet. Aber das ist nicht alles: Der Leipziger Slammer André Herrmann schreibt hier einen Blog über seine Tage in Hamburg. Viel Spaß beim Durchblättern!

  • Mittwoch: Die Anreise

    Autofahrt im Regen © André Herrmann Detailansicht des Bildes Einstimmung aufs Hamburger Schmuddelwetter: Autofahren im Regen. Während ihr das lest, wuchte ich wahrscheinlich gerade meinen zentnerschweren Rucksack durch das Treppenhaus oder sitze bereits in einem kleinen Auto und versuche. meinen Platz gegen übellaunige Gepäckstücke zu verteidigen. Zirka drei Stunden haben wir eingeplant, ehe wir in der Hansestadt einreiten und uns im Slam 2011, den 15. deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam, verlieren werden. Stilecht werden wir kurz vor den Stadttoren auf echtes Gestüt umsatteln und eine erste Schneise TTZscher Verwüstung durch die Stadt treiben. Dann werden wir kurz einchecken, das Bewusstsein verlieren und irgendwann am Sonntag wieder zu uns kommen. Nein, wahrscheinlich wird es ganz gesittet ablaufen und zumindest ich mich erst einmal von all dem Trubel erschlagen fühlen. Denn etwa 200 Slammer auf einem Haufen sind auch wirklich so anstrengend, wie es sich anhört. Außerdem haben wir ein recht straffes Programm, das heißt TTZ-Vorrundenmoderation am Mittwochabend im Uebel & Gefährlich, Donnerstag unsere Einzelrunden, sowie eine Teamvorrunde, die mir jetzt schon Angst macht.

  • Mittwoch: Die Aufregung I

    Ein Plakat mit TTZ © André Herrmann Detailansicht des Bildes TTZ steht für Team Totale Zerstörung. Ich glaube, in diesem Jahr sind alle irgendwie besonders aufgeregt. Klar, man trifft wahrscheinlich zu 99 Prozent die gleichen Leute wie in jedem Jahr, aber eben auch über vier Tage hinweg alle an einem Fleck. Außerdem haben sich die Hamburger Organisatoren einfach mal gedacht, dass es ganz schön wäre, wenn sie nicht nur die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam, sondern gleichzeitig noch den größten Slam der Welt organisieren. Über 30 Veranstaltungen in fünf Tagen, schon die Vorrunden finden in Riesenhütten wie dem Uebel & Gefährlich, U20-Finale und Team-Halbfinale im Deutschen Schauspielhaus und das Grand Finale in der O2-World statt. Letztere mit 4.000 geplanten Plätzen, aber man unkt schon wieder, es würde aufgestockt werden. Wer weiß, wie viele Zuschauer das insgesamt ergibt, aber es sind genug, um wirklich, wirklich Lampenfieber zu bekommen. Wie gesagt, meinem lieben Teamkollegen Julius und mir wird die große Ehre zuteil, eine der zehn Einzelvorrunden zu moderieren, noch dazu gleich im fantastischen Uebel & Gefährlich. Aber genug des Vorgeplänkels. Wünscht uns viel Erfolg!

  • Mittwoch: Die Ankunft

    Die Reeperbahn bei Tag © André Herrmann Detailansicht des Bildes Ein gefährliches Pflaster? Die Reeperbahn bei Tag. Wir, das heißt: mein hochverehrter Teampartner Julius und ich, sind da. Sechs Stunden für die Autofahrt von Leipzig nach Hamburg, das schafft nicht einmal die Bahn. Aber wann fahren wir denn auch mal Auto? Und wer würde nicht dauerhaft beunruhigt aufs Armaturenbrett starren, wenn sich der Drehzahlmesser schon bei 100 km/h im roten Bereich von 6.000 Umdrehungen flätzt? Egal, wir sind da und das Auto ist vorerst nicht explodiert.
    Am Hostel die erwarteten Slammermassen, großes Hallo und so weiter, es ist wirklich wie ein Klassentreffen, mit dem einzigen Unterschied, dass man sich wirklich freut, vier Tage mit den anderen verbringen zu dürfen. Wir nächtigen direkt an der Reeperbahn und auf unseren Orga-Zetteln steht, wir sollen dort nachts nicht wahllos Leute provozieren, weil die gern einmal zuhauen würden. Aber das ist eben die Großstadt. Ich habe mir am Dienstagabend extra noch ein paar Folgen Großstadtrevier reingezogen, um mich richtig in Stimmung zu bringen. Wenn ich Zeit habe, muss ich unbedingt diesen Kiez-Supermarkt besuchen, über den ich schon lustige Fernsehreportagen gesehen habe.

