Stand: 24.09.2016 21:22 Uhr

Opernsaison startet mit greller "Zauberflöte"

von Daniel Kaiser

Diese Zauberflöte beginnt mit einem Herzinfarkt. Während der Ouvertüre wird ein betagter, graubärtiger Tamino von Sanitätern aus der ersten Reihe auf die Bühne getragen. Sie gehen mit ihm durch einen Tunnel ins Licht. Tamino sieht sein Leben an sich vorbeiziehen: Wie er als Findelkind von Nonnen (mit einem Habit fast wie in Fellinis vatikanischer Modenschau im Film "Roma") aufgezogen wird, sich als Skateboard-Halbstarker mit dem Rastalocken-Proll Papageno anfreundet und die beiden dann Pamina suchen. Die Zauberflöte wird zum lebenslangen Roadtrip zur wahren Liebe.

Gesicht zwischen Lichertketten.

Staatsoper: Mozarts "Zauberflöte" in neuem Licht

Hamburg Journal -

Mit einer neuen Inszenierung von Mozarts "Die Zauberflöte" eröffnete die Staatsoper ihre neue Saison. Und um ganz Hamburg einzustimmen, erklang das Werk auch mitten in der Stadt.

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Grelles, steriles Dauerfeuer

Die Hauptrolle spielt das Licht (Paulus Vogt). Riesengroße Vorhänge mit zehntausenden LED-Lampen übernehmen die Erzählung. Die Technik lässt auf ihnen Figuren aus Licht tanzen. Man sieht Regen, Reeperbahn-Reklame und Sternschnuppen. Die Lampen flackern, blenden und polarisieren. Zuschauer lästern in der Pause, das Alsterhaus habe der Staatsoper wohl seine Weihnachtsbeleuchtung ausgeliehen. So spektakulär diese Effekte sind, so schnell ermüdet man auch unter ihrem originellen und letztlich auch sterilen Dauerfeuer. Es ist eine Überdosis Licht. Die Sänger stehen oft im Dunkeln.

Roter Pfeil statt Zauberflöte

Papageno (Jonathan McGovern: mit Schalk, ungeheurer Spielfreude und allem, was man als Publikumsliebling sonst noch so braucht) und Tamino (Dovlet Nurgeldiyev: wunderschön lyrisch) irren wie durch eine Computerspiel-Matrix. Sie schlängeln sich durch die wild blinkenden Lichtvorhänge. Zauberflöte und Glockenspiel werden zu roten, leuchtenden Pfeilen, die ihnen in ihren Händen den Weg von Level zu Level zeigen: Junge Leute von heute auf der Suche nach Liebe - echte Menschen mit echten Gefühlen. Pamina (Christina Gansch: mit herzzerreißend schönen Bögen) wartet schon.

Königin der Nacht versteckt

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Es wird geliebt, geträumt und getäuscht

"Die Zauberflöte" von Mozart zählt zu den weltweit bekanntesten und am häufigsten inszenierten Opern. Es geht darin um Liebe, Träume, Täuschungen und Vertrauen. Bildergalerie

Sarastro (Andrea Mastroni: bedingt facettenreich) und die Königin der Nacht (Christina Poulitsi mit Koloraturen zum Niederknien) singen dagegen im Orchestergraben. Ihre Gesichter werden gefilmt und dann verzerrt auf die Lichtvorhänge projiziert. Sie sind nur Typen, Schicksals-Prinzipien, die im Schlussbild yin-und-yang-artig über allem schweben.

Der Dirigent Jean-Christophe Spinosi entlockt dem Philharmonischen Staatsorchester (jedenfalls den Musikern, die nicht gerade auf Tournee in Südamerika sind) frische, freche ungehörte Töne. Diese Musik hat mehr Mozart-Punk als alle grellen Lampen an diesem Abend zusammen.

Buh-Konzert für Jette Steckel

Der Versuch der Regisseurin Jette Steckel, ihren Erfolg mit dem Licht-Trick aus dem Thalia-Theater ("Romeo und Julia", 2014) zu wiederholen, ist nicht geglückt. Möglicherweise fehlt ihr letztlich auch noch das Händchen für Musiktheater. Der Chor steht bisweilen herum wie in einer konzertanten Aufführung. Die Sprechszenen haben entsetzliche Längen. Steckel lässt einmal wirklich und wahrhaftig das Saal-Licht angehen und das Publikum mitsingen.

Energie und Drama konzentrieren sich vorwiegend in den LED-Leuchten. Bei Steckel werden die Sängerinnen und Sänger zu Erfüllungsgehilfen des Special Effects. Ironischerweise ist eine der wenigen Szenen, die wirklich leuchten, eine ohne den ganzen Licht-Schnickschnack: Als nämlich Papageno sich sehr ergreifend eine Partnerin wünscht und dann tatsächlich seine Papagena findet. 

Schon zur Pause - der letzte Ton war nicht ganz verklungen – schreit jemand im Publikum "Fälschung!" auf die Bühne. Und während am Ende Sängerinnen, Sänger und das Orchester recht viel Applaus bekommen, tobt ein Buh-Orkan in Richtung Regisseurin Jette Steckel.

Papageno aus Wandsbek

Etwas friedlicher ist es zur selben Zeit an der Binnenalster. Dort wird die Oper zeitversetzt auf eine Leinwand übertragen. Schon am Nachmittag sind dort Mozart-Fans aus ganz Hamburg zusammengekommen. Beim Projekt "Moin Mozart" hatten sie in den vergangenen Wochen die Erkennungsmelodien der Zauberflöte eingeübt. Jeder Hamburger Bezirk hatte eine andere Rolle: Wandsbek war beispielsweise der Vogelfänger, Altona die Königin der Nacht. Gemeinsam singen nun Große und Kleine - manche in Verkleidung- mit Leidenschaft die Ohrwürmer aus der Zauberflöte.

Zauberflöte unter freiem Himmel

Zur Übertragung aus der Staatsoper kommen hunderte Hamburger mit Decken und Sitzkissen und machen es sich mit Wein und Chips am Alsteranleger gemütlich. Zum Verbeugen erscheinen die Sänger am Schluss vor der Leinwand. Da fällt der Schlussapplaus dann doch noch freundlicher aus als in der Staatsoper. "Das ist schön!", ruft ein hörbar erleichterter Intendant Georges Delnon ins Mikrofon.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 24.09.2016 | 08:30 Uhr

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