Stand: 24.03.2016 15:37 Uhr

Fast vernichtet: 100 alte Aktbilder entdeckt

von Oliver Gressieker

Dass Künstler erst nach dem Tod die Würdigung bekommen, die sie verdienen, kommt durchaus häufig vor. Auch auf Helene Kempin (1896-1944) aus Oldenburg trifft das zu, doch ihr Fall ist ein ganz besonderer. Sage und schreibe über 70 Jahre nach ihrem Tod sind durch einen großen Zufall rund 100 Aktzeichnungen aufgetaucht. Es sind Werke, die eindrucksvoll belegen, dass die Künstlerin durchaus mit ihrem Gatten, dem bekannten Oldenburger Maler Wilhelm Kempin (1885-1951), mithalten konnte. Dem Mann, für den sie ihre eigene Karriere komplett zurückstellte.

Die wiederentdeckten Werke von Helene Kempin

Ur-Enkel bewahrt Zeichnungen vor Abrissbirne

Entdeckt wurden die äußerst detailgetreuen Akte, als Kempins Enkelin Kathrin von Coburg nach dem Tod ihrer Mutter im vergangenen Sommer das mittlerweile abgerissene Elternhaus ausräumte. "Mein Sohn stieß auf drei Klappen im Wohnzimmer und wollte unbedingt nachschauen, was sich dahinter verbirgt", erzählt von Coburg im Gespräch mit NDR.de. "Zwei Hohlräume waren leer, aber im dritten entdeckte er dann einen großen Stapel mit den Werken meiner Großmutter." Obwohl die Zeichnungen völlig verstaubt waren, wusste von Coburg sofort, dass es sich dabei um einen ganz besonderen Schatz handelt. "Wir waren beide total beeindruckt, wie schön die Bilder sind", so die 53-Jährige.

Erste Ausstellung 71 Jahre nach dem Tod

An mögliche Ausstellungen dachte die hauptberufliche Physiotherapeutin damals noch gar nicht. Sie wollte zunächst nur die schönsten Exemplare rahmen lassen, um sie in ihrer Wohnung aufzuhängen. Die Experten eines Rahmengeschäfts in der Oldenburger Innenstadt waren von den Zeichnungen dann so beeindruckt, dass sie von Coburg zu einer Ausstellung im Café Innenleben überredeten. Anfang März wurden die Bilder erstmals der Öffentlichkeit präsentiert und die Resonanz übertraf alle Erwartungen. "Wir hatten bei der Eröffnung mehr als 100 Besucher", erzählt Galeristin Ulrike Kafka. "Es kam sogar zu Streitereien, wer welches Bild kaufen darf." Von Coburg hat sich dazu entschlossen, einen Teil der Werke zu veräußern. "Es wäre doch zu schade, wenn die Zeichnungen alle bei mir in einer Mappe liegen würden und keiner sie sehen kann", sagt sie.

Würdigung einer verhinderten Karriere

Umso mehr freut sich die Enkelin der Künstlerin über das große Interesse: "Jetzt bekommt meine Großmutter endlich die Würdigung, die sie verdient hat." Sie habe ihrem Mann in nichts nachgestanden und nur ihm zuliebe auf die eigene Karriere verzichtet. "Die damalige Zeit hat ihr das einfach nicht erlaubt", vermutet von Coburg. Überhaupt stand das Leben von Helene Kempin unter keinem guten Stern: Ihre Ehe verlief unglücklich, ehe sie am 23. Februar 1944 bereits im Alter von 47 Jahren starb - ein halbes Jahr nachdem ihr ältester Sohn als Militärpilot ums Leben gekommen war.