  • Mittwoch: Die Aufregung II

    Vorrunden-Publikum im Uebel & Gefährlich © André Herrmann Detailansicht des Bildes Volles Haus am ersten Vorrunden-Abend im Bunker-Club Übel & Gefährlich. Für unsere Vorrunde, die wir am Mittwochabend im grandiosen Übel & Gefährlich vor mehr als 500 Zuschauern moderieren dürfen, haben wir uns einen kleinen Intro-Rap ausgedacht, den ich aber auch bei der fünfhundertsten Probe noch nicht auswendig kann. Weil wir nicht gerade mit sperrangelweit geöffneten Zeitfenstern am Hostel angekommen sind, bleibt eigentlich nur kurz Zeit, einzuchecken, die Tasche aufs Zimmer zu stellen und dann weiterzuziehen. Noch schnell ein paar echt asiatische Pommes beim Asiaten am Bunker Feldstraße und dann rein. Als hätte sich ein Schalter umgelegt, klappt das mit dem Intro-Rap plötzlich doch. Aber zu diesem Zeitpunkt liegen auch noch gut 60 Minuten vor unserer Moderation. Bis es soweit ist wird sich meine Körpertemperatur noch um 40 Grad erhöhen und ich womöglich achtzig Zigaretten geraucht haben. Nicht, weil ich aufgeregt wäre, sondern weil das alle so machen. Während wir also munter unsere Vorrundenteilnehmer begrüßen, trudelt auch unser “Opferlamm” ein, d.h. jener Poet, der außerhalb der Wertung das Publikum in Stimmung bringen soll.

  • Mittwoch: Der Auftakt

    Die Bühne im Uebel & Gefährlich © André Herrmann Detailansicht des Bildes Endlich auf der Bühne. Für meine Begriffe hatten wir dann auch wirklich die schönste Vorrunde überhaupt. Ein großartiges Publikum und fantastisch gute Slammer. Und wenn man am Ende sogar noch fürs Moderieren beglückwünscht und gelobt wird, kann das sicher auch nicht schaden. Danke Julius! Weil wir während der Vorrunde 2 die ganze Zeit auf der Bühne saßen, haben wir gar nicht mitbekommen, wie voll es mittlerweile im Backstage des Übel & Gefährlich geworden ist. An sich ein ziemlich großer Raum, nicht aber, wenn sich dort plötzlich 15 Teams zu je mindestens 2 Personen tummeln und aufgeregt aufeinander einplappern. Sowas steckt dann schon ein bisschen an und am liebsten wäre ich auch gleich dran gewesen. Leider kann man es als Moderator nur schwer verhindern, dass sich die wertende Jury im Laufe des Abends “hochwertet”, das heißt im Laufe der Zeit immer höhere Wertungen gibt, sodass für die ersten der auftretenden PoetInnen meist keine Chance mehr bleibt, weiterzukommen. Komischerweise passiert aber genau das in der Teamvorrunde 1 nicht, was aber auch an dem wunderbaren Moderator Jan Siegert liegen mag. Sogar vom ersten Startplatz schaffen es die 2009er Meister PauL mit einem echten Hammer-Auftritt direkt ins Halbfinale.

  • Donnerstag: Das Ausschlafen

    Auf einem Schild steht: Internet-Billiard-Kicker © André Herrmann Detailansicht des Bildes Über das Freizeitangebot kann es keine Klagen geben. Nicht, dass da falsche Schlüsse gezogen werden. Unsere Zeit bis zu den abendlichen Runden verbringen wir nicht etwa damit, uns Hamburg anzuschauen oder irgendetwas zu erleben. Stattdessen hängen wir die meiste Zeit im Hostel ab und spielen Internet-Billard-Kicker. Nein, aber bis Mittag sind die meisten sowieso damit beschäftigt, sich auszuschlafen und die Strapazen des Vorabends zu verdauen. Dass ich es am Donnerstag doch tatsächlich noch kurz vor 11 Uhr zum Frühstück geschafft habe, wird wohl ebenfalls ein glücklicher Zufall bleiben. Dafür, dass wir uns auf der Reeperbahn befinden, verbringen mein charmanter Teampartner Julius den Donnerstagnachmittag recht konventionell. Ganz schreckhaft gehen wir noch einmal unsere Einzel- und Teamtexte durch, gehen brav etwas essen und schauen anschließend mal beim Festivalzentrum im Haus III&70 vorbei. Dort hängen natürlich bereits viele Slammer herum, die irgendwie versuchen, ihre Zeit bis zum Abend zu überbrücken.

  • Donnerstag: Der Applaus

    Armbanduhr mit Stempelbär © André Herrmann Detailansicht des Bildes Wem bringt der Stempelbär Glück? À propos Lucky Loser Slam: Aus jeder der zehn Einzelvorrunden kommen die besten 4 PoetInnen ins Halbfinale. Für die jeweils fünf Fünftplatzierten geht es zum Lucky Loser Slam ins Haus III&70. Die Meinungen gehen ziemlich stark auseinander, ob man den Lucky Loser Slam toll findet oder doch lieber ausscheiden würde als daran teilnehmen zu müssen. Eingeführt 2010 bekommt so immer eine/r der fünf Fünfplatzierten des Abends noch ein Ticket fürs Einzel-Halbfinale. Anders als bei den ‘normalen’ Slams gibt es aber keine ausgewählte Jury, sondern Applauswertung und das Publikum besteht zu geschätzten 99% aus Slammern selbst. Manche nennen es einen Sympathieslam, bei dem es auf die Texte gar nicht ankommt, andere den einzigen Slam, bei dem am Ende kein Slammer über das Ergebnis meckern kann. In diesemJahr laufen die Lucky-Loser-Slams relativ gesittet ab. Zwar wird gebrüllt, dass man Angst hat, es könnte die Kacheln von den Wänden abplatzen lassen, aber anscheinend nehmen sich einige doch noch zurück, bevor sie vor Luftknappheit in Ohnmacht fallen.

  • Donnerstag: Das Ausklamüsern

    Backstage im Uebel & Gefährlich © André Herrmann Detailansicht des Bildes Alkoholfreie Getränke sind backstage in der Unterzahl. Bevor es aber mit dem Donnerstags-Lucky-Loser-Slam weitergeht, müssen zuerst die Teilnehmer ausklamüsert werden. Meine Vorrunde ist im Übel & Gefährlich, Julius muss ins legendäre Molotow auf die Reeperbahn. Wie immer seit 2009 bekomme ich Startplatz 2 und erfreue mich meines Lebens. Julius trifft es nicht besser und bekommt Startplatz 3. In meiner Runde darf ich auf Giganten wie Vorjahressieger Patrick Salmen oder Torsten Sträter treffen, für die so ein Startplatz ziemlich egal sein kann, da sie wahrscheinlich auch als Poet, der außerhalb der Wertung auftritt, den Slam gewinnen würden. Meist reicht schon das Ansagen ihres Namens und die 40 von 50 Punkte-Marke ist bereits überschritten. Genau das beweist sich dann auch, zu recht wohlgemerkt. Patrick wird vom zweiten Startplatz aus Rundensieger, dicht dahinter Sträter, Svenja Gräfen und Nektarios Vlachopoulos, Martin Geyer muss zum Lucky Loser Slam (den er später auch gewinnt), ich bin raus (aber das ist okay). Die gute Nachricht: Julius ist weiter und muss am Samstag um 16.30 Uhr im Halbfinale in der Fabrik ran.

