Stand: 12.10.2015 17:50 Uhr

An die Wand gespielt

von Daniel Kaiser

Die Hamburger Symphoniker bringen ihre Musik auf die Straße. Das Konzert am Sonntagabend in der Laeiszhalle wurde live auf die Fassade des Hochbunkers im Stadtteil St. Pauli projiziert. "MusikImPuls" heißt das Projekt für Klassik-Konzerte umsonst und draußen.

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Der Bunker wurde zur Leinwand: Das Konzert der Symphoniker wurde auf die Mauer projiziert.

Ein Generator brummt. An der großen Fassade des grauen Bunkers flackern die Live-Bilder aus dem Konzertsaal. Doch erst mit kabellosen Kopfhörern, die man sich umsonst leihen kann, gibt es die Musik dazu. Einige Dutzend meist junge Leute zwischen 20 und 30 stehen in der Kälte. Die grünen Akku-Lämpchen in ihren Kopfhörern leuchten in der Dunkelheit. Manche Zuschauer bleiben für das ganze Konzert. Einige halten nur ein paar Minuten aus. "Genau so haben wir uns das vorgestellt“, freut sich Anna Schwan, die das Projekt mit konzipiert hat. “Wir wollen Leute erreichen, die eher jünger und nicht klassikaffin sind."

Debussy auf der Brotkiste

Klassik ohne Schlips und Kragen! Ohne Etikette - dafür mit ein bisschen Sexyness und Coolness aufgeladen. Tatsächlich waren viele der Besucher noch nie in der Laeiszhalle oder einem anderen Konzertsaal und genießen die besondere Atmosphäre draußen und umsonst. "Man kann mal in einem klassischen Konzert rauchen und Bier trinken. Gibt’s noch was Besseres? Nein!" lacht einer der Hipster. Bei diesem Klassikkonzert gibt es keine Samtsessel. Man steht oder sitzt auf Dingen, die man so im Hinterhof der U-Bahn-Station findet. Einige hocken auf Brotkisten des Bäckers, der ab und durch die Hintertür auf eine Zigarette vorbeischaut, was die jungen Leute da so treiben. Auf der Hauswand dirigiert Jeffrey Tate gerade Debussy.

"Sommer wär‘ schöner!"

Konzentriert und schweigend schauen nur wenige zu. Man plaudert und lacht mit Freunden. Dass es im Kopfhörer ab und zu ein bisschen rauscht und knackt oder die Verbindung hakt, ist da halb so schlimm. Ein Pärchen kuschelt sich bei der Musik aneinander. Es ist kalt. Das Open Air-Publikum ist tapfer. "Im Sommer wär‘s schöner", räumt Anna Schwan ein. "Aber das Gute ist, dass wir dieses Projekte über zwei Spielzeiten haben dann noch viel Sommer erleben können." Geld für diese besondere Musikvermittlungsaktion kommt aus dem Kulturhaushalt der Bundesregierung.

Erfolgreicher Start auf St. Pauli

Konzert

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Mit einem großen Erfolg war "MusikImPuls" bereits Ende September mit einem Pop-up-Konzert gestartet, das eigentlich ebenfalls unter freiem Himmel stattfinden sollte, dann aber wegen Regens in die St. Pauli Kirche verlegt werden musste. Die Organisatoren hatten zuvor gezielt Hamburger Blogger zu einem Frühstück eingeladen, um unter jungen, internetaffinen Menschen für die Aktion zu werben. Die Kirche war tatsächlich am Ende picke-packe-voll. Lauter junge Leute waren da: Familien mit Kindern, Hipster mit Bierchen. Sie erlebten einen jazzigen Appetizer für den Saisonauftakt der Symphoniker mit Bachs h-moll Messe. Man sah an diesem Tag einen stolzen Orchester-Intendanten Daniel Kühnel auf das Publikum blicken, das eine Perspektive für klassische Musik versprach.

Der richtige Weg

Auch an diesem kalten Abend vor dem Hochbunker wurden zwar noch keine neuen Abonnenten für die Symphoniker gewonnen. Das ist ein langer Weg. Das Projekt "MusikImPuls" mit solchen Übertragungen und Pop-Up Überraschungs-Konzerten plötzlich und unerwartet mitten in der Stadt ist aber ein richtiger Weg, um neues Publikum zu finden und zu begeistern.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 12.10.2015 | 19:05 Uhr