Stand: 17.11.2017 14:36 Uhr

Überjazz "ist und bleibt ein Live-Ding"

An zwei Abenden werden beim mittlerweile achten Überjazz-Festival auf Kampnagel wieder mehr als 25 Künstler aus aller Welt an den vermeintlichen Stilgrenzen des Jazz-Begriffs rütteln. Ein Festival also, auch für Besucher, die sich nicht zwangsläufig als jazzaffin im herkömmlichen Sinne begreifen.

Künstler aus Los Angeles

"Es gibt einfach viel zu viel gute Musik, die da herkommt. Es ist ja nicht erst seit gestern bekannt, dass in Los Angeles viel passiert und dass dieser massive HipHop-Einfluss, der massive J-Dilla-Einfluss sich da breit gemacht hat", sagt Festivalleiter Heiko Jahnke. So gilt der Schwerpunkt bei Überjazz auch in diesem Jahr wieder der Szene aus Los Angeles. Jahnke freut sich über die Möglichkeit, diese Künstler hier zu präsentieren, denn gerade in Hamburg sei das nicht unbedingt an der Tagesordnung.

Ob ein Moses Sumney mit eindringlichem Gesang, der wild-virtuose Percussionist Carlos Niño - oder Thundercat, das Monster am sechssaitigen Muckerbass. "An Thundercat sind wir sehr lange dran. Aber es hat in den Vorjahren nie geklappt, weil er zu dem Zeitraum in der Regel nicht in Europa war und wir nicht das Budget haben, dass wir jemanden mit Band rüber holen könnten", erzählt der Festivalkoordinator.

Überjazz überwindet Stilgrenzen

2016 kam er endlich - und dieses Jahr gleich wieder. Eine stupide Wiederholung wird der Gig trotzdem nicht. Es sei eine komplett andere Show, "denn beim letztjährigen Überjazz-Set war 'Drunk', also sein im Februar veröffentlichtes Album, war noch nicht draußen, seine Band war eine andere und es gibt ein viertes Bandmitglied." Es ist kein geringer als Miguel Atwood-Ferguson - der Mann schlechthin für Streicher-Einsätze aller Art in L.A.

Auch Robert Glasper kommt - seit jeher ganz vorne mit dabei, wenn es darum geht, die Stilgrenzen zwischen Jazz, HipHop und R’n’B aufzulösen. Die vergangenen Jahre war er viel mit seinem Robert-Glasper-Experiment unterwegs. Für Heiko Jahnke etwas zu viel: "Für mich drehte sich dann auch so ein bisschen im Kreis, ehrlich gesagt. Da muss man schon großer Vocoder-Liebhaber sein. Ich fand das gut, dass er aus dem Ding wieder rausbricht." In diesem Jahr spielt Robert Glasper in der Originalbesetzung seines Akustik-Trios - zusammen mit DJ Sundance. Jahnke glaubt, dass das ziemlich spannend wird.

Neues aus dem wenig beachteten London

Neben dem U.S.-lastigen Teil des Line-Ups ist diesmal auch London impulsgebend. Popkulturell sei das ganz klar ein wichtiger Ort. Aber auch ein Ort, so Heiko Jahnke, der hierzulande musikalisch noch immer zu wenig beachtet werde. Er habe oft das Gefühl, dass Musik aus England es in Deutschland nicht so leicht hat. In den herkömmlichen Jazz-Bahnen - seien es die Festivals oder seien es auch die Clubs -  finde vieles von dem gar hier nicht statt. "Und man hat viele junge Bands, die aus London kommen, ganz viele verschiedene Stilistiken."

So verbindet Zara McFarlane mit ihren jamaikanischen Wurzeln Jazz und Soul. Und Yussef Dayes und Kamaal Williams liefern futuristischen, von Broken Beat und Grime getränkten Jazz-Funk: "In der Szene passiert tierisch viel und sobald sich solche Sachen auftun, ist es wiederum unser Anliegen, dass abzubilden", so Jahnke.

Mehr Musikerinnen beim Überjazz-Festival

Eher stiefmütterlich behandelt wurden im vergangen Jahr die weiblichen Acts beim Festival. Denn es sei auch so: "Dieses Booking ist ja am Ende leider kein Wunschkonzert - es klappt einfach vieles nicht." Diese Jahr sieht es besser aus: Mit Sudan Archives, Poppy Ajudha, der Schweizer Echo-Jazz-Gewinnerin Lucia Cadotsch oder Melanie De Biasio aus Belgien stehen Ausnahmestimmen auf der Bühne. - "Wir wollen da auch überhaupt kein großes Aufheben drum machen oder so. Ich denke, am besten ändert man halt einfach die Zustände durch Präsenz", meint Jahnke.

Auch Hamburger Szene stark vertreten

Präsenz zeigt diesmal auch die Hamburger Szene - in Form  des Kollektivs Jazzlab - seit 2015 Label, Club und ein Verbund verschiedener Musiker. Die Idee dahinter: "Das Vorurteil aufzubrechen, das der Begriff Jazz bei der Jugend hat. Einfach offen Musik darzustellen. Und ein zweiter wichtiger Punkt ist Improvisation."

Veranstaltungen

Die Vielfalt des Jazz beim Überjazz Festival

17.11.2017 09:57 Uhr

Das Überjazz Festival bietet auch 2017 einen Mix aus Verwegenem und Gediegenem, aus Alt und Neu, aus Elektronik und Akustik - an zwei Abenden in der Kulturfabrik Kampnagel. mehr

Jazzlab-Mitglied Manuel Mera sieht darin eine Form der Kommunikation - musikalisch und zwischenmenschlich. Das sei eine sehr besondere Kommunikation. "Ich glaube, das wirkt sich dann wieder dahingehend aus, dass wir dann sagen: Hey, es gibt doch hier mehr Leute, die ähnlich denken und wir versuchen die mit reinzunehmen und denken, wenn wir ein Kollektiv sind, haben wir mehr Ressourcen."

Aus diesem Gedanken heraus spielen am Freitag fünf Bands eine dreistündige Live-Show - ganz ohne Pause. "Für uns ist die Herausforderung gut", sagt Manuel Mera. "Das ist einfach was anderes, als beim Improvisieren. Es ist was Neues, das kennt man noch nicht und man kann sich nur bedingt drauf vorbereiten. Wir haben dann Instrumente für 30 Musiker auf der Bühne, die müssen alle verkabelt werden. Logistisch ist das ein Alptraum. Aber ich glaube, das sieht gut aus."

Einmal mehr der Beweis, dass das Überjazz-Festival nicht nur die Genregrenzen des Jazz weiter auslotet, sondern auch unabhängig von Studioproduktionen auf der Bühne noch einmal ganz andere Dinge passieren. Oder mit den Worten von Heiko Jahnke: "Es ist und bleibt ein Live-Ding, das Ganze."

Überjazz "ist und bleibt ein Live-Ding"

Das Überjazz Festival bietet einen Mix aus Verwegenem und Gediegenem, aus Elektronik und Akustik - an zwei Abenden in der Kulturfabrik Kampnagel. Mit dabei: Robert Glasper und Trio.

Art:
Konzert
Datum:
Ende:
Ort:
Kulturfabrik Kampnagel
Jarrestraße 20
22303  Hamburg
Telefon:
(0 40) 413 22 60
Preis:
47,50 Euro, Zweitagesticket: 75 Euro.
Kartenverkauf:
An allen Vorverkaufsstellen und unter www.ueberjazz.com
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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 18.11.2017 | 09:55 Uhr

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