  • Donnerstag: Der Auftrittswahnsinn

    Publikum im Uebel & Gefährlich © André Herrmann Detailansicht des Bildes Der Saal im Übel & Gefährlich ist voll, Blick von der Bühne runter. Dann bei unserer Teamvorrunde ist es ganz wie immer. So vielen große Teams, die sich selbst aus den besten aller Einzelstarter zusammensetzen, wird irgendwie mulmig. Alle laufen irgendwie durch die Gegend und werden erst wieder ruhig, wenn ihr Auftritt vorbei und die Wertung zufriedenstellend war. Vierzehn Teams treten an, nur sechs kommen weiter. Da müssen schon einige Faktoren zusammenkommen, um am Ende nach dabei zu sein. Sei es, dass man sich beim Publikum schon einen Ruf erarbeitet, einen guten Startplatz hat oder das Publikum genau zum Zeitpunkt seiner besten Laune erwischt, vom eigentlichen Teamtext, der Performance und so weiter mal ganz zu schweigen. Und wie schon am Vorabend bei der ersten Teamvorrunde gelingt auch den Titelverteidigern Team & Struppi das Meisterstück, vom ersten Startplatz unter die besten sechs zu kommen. Vor uns brennen Klötgen und Koslovsky ein absolutes Reimfeuerwerk ab und sichern sich erst einmal Platz 1. Wir starten direkt dahinter als elfte, landen am Ende auf dem dritten Platz und dürfen demnach am Freitag ab 22 Uhr noch einmal im wunderschönen Hamburger Schauspielhaus ran.

  • Freitag: Der Abenteuer-Supermarkt

    An der Kasse im Supermarkt © André Herrmann Detailansicht des Bildes An der Kasse im legendären Reeperbahn-Supermarkt. Da Freitagvormittag nichts weiter anlag, nutzte ich die Zeit, um sie mit nichts zu füllen. Dann muss ich von diesem Supermarkt erzählen, der mitten auf der Reeperbahn ist. Im Internet habe ich gesehen, dass der Supermarkt der härteste seiner Klasse sein muss. Ständig werden Leute rausgeschmissen, ständig gibt es Ärger und das wohl längste Regal des Ladens ist das Schnapsregal. Wie dem auch sei: Auf dem Weg zum Fußball konnte ich nicht wiederstehen und musste da rein. Und als hätte ich es bestellt wurde direkt vor mir erst einmal rumgeschrien und rausgeschmissen. Und weil ich eigentlich nur eine Flasche Wasser kaufen wollte, mich die Belegschaft und vor allem die Einkaufenden aber schon völlig unverständig anschauten, packte ich noch schnell vier Dosen Bier dazu, um nicht schlecht aufzufallen. Würde ich Einkäufe sammeln, wäre dieser eines meiner Lieblingsstücke.
    Für Menschen, die Schwierigkeiten haben, andere Menschen anzusprechen, ist die Reeperbahn sowieso ein fantastischer Ort. Alle paar Meter wird man, ohne dass man sich darum bemühen müsste, angesprochen und eingeladen, mit ins Haus zu kommen und auch, wenn man einfach nur ein paar Schläge abbekommen will, alles kein Problem.

  • Freitag: Das U20-Finale

    Beim Slam-Fußballspiel © André Herrmann Detailansicht des Bildes Vor dem U20-Finale gab es das traditionelle Fußball-Turnier. Das U20-Finale war dicht bepackt mit Zuschauer in diesem herrlichen Theater, in dem wir schon ein paar auftreten durften. Im Zuschauerraum saß ich noch nie und vom ersten Rang aus sieht das Haus auch viel kleiner und kompakter aus, als wenn man unten auf der Bühne steht. Der gute Rasmus Blohm, der auch Filme über seine Road to Slam2011 gedreht hat, bekam leider den ersten Startplatz, blieb aber bis fast zum Schluss noch ziemlich weit oben und wurde am Ende Vierter. Ebenso erwartbar eine starke Josefine Bergholz, die leider den Sprung ins Stechen verpasst und nun Dritteplatzierte ist. Den zweiten Platz holte sich Philipp Herold, bei dem es auch längst überfällig war, mal so weit zukommen. Die Krone aber holte sich ein unglaublicher Alex Meyer, den ich noch nie vorher gesehen hatte, der aber an diesem Abend sowas von zurecht gewann. Ein absoluter Wrestler-Typ im Undertaker-Shirt, der genau die Dinge bedient hat, die ich an Texten mag: Lustig, aber nicht ganz ohne Sinn, ein bisschen pathetisch, ohne sich selbst dabei wirklich zu ernst zu nehmen und zusätzlich eine nicht überzogene Show. Was hab ich gelacht, über den Jungen.

