Stand: 25.07.2017 13:56 Uhr

Ungewöhnlicher Auftakt in Bayreuth

In Bayreuth beginnen die 105. Richard-Wagner-Festspiele mit einer Neuinszenierung der Oper "Die Meistersinger von Nürnberg". Regie führt der Australier Barrie Kosky, der eigentlich nie wieder Wagner inszenieren wollte, sich letztlich aber doch an den Grünen Hügel hat locken lassen. Dirigent ist der Schweizer Philippe Jordan; auf der Bühne steht unter anderem Klaus Florian Vogt. Jan Wiedemann hat mit der NDR Kultur Opernredakteurin Sabine Lange gesprochen.

NDR Kultur: Frau Lange, die Bayreuther Festspiele sind ungewöhnlich gestartet, und zwar mit einem Festakt zu Ehren des Wagner-Enkels und ehemaligen Festspielleiters Wieland Wagner, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Wie haben Sie den Abend erlebt?

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Opernredakteurin Sabine Lange berichtet für NDR Kultur aus Bayreuth.

Sabine Lange: Das war tatsächlich ein ungewöhnlicher Abend, denn im Festspielhaus dürfen eigentlich nur die zehn Hauptwerke Wagners aufgeführt werden. Und so ein konzertanter Festakt ist da schon ein historisches Ereignis. Die Festspielleiterin Katharina Wagner musste die Genehmigung des Stiftungsrates einholen, weil in diesem Festakt auch Musik aus Giuseppe Verdis "Othello" und Alban Bergs "Wozzeck" aufgeführt wurde.

Katharina Wagner sprach ein kurzes Grußwort und ich hatte den Eindruck, dass ihr das schwerfiel. Sie erzählte, dass sie erst gut zwei Jahrzehnte nach dem frühen Tod Wieland Wagners geboren sei, ihren Onkel also nur als theaterhistorische Persönlichkeit gekannt habe. Etwas anderes zu behaupten, empfände sie als anmaßend und als Lippenbekenntnis. Sie wies dann ausdrücklich darauf hin, dass Wielands Kinder Nike, Daphne und Wolf Siegfried den Festakt gemeinsam mit ihr vorbereitet hätten. Für mich klang das so, als wolle sie dadurch jeden Eindruck von Familienstreit hinter den Kulissen vermeiden.

Eigentlicher Festredner war der ehemalige Intendant der Bayerischen Staatsoper Sir Peter Jonas. Was hatte der über Wieland Wagner zu sagen?

Lange: Jonas hat eine sehr lange Rede gehalten, mal mit britischen Charme, aber dann auch wieder sehr ernst. Er erzählte von Wieland Wagner und seinem großen Einfluss auf Neu-Bayreuth. Am Ende hat auch noch Wolf Siegfried Wagner, also der Sohn Wieland Wagners, gesprochen. Der klang teilweise verbittert, als er sagte: Jetzt wollen sie dich, Wieland, zum Nazi machen, dabei hast du doch den Karren aus dem Dreck gezogen.

Bayreuth und der Nationalsozialismus scheint in diesem Jahr deutlicher Thema zu sein als in den vergangenen Jahren. Täuscht dieser Eindruck?

Lange: Nein, diesen Eindruck teile ich durchaus. Es gibt zum ersten Mal ein Symposium bei den Festspielen zu den Themen Wagner im Nationalsozialismus und dem Musiktheater nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gibt eine Ausstellung und ein Symposium zu Wieland Wagner im Richard Wagner Museum. Es ist ja über die Jahre immer wieder an die Festspielleitung appelliert worden, sich diesem Thema zu stellen, und dies scheint mir ein ernsthafter Versuch, damit jetzt auch zu beginnen.

Und dazu ausgerechnet "Die Meistersinger" als Eröffnungspremiere, also die Oper, die von den Nationalsozialisten gerade auch in Bayreuth für Propaganda instrumentalisiert worden ist. Wie wird sich Regisseur Barrie Kosky diesem Thema widmen?

Lange: Barrie Kosky hat in der Presskonferenz gesagt, es werde auf seiner Bühne keine Hakenkreuze geben. Er werde als australischer Regisseur den Deutschen nicht fünf Stunden lang mit dem Zeigefinger drohen. Für ihn sei der Schlüssel zum Stück gewesen, zu verstehen, dass es eben nicht um deutsche Kultur an sich gehe, sondern um Wagners Fantasie davon. Aber Kosky geht es schon auch um Fragen wie: Wie konnte aus der Utopie von Nürnberg als paradiesischem Ort - Handwerkeridylle, Sonnenschein und so weiter - in nur einem Jahrhundert eine verheerende Dystopie werden? Also wie konnte sich diese Stadt von einer Art Paradies zum Schauplatz der Reichsparteitage wandeln?

Kosky sagt da ganz klar, Wagner sei nicht schuld an Auschwitz. Er sei ein künstlerisches Genie gewesen, habe fantastische Musik geschrieben, aber eben auch furchtbare, auch antisemitische Ideen gehabt. Nun bin ich sehr gespannt, wie Kosky diese Ambivalenz in seiner Inszenierung deutlich machen wird.

Das Gespräch führte Jan Wiedemann.

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Dieses Thema im Programm:

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