Stand: 14.09.2017 12:05 Uhr

"Pure Gold" - aus Altreifen werden Hocker

von Anette Schneider

Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe machte sich in den letzten Jahren einen Namen mit engagierten Ausstellungen, etwa über die fatalen Folgen von Billig-Mode-Produktion oder dem Plastik-Irrsinn. Von daher scheint eine Ausstellung über Recycling-Design ideal ins Programm zu passen: "Pure Gold - Upcycled! Upgraded!" heißt das Projekt, das vom "Institut für Auslandsbeziehungen" organisiert wurde und zeigt, was findige Designer aus aller Welt so aus Müll entwerfen.

Welche Schätze verbirgt der Müll?

Die orientalischen Hocker in leuchtenden Farben und verziert mit arabischen Mustern bestehen aus - alten Waschmaschinentrommeln. Ein steinhartes Tablett mit dunkler Marmorstruktur war einmal eine Jeans. Eine bunte Kette entpuppt sich als Auffädelung zusammengerollter Nespresso-Kapseln und ein farbiger Lampenschirm besteht aus schmalen Streifen zersägter Skateboards.

"Hier ging es darum zu zeigen, welche 'Schätze' sich in dem Alltagsmüll verbergen und was man wirklich damit machen kann. Das sind kleine Entdeckungen einzelner Persönlichkeiten, die wir hier gesammelt haben", erklärt Kurator Volker Albus. Der Designer entwickelte die Ausstellung, die von Hamburg aus rund um die Welt reisen wird, zusammen mit sechs Kollegen und Kolleginnen aus allen Erdteilen. Sie präsentieren 76 Arbeiten von 53 internationalen Designerinnen und Designern, wobei sie völlig auf Hintergrundinformationen - etwa zur weltweiten Verteilung von Rohstoffverbrauch und Müllverursachung - verzichten. "Die Ausstellung will nicht missionieren. Wir zeigen ganz einfach: Was kann ich aus einem alten Autoreifen machen? Was aus Wasserflaschen, Wolle, alten Plastikbeuteln."

Die ganze Palette der Wiederverwertungs-Ideen

So reihen sich - platziert auf mehreren großen Podesten, die aus mit Jute verdeckten Transportkisten bestehen - die Objekte aneinander: Aus Deutschland stammen einige edle, metallisch-glitzernde Papierkörbe aus gewebten Magnetbändern. Ein bunter Behälter aus den Niederlanden entpuppt sich aus zusammengeklebten und in Form gefeilten Flip-Flops bestehend, wie sie millionenfach an asiatische und afrikanische Küsten geschwemmt werden. In Ägypten entstanden kleine Rucksäcke aus bunten, eingeschmolzenen Plastiktüten. Und in China eine Handtasche aus einer alten Bambusmatte.

So entstünde "eine gewisse Bandbreite", meint Abus. Man sähe hochentwickelte Arbeiten und dann eher Anfängerarbeiten. Das sei bewusst so, um zu zeigen, wie man an verschiedenen Arten arbeite.

"Pure Gold" zeigt, wie aus Müll Gold wird

Anderswo gibt es dringendere Probleme

Während in Asien und Afrika die Wiederverwertung von Rohstoffen noch in den Anfängen steckt, weil die Menschen dort ganz andere Probleme haben und viele froh sind, wenn sie sich wenigstens Billigprodukte wie Flip-Flops leisten können, wird im reichen Europa tatsächlich schon mal Müll in Gold verwandelt! So bei den leicht federnden, sehr bequemen Stühlen aus den Niederlanden, die aus eingeschmolzenem Plastik geformt wurden.

Weitere Informationen

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"Die kosten jetzt auch 600 Euro das Stück", so Volker Albus. "Wobei das aus geschredderten Interieurs von Eisschränken ist. Eigentlich sind das alles Materialien, die Müll sind im wahrsten Sinne des Wortes, die aber durch diese Behandlung, durch die Betonung bestimmter physischer Qualitäten dann diese Wertigkeit erhalten."

Ähnlich wie bei Bio-Lebensmitteln oder dem neuen Hype um angebliches Supergetreide gilt auch für einige Designstücke aus recycelten Materialien: Politische Korrektheit muss man sich leisten können! Die Ausstellungsmacher interessiert das allerdings ebenso wenig wie die ökonomischen Gründe der Rohstoffverschwendung oder die seit Jahrzehnten führenden Verursacher von Müll.

Wunderbare Sachen aus profansten Artikeln

Dafür bieten sie Workshops an, die das Übel "Müll" so richtig an der Wurzel packen! Denn in ihnen kann man lernen, etliche der ausgestellten Gegenstände nachzumachen. Und nun stelle man sich einmal vor, was mit den täglich produzierten Müllbergen auf der Welt geschähe, wenn jeder von uns aus eingeweichtem Altpapier Gefäße formen - oder aus bemalten Altreifen coole Hocker gestalten - oder Lampenschirme aus den weißen Billigplastikbechern für Wasser und Kaffee basteln würde! Genau das sei die Idee, dass man vermittele: Man könne aus diesen profansten Artikeln, die uns umgeben, wirklich ganz wunderbare Sachen machen, schwärmt der Kurator.

"Pure Gold" - aus Altreifen werden Hocker

"Pure Gold - Upcycled! Upgraded!" heißt die Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, die zeigt, was findige Designer aus aller Welt so aus Müll entwerfen.

Datum:
Ende:
Ort:
Museum für Kunst und Gewerbe
Steintorplatz
20099   Hamburg
Preis:
12 Euro, ermäßigt 8 Euro (Schüler, Studierende, Azubis, Zivil- und Wehrdienstleistende, Erwerbslose und Sozialhilfeempfänger, Schwerbehinderte, Inhaber der NDR Kultur Karte), Do ab 17 Uhr 8 Euro, bis 17 Jahre frei
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10-18 Uhr
Donnerstag: 10-21 Uhr
Donnerstag an oder vor Feiertagen: 10-18 Uhr
Kassenschluss jeweils 30 Minuten vor Schließung des Museums.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.07.2017 | 19:00 Uhr

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