  • Freitag: Das Team-Halbfinale I

    Der Saal im Schauspielhaus © André Herrmann Detailansicht des Bildes Saal-Beschnuppern im Schauspielhaus. Dann aber Teamfinale. Alle völlig aufgekratzt. Aus irgendeiner Laune heraus hatte ich am Nachmittag prophezeit, dass wir den achten von zwölf Startplätzen bekommen und so geschah es. Direkt vor uns die Erzfreunde, sprich Großmeister Sebastian23 und Megastar Lars Ruppel, sodass einem schon ein bisschen mulmig werden kann. Blöd für Team PauL, schon wieder erster Startplatz. Dort fackeln sie aber schon wieder so ein Feuerwerk wie in der Vorrunde ab und holen sich über 45 Punkte. Kurz danach dann Titelverteidiger Team & Struppi, die mal eben über Nacht einen höllisch guten Text fabriziert haben, mit denen sie locker über 49 Punkte kommen. Nur Allen Earnstyzz kam da noch knapp drüber. Alles in allem irgendwie politische Themen, derer das Publikum aber nie müde wurde. Blöd, wenn man dann weiß, dass wir eigentlich nur Quatsch rappen wollten.

  • Freitag: Das Team-Halbfinale II

    Das Publikum im Schauspielhaus © André Herrmann Detailansicht des Bildes Volles Haus, voller Erfolg. Die Erzfreunde stiegen natürlich auch noch hoch mit ein, dann wir. Und es war der Wahnsinn. Es fühlte sich so unglaublich gut an. Zwar hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, dass wir wegen der vielen Zwischenappläuse weit über der Zeit waren, aber es funktionierte einfach alle. Und dann gab’s dafür einfach mal vier von sieben Zehnen, der Rest alles im 9er-Bereich, abschließende 49,6 Punkte für uns, unglaublich. Und so blieb das dann, hätte ich nie gedacht. An dieser Stelle könnte ich noch einige hundert Male so etwas wie Wahnsinn, Klasse, Wow usw. schreiben, aber das erspare ich euch einfach. Kurz gesagt: Ich kriege noch immer eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie großartig das gestern Abend war. Und so kommt es denn nun auch, dass wir es tatsächlich nebst fünf weiteren Hammerteams ins Finale in die O2 World und damit vor mehr als 4.000 Zuschauer geschafft haben.

  • Sonnabend: Das Aufwachen

    Szene vom Einzel-Halbfinale in der Fabrik © André Herrmann Detailansicht des Bildes Eine Veranstaltung jagt die nächste. Warum noch kein Soziologe erforscht hat, warum man immer am letzten Tag der deutsprachigen Meisterschaften, sprich genau dann, wenn alle Teilnehmer längst nur noch unterbewusst funktionieren, warum man immer genau dann die meisten aller Veranstaltungen besuchen muss, das würde mich interessieren.
    Morgens um 9 Uhr klingelt mein Wecker, ich will mich nicht daran erinnern, wann ich in der vergangenen Nacht ins Bett gegangen bin, aber ich weiß, dass es zu spät war, um schon um 9 Uhr wieder auf den Beinen zu sein. Die letzten Tage waren gütig, nie gab es Veranstaltungen am Vormittag, heute aber steht das Slammastermeeting auf den Programm. Das Slammastermeeting ist quasi das offizielle Plenum der Slamszene. Es setzt sich lose zusammen aus allen Slamveranstaltern, die bei den Meisterschaften zugegen sind und gibt für das nächste Jahr die etwaige Richtung der Szene vor. Mittlerweile sehen alle irgendwie fertig aus. Die Ergebnisse der ersten Einzel- und des Teamhalbfinales wurden gestern noch ausgiebig gefeiert. Um niemanden mit Details zu langweilen hier nur die nötigsten Informationen: Alle lieben die Meisterschaften in Hamburg. Alle sind begeistert von der Organisationsleistung. (Fast) Alles lief perfekt. Die nächsten Meisterschaften finden im November 2012 in Heidelberg und Mannheim statt.

  • Sonnabend:

    Das Einzel-Halbfinale in der Fabrik © André Herrmann Detailansicht des Bildes Frank Klötgen bei seinem Halbfinal-Auftritt in der Fabrik. Wenn man bedenkt, dass sich die Meisterschaften allein ums gesprochene Wort drehen, verwundert es nicht, wenn ich sage, dass das Slammastermeeting wie immer sehr lang dauerte. Problematisch nur, wenn man danach noch etwas essen und zum dritten Halbfinale, bzw. einfach nur noch schnell fünf bis zwölf Stunden schlafen will. Es folgt das Übliche: Irgendetwas Snackäßiges am Kiosk, kein Schlaf, gleich weiter zur nächsten Veranstaltung.
    Der Loself hat die letzten beiden Einzelhalbfinals, die am Nachmittag des Finaltags in der Fabrik stattfinden, mit besonders schweren Slamgewichten bestückt. Man denke da nur an SMAAT-Größen wie Gabriel Vetter, Sebastian23 oder Lars Ruppel. Aber auch Julius ist noch dabei und wenn man meinem Tipp beim Wettbüro Christian Ritter folgt, kommt er auch ins Finale.
    Ich hätte gedacht, dass es vielleicht schwierig werden würde, an einem Samstag um 14.30 Uhr und 16.30 Uhr Menschen dazu zu bewegen, sich in eine alte Fabrikhalle zu setzen und sich einen Poetry Slam anzuschauen, aber sie kamen zuhauf, wie hätte es denn auch anders sein können. Und wenn es am Ende bei Julius auch leider nicht klappt, so gehen mit Sebastian23 und Laurin Buser doch zumindest zwei meiner Finaltipps auf.

  • Sonnabend:

    Vor dem Auftritt in der Halle © André Herrmann Detailansicht des Bildes Die Halle vor der großen Show. Während Julius und einige andere noch ihr Halbfinale bestreiten, sollen alle, die nichts zu tun haben, schon zur Probe in die O2 World am Volkspark. Und weil wir uns direkt an die Fersen des Orgateams hängen, bringt man uns sehr bequem mit dem Taxi bis vor die Tür der Halle. Wir kriegen lustige Armbänder und Punkte auf unsere Festivalpässe, mit denen wir uns beim Catering verköstigen dürfen, man zeigt uns den Backstage und dann schließlich auch die Bühne. Ein Riesending, also die Bühne, der Zuschauerraum noch weitaus riesiger. 3.900 verkaufte Karten, das ist der Stand vom Vortag, später wird gemunkelt, dass für 5.500 Zuschauer bestuhlt wurde. Dreitausendneunhundert. Im letzten Jahr in Bochum waren es 2.000 und schon das war das Wahnsinn. Wie sich ein Slam vor 3.900 Menschen anfühlen muss, darüber will ich noch gar nicht wirklich nachdenken. Schon im Schauspielhaus haben so viele Leute Platz, dass ihr Geklatsche und Gejohle jedes Mikrofon locker übertönen kann. Und wenn man dann beim Text plötzlich Zeitdruck und das Publikum Lust zu klatschen hat, dann aber prost Mahlzeit.

  • Sonnabend:

    Die Halle vor den Finals des Slam 2011 © NDR.de Fotograf: Marc-Oliver Rehrmann Detailansicht des Bildes Die ersten der knapp 4.000 Zuschauer trudeln ein. Irgendwann kommen auch Julius und die anderen. Alle sind aufgeregt, das merkt man sofort, aber gleichzeitig schon unglaublich professionell, dass man sicher sein kann, dass nichts schief gehen wird. Noch läuft Michel Abdollahi, der Conferencier des Abends, in seinem St. Pauli-Anzug herum, aber bald schon hat er ihn gegen einen schönen Anzug gewechselt. Wir essen etwas vom fantastischen Buffet, proben unsere Texte noch ein paarmal, alles sitzt, wir rauchen, wir trinken Cola, rauchen und gehen nochmal unsere Texte durch.
    Aus irgendeinem Grund sind Julius und ich gar nicht wirklich aufgeregt. Also nehmen wir uns vor, uns noch einen Teil des Einzelfinals auf der Zuschauertribüne anzuschauen. Ein tolles Gefühl, wenn einem gestandene Poeten, die man selbst mehr als schätzt, dann noch sagen, dass sie einen heute gern gewinnen sehen würden. Und als dann der HSV im benachbarten Stadion das 1:1 schießt und das große Finale des Slam2011 seinen Anfang findet, geht es los. Ich bin so unglaublich aufgeregt. Meine Hände schwitzen, irgendwie habe ich das Gefühl, dass alles an mir schwitzt, dass es sicher sehr schön ist, dort unten zu stehen, aber dass es vielleicht nicht unbedingt ich sein müsste, dass so ein Finale ja schön und gut ist, aber nicht gerade ich derjenige sein müsste, der vor Aufregung seinen Text vergisst, von der Bühne fällt oder live im Internet in Ohnmacht fällt.

  • Sonnabend: Das Einzel-Finale

    Nektarios Vlachopoulos feiert seinen Einzel-Sieg beim Slam 2011 © NDR.de Fotograf: Marc-Oliver Rehrmann Detailansicht des Bildes Nektarios Vlachopoulos triumphiert im Einzel. Und dann steht Titelverteidiger Patrick Salmen plötzlich schon wieder im letztendlichen Zweiter-Stechen des Einzelfinales, gemeinsam mit Nektarios Vlachopoulos. Und letzterer kriegt dann einfach das Publikum voll in seinen Bann. Und gewinnt. Alles toll, aber so richtig freuen kann ich mich in diesem Moment noch nicht für ihn. Auch wenn ich es ihm von Herzen gönne, in diesem Moment bin ich viel zu sehr damit beschäftigt, keinen Herzinfarkt zu bekommen.
    Dann Klötgen und Koslovsky als Opferlamm. Dann Vorjahressieger Team & Struppi mit einen kongenialen Text. Wir wissen, dass wir auf dem vierten Startplatz sind, d.h. fernab jedweder mathematischen Rechenspiele, d.h. entweder wir setzen uns einfach gleich ganz an die Spitze und mindestens eines der nachfolgenden beiden Teams, namentlich Erzfreunde und Allen Earnstyzz, schafft es nicht, uns zu überbieten, oder wir sind so gut wie raus und nicht im Zweier-Stechen.

  • Sonnabend: Das Team-Finale I

    Der Kranz für die Team-Sieger © André Herrmann Detailansicht des Bildes Der Lohn aller Mühen: der Siegerkranz. Direkt vor uns Torsten Sträter und der neue Vizemeister Patrick Salmen. Das Publikum steht auf sie, so fühlt es sich hinter der Bühne an. Julius sitzt einfach da und wartet, ich muss ständig sinnlos hin und her laufen. Einfach Spaß haben, das haben wir uns gesagt. Und es einfach genau so machen wie am Vorabend im Schauspielhaus, dann kann zwar immer noch alles schief gehen, aber zumindest können wir dann mit uns zufrieden sein.
    Und dann gehen wir also hoch und ich werde bewusstlos, also im guten Sinne. Es funktioniert einfach, alles geht automatisch und macht so unglaublichen Spaß, den man uns, glaube ich, auch anmerkt. Das Publikum hat mindestens genau so einen Spaß und dankt uns die Sache mit sagenhaften 49,4 von 50 Punkten. Wahnsinn, da kommen auch die drei Goldjungs von Allen Earnstyzz vom letzten Startplatz nicht ran. Dann eine kleine Pause in Form eines Sacrifice Poems vom Poetry-Slam-Erfinder Marc Kelly Smith. Und wir sind immerhin schonmal Zweite, haben unser Soll also mehr als erfüllt.

  • Sonnabend: Das Team-Finale II

    Das "Team Totale Zerstörung" auf der Bühne im Finale © NDR.de Fotograf: Marc-Oliver Rehrmann Detailansicht des Bildes Alles läuft perfekt. Allen Earnstyzz starten als erste ins Stechen. Dann wir. Und es geht einfach immer weiter. Man kann sich das nicht vorstellen, was für ein unbeschreiblich gutes Gefühl es ist, auf eine Bühne zu kommen und das Publikum schon dabei ausrasten zu sehen. Und unser zweiter Text funktioniert einfach genau so, wie der erste, wenn auch völlig anders. Und es gibt unglaubliche 49,7 von 50 Punkten dafür. Und standing ovations. Für unsere Blödelei, absoluter Wahnsinn. Da stehen halt einfach alle auf für dich, weil sie es wirklich wertschätzen, was du da gerade abgeliefert hast. Dann schütteln dir plötzlich haufenweise Leute die Hand, umarmen dich, überreichen dir einen Gutschein für eine Reise nach Chicago, hallo? Und alles wirkt total surreal, das sagen wir dann auch beim Interview: surreal.

  • Sonnabend: Die After-Show-Party

    Der Siegerkranz im Gepäckfach © André Herrmann Detailansicht des Bildes Der Slam ist zu Ende, der Siegerkranz bleibt. Denn eine Stunde später steht man dann mit einem Bier in der Hand vorm Haus III&70, kaum eine/r der Slammerinnen und Slammer ist da, weil man selbst ganz dekadent mit dem Taxi und nicht mit dem Shuttle-Bus gefahren ist und alles fühlt sich leer an. Gabriel Vetter, der mit uns im Taxi gefahren ist, hat etwas sehr Treffendes über dieses Gefühl gesagt, nämlich dass er nach seinem Sieg bei der Meisterschaft 2004 auch einfach hätte ins Hotel gehen und ein wenig TV gucken können.
    Später natürlich ist noch einmal alles anders. Denn als die Slammer eingetroffen sind und das Festivalzentrum zur Partyzentrale umfunktioniert wird, werden wir noch einmal von einer Lawine aus Liebe überrollt. Fantastisch. Vielen vielen Dank an alle, die uns gestern in der O2 World die Daumen gedrückt haben, vielen Dank an alle, die uns gestern per Internet zugeschaut und vor ihrem Computer geklatscht haben, vielen Dank an alle, die an der Organisation des Slam2011 mitgewirkt haben. Und den allergrößten Dank an Julius, der Anfang 2008 auf die Idee kam, dass es vielleicht ganz lustig wäre, mal ein Team zu gründen. Es macht von Jahr zu Jahr mehr Spaß.

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So läuft das Leben von André Herrmann

André Herrmann wurde geboren, wuchs auf und ist die meiste Zeit seines Lebens jung. Mittlerweile ist er bachelorierter Politikwissenschaftler mit Hang zum Master, seit April 2008 tritt er monatlich als Gründungsmitglied bei der Leipziger Lesebühne Schkeuditzer Kreuz auf. Als Internetenthusiast veröffentlicht er seit 2006 in seinem zur Weltverbesserung gegründeten Blog auf http://www.andreherrmann.de unaufhörlich Geschichten seinem noch jungen, aber bereits recht erfolgreich absurden Leben. Er gewann zahlreiche Poetry Slams im deutschsprachigen Raum, wurde 2010 mit dem legendären Team Totale Zerstörung Vizemeister, veröffentlichte bereits in vielen Zeitschriften und Anthologien und ist Träger des Michael-Lindner-Preises 2009. In Planung befinden sich mehrere nerven- und buchmarkterschütternde Romane, ein Progressive-Rock-Album und die Anschaffung einer Katze.

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Der Slam-Poet aus Leipzig bietet allerlei Lesenswertes in seinem Blog.

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Die Preise für die Sieger in der Garderobe © NDR.de Fotograf: Marc-Oliver Rehrmann
 
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Die Sieger und Verlierer beim Höhepunkt der Poetry-Slam-Meisterschaften in Hamburg.

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