Stand: 07.08.2017 09:00 Uhr

Emil Nolde - ein Maler voller Widersprüche

von Silke Lahmann-Lammert

Emil Nolde ist einer der beliebtesten Künstler in Deutschland. Angela Merkel schmückt die Wände ihres Amtszimmers mit seinen Gemälden. In Fachkreisen ist man sich einig über die historische Bedeutung seines Werks. Allerdings bringen Forscher immer mehr Details über Noldes NS-Vergangenheit ans Licht: Fakten, die dunkle Schatten auf das Leben des Künstlers werfen, der nach dem Krieg ausschließlich als Opfer des Naziregimes galt. Noldes Geburtstag jährte sich am 7. August zum 150. Mal

Am 19. Juli 1937 eröffnen die Nationalsozialisten in München die Ausstellung "Entartete Kunst". Unter den Werken an den Wänden der Hofgartenarkaden sind 48 Bilder von Emil Nolde.  So viele wie von keinem anderen Künstler.

Nolde fühlte sich von den Nazis missverstanden 

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"Nolde gehörte wirklich am allerstärksten zu den Künstlern, die von der NS-Kunstkritik als entartet verfemt wurden", erklärt der Lübecker Kunsthistoriker Jenns Howoldt. Noldes exzentrische Figuren, die grünen und violetten Gesichter, passen nicht ins heroische Menschenbild der Nationalsozialisten.

Der Maler selbst ist der Einzige, der sich darüber wundert: Er hat das Gefühl, Opfer eines schrecklichen Missverständnisses zu sein. In einem Brief an Joseph Goebbels beteuert Nolde, er sei "bei jeder Gelegenheit (…) kämpfend und bekennend für Partei und Staat eingetreten". Um gleich darauf den Einsatz zu rühmen, mit dem er Gesprächspartner im In- und Ausland "von der Weltbedeutung des Nationalsozialismus zu überzeugen vermochte".

Nolde, der die Machtübernahme Hitlers euphorisch begrüßt, tritt 1934 in die Partei ein und hofft zunächst auf Unterstützung. Zu dieser Zeit, erinnert Jenns Howoldt, habe es noch Fraktionen in der NSDAP gegeben, "die den Expressionismus als deutsche Kunst fördern wollten. Da gehörte ja sogar Joseph Goebbels dazu, der sich mit Aquarellen von Nolde umgab."

Noldes Bilder kommen auf den Index

Aber Hitler, der Noldes Kunst verabscheut, sorgt dafür, dass die Bilder auf den Index kommen. In der Nachkriegszeit wird Noldes Werk gefeiert und - zu Recht - als verfemte Kunst wahrgenommen. Über seine Vergangenheit in der Zeit des Nationalsozialismus breitet der Maler den Mantel des Schweigens. Ebenso wie seine Nachlassverwalter. Kompromittierende Dokumente bleiben nach seinem Tod 1956 unter Verschluss. Heute unterstützt die Nolde Stiftung Seebüll die Aufarbeitung. So kommen immer mehr Briefe ans Licht, in denen der Künstler antisemitische Klischees bedient und über die Überlegenheit des "Deutschtums" schwadroniert.

Immense Bedeutung für die Moderne

Porträt

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Sein Werk ausschließlich unter diesem Aspekt zu betrachten, wäre allerdings ein Fehler. Kunsthistoriker bescheinigen Nolde immense Bedeutung für die Moderne des frühen 20. Jahrhunderts: "Er ist ein Künstler, der sich von Schulen und Gruppen um 1900, also vor allem dem damals herrschenden Impressionismus, freimacht und durch seine Betonung der Farbe und seine spontane, temperamentvolle und kräftige Malweise ganz neue Wege beschreitet", bestätigt Jenns Howoldt.

Nolde konnte Farbe zum Funkeln bringen. Auf seinen Aquarellen leuchtet die norddeutsche Landschaft. Das Meer glüht. Hinter bedrohlich düsteren Gewitterhimmeln schimmert das Licht der Sonne. Menschen malt er als Archetypen, die in maskenhaften Gesichtern Liebe, Neid und Hass zur Schau tragen. Die kraftvollen Farben, die raue, unverblümte Symbolik, alles, was den Nazis an Noldes Kunst zuwider war, macht aus heutiger Sicht seine Meisterschaft aus:  Ein herausragender Maler - und ein Mensch voller Widersprüche.

Ausstellung

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 07.08.2017 | 12:00 Uhr

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