Stand: 02.07.2017 17:11 Uhr

Carl Lohse: Wild, sperrig und knallbunt

von Peter Helling

Weitgehend vergessen wurde er, der Maler Carl Lohse. Geboren in der Schäferstraße in Hamburg-Eimsbüttel, das war 1895 - und schon mit 14 Jahren wurde sein künstlerisches Talent entdeckt. Eine ungeheuer kreative Schaffensperiode begann. Jetzt kehrt Carl Lohse in seine Heimatstadt zurück. Im Ernst Barlach Haus kann man sein Werk erleben. Ein Leben zwischen Krieg und Hamburger Hochbahn, zwischen Zeugen Jehovas und DDR-Repression.

Carl Lohse im Ernst Barlach Haus

Ein Farbenrausch

Der Tod in Farbe. Wie ein greller Comic sieht das Bild aus: Eine kantige Figur hält sich schützend die Hand vor die Augen, zuckende, zerrissene Formen. Es heißt: "Explodierende Granate". "Man könnte sich vorstellen, dass sich Lohse durch diese Kriegsthematik hindurch malen musste", so der Chef des Barlach-Hauses Karsten Müller, "der Furor des Krieges auch was zu tun hat mit dem Furor, den er in die Malerei investiert. Ein Bild voller Dramatik, türkis, rot, pink, nicht unbedingt Farben, die man auf einem Schlachtfeld vermuten würde."

Das Bild ist 1919 entstanden. Carl Lohse hat das Schlachten im Ersten Weltkrieg als einziger seiner Kompanie überlebt. Karsten Müller führt durch die frisch gehängte Ausstellung. Die vor Farbe strotzenden Bilder an den lichthellen Wänden des Museums bilden einen scharfen Kontrast zu den Holzplastiken von Ernst Barlach. Lohse ist sperrig, wild - und knallbunt. "Diese Widerborstigkeit gehört wirklich gewertschätzt", meint Müller.

Expressionistische Gemälde eines 25-Jährigen

Der Maler ist der große Unbekannte des deutschen Expressionismus - er hatte nach dem Ersten Weltkrieg im sächsischen Bischofswerda einen Schaffensrausch von 18 Monaten. Die meisten Bilder, die im Barlach Haus gezeigt werden, stammen aus dieser Zeit. "Gewitterlandschaften, wo die Blitze prismatisch aus dem sehr schwarzen Himmel zucken. Letztlich ist es sehr buntfarbig gemalt. All das, was man hier sieht, ist der Output eines 25-Jährigen", so Müller.

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Der dicke Farbauftrag, Lichtstrudel und tiefes Blau. Nachtdunkle Blicke ins Universum - am Rand der Abstraktion. Ein Vorbild scheint immer durchzublitzen: Vincent van Gogh. Der Baum mit diesen krallenartigen Ästen, da denke man sofort an die Sonnenblumenstilleben von Van Gogh mit diesen getrockneten großen Blütenköpfen, erklärt Müller.

Burnout nach Dauermalstress

Seine Porträts haben ernste Blicke, entschlossene, fast zornige Mienen. Aber aufgelöst in den glühendsten Farben. Grüne Gesichter! Carl Lohse ließ sich von Künstlerkollegen auch aus Dresden inspirieren. Die Presse jubelte. Er war fast ein Star. Fast. "Aber Lohse hatte keine Verkaufserfolge", bedauert Müller, "dazu muss man vermuten, dass er nach diesen 18 Monaten Dauermalstress erst mal leer war, also eine Art Burnout hatte."

1921 kehrte Carl Lohse enttäuscht nach Hamburg zurück, brach mit der Kunst, arbeitete als Straßenbahnschaffner bei der Hamburger Hochbahn und wurde Zeuge Jehovas. Später brandmarkten ihn die Nazis als "entartet". Im Mai 1945 zog er wieder nach Bischofswerda, blieb aber in der DDR verpönt. Deshalb freut sich jetzt Karsten Müller: "Es ist für Hamburg schon eine späte aber auch sehr freudige Rückkehr eines großen Malers, der auch über Hamburg hinaus eine große Berechtigung hat, mehr im Rampenlicht zu stehen als bisher."

Fazit: unbedingt sehenswert!

Ein Welttheater aus Farbe, Carl Lohse geht unter die Haut. Die Ausstellung "Carl Lohse - Kraftfelder" im Ernst Barlach Haus ist unbedingt sehenswert.

Carl Lohse: Wild, sperrig und knallbunt

Unbedingt sehenswert: Das Ernst Barlach Haus zeigt Bilder des Hamburger Künstlers Carl Lohse. Unter dem Titel "Kraftfelder" ist sein expressionistisches Frühwerk zu sehen.

Datum:
Ende:
Ort:
Ernst Barlach Haus im Jenischpark
Baron-Voght-Straße 50a
22609   Hamburg
Preis:
7 €, ermäßigt 5 €, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag (an Feiertagen auch Montag) 11-18 Uhr
Hinweis:
Kuratorenführungen:
11. Juli 2017, 18 Uhr
5. September 2017, 18 Uhr
7. November 2017, 18 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 30.06.2017 | 19:30 Uhr

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