Stand: 13.05.2016 17:45 Uhr

Deichtorhallen: Kunst aus Klos

von Melanie von Bismarck

Dass sich Künstler auch ungewöhnlichster Materialien bedienen, ist nichts Neues. Aber dass einer aus mobilen Toilettenhäuschen eine Installation baut - das gab es wohl noch nie. Andreas Slominski, berühmt geworden durch seine Tierfallen, ist einer der bekanntesten deutschen Künstler und seit zwölf Jahren Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Er hat einen Hang fürs Hintergründige und Vieldeutige, viele seiner Werke sind auf den ersten Blick banale Gegenstände. Die Ausstellung mit seinen Werken ist in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen.

Ausstellung: "Andreas Slominski - das Ü des Türhüters“

Venedig, Ostsee - und Soldaten

Wer sie nicht gerade dringend braucht, macht lieber einen Bogen um mobile Toiletten. In den Deichtorhallen kann man jetzt buchstäblich in sie hineinkriechen - garantiert ohne jede Geruchsbelästigung. Zwei lange Reihen fabrikneuer Klohäuschen aus blauem Kunststoff ziehen sich Tür an Tür durch die Halle. Ein sommerliches Gefühl stellt sich ein, denn das frische Blau, die weißen Spitzdächer, die akkurate Ordnung - das erinnert an Umkleidekabinen an italienischen Stränden.

"Venedig, Lido, aber auch Ostsee - das ist auf jeden Fall mit dabei", sagt der Intendant der Deichtorhallen, Dirk Luckow. "Aber wenn man Andreas drauf anspricht, dann erzählt er was von den Langen Kerlen um Friedrich den Zweiten herum."

Stimmt, an strammstehende Soldaten kann man auch denken. Dirk Luckow erklärt, Slominski habe hier das Mittelschiff einer Kirche nachgeformt: "Die ganze Struktur hat ja was Kirchenartiges mit der Apsis an der Stirnseite aus der Doppelreihe der roten Toilettenkabinen. Rot ist ja auch die Farbe der Kardinäle." Da kann man in den Klokabinen auch Beichtstühle sehen, so Luckow weiter, irgendwie könne man Kirche und Klo hier gar nicht mehr auseinanderhalten.

Ein Ventilator aus Toