Stand: 07.11.2015 14:43 Uhr

Ensemble Resonanz: Jubel für Wehmut

von Daniel Kaiser

Zu seinem Konzert unter dem Titel "Der Wehmut" in der Hamburger Laeiszhalle hatte das Ensemble Resonanz Freitagabend prominente aus Indien geladen. Die bekannte Sängerin Bombay Jayashri und der Percussionist Patri Satish Kumar begeisterten das Publikum.

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In Indien sind Sängerin Jayashri und Percussionist Kumar sehr bekannt. Auch das Hamburger Publikum jubelte laut mit stehenden Ovationen.

Plötzlich war da Farbe im grauen Hamburger November. Nicht allein, weil die Gäste aus Indien (und sogar ihre Trommel) bunte Gewänder trugen. Bombay Jayashri sang wunderschöne, kunstvoll verzierte Dialoge mit den Orchestergeigen. Patri Satish Kumar erschuf allein mit Fingern und Handballen auf seiner zweiseitigen traditionellen Trommel "Mridangam" mit einer hell und einer dunkel klingenden Fläche eine ganze Klang-Sinfonie. Ihre Musik hatte oft den synkopischen Charme eines "Mission Impossible"-Soundtracks, und doch war der Abend mehr als nur ein Weltmusik-Experiment. Beim Ensemble Resonanz steckt - wie immer - mehr dahinter. Die durch und durch indisch klingende Musik stammt nämlich aus Nordeuropa.

Finnland trifft Indien in Hamburg

Natürlich klingt es erst mal wahnsinnig kompliziert und verkopft, wenn der finnische Komponist und bekennende Indien-Fan Eero Hämeenniemi einen Liederzyklus nach uralten, vorislamischen Texten über Liebe und Schmerz vertont. Und das Ensemble Resonanz dies mit einem Stück von Harrison Birtwistle verschränkt, das von John Dowlands Musik aus dem 16. Jahrhundert inspiriert ist. Diese Mischung kommt aber so ausdrucksstark und natürlich von den Musikern herüber, dass die Nebengeräusche einer vielleicht ambitioniert ersonnenen Idee vom freundlichen Dialog der Musik am Ende übertönt werden. Es war ein Genuss!

Seufzen vom Feinsten

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Versunken: Die beiden spielten mit dem Ensemble Resonanz ein Werk des finnischen Komponisten Eero Hämeenniemi.

Im ersten Teil des Konzerts hatte das Ensemble Resonanz das Publikum schon mit vielen seufzenden Geigen und den schönsten chromatischen Abwärtsbewegungen des 17. und 19. Jahrhunderts auf wehmut-technische Betriebstemperatur gebracht. Edward Elgars "Sospiri" trug das Seufzen nicht nur im Namen, sondern auch auf den Saiten. Während mit Brian Ferneyhoughs "Funérailles" dann ein eher dynamisches Trauerstück erklang, war man geneigt, bei Händels Concerto Grosso Nr. 6 die Taschentücher nicht zu tief in der Tasche versteckt zu lassen. Henry Purcells weltbekannte Arie "When I Am Laid in Earth" vor der Pause überraschte als Version für Streichorchester von Leopold Stokowski mit einer traumschönen Cello-Melodie. Einfach herrlich! Das Ensemble musizierte Wehmut, ohne sentimental oder seicht zu werden.

Meister der Begegnung

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Konzert der Begegnungen: So ein bunt gemischtes Publikum sieht man bei Klassikkonzerten selten. Es ist eine Spezialität des Ensemble Resonanz.

Auch dieser Abend hat wieder bewiesen, dass das Ensemble Resonanz ein Meister der Begegnung ist. Bei den Konzerten treffen nicht nur tote auf lebende Komponisten oder Finnen auf Inder. Hier treffen sich auch bürgerliches Publikum und Hipster aus dem Schanzenviertel. Weniger graues Haar sieht man selten in Klassik-Konzerten. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass das Orchester Appetizer-Konzerte in angesagten Clubs der Stadt organisiert und auch mit seinem Konzertsaal "Resonanzraum" im Medienbunker mitten im Stadtteil St. Pauli sitzt. Dem Ensemble gelingt es, mit seiner unprätentiösen Art und seiner aufregenden Musikmischung, ein echter Magnet für unterschiedlichste Menschen zu sein.

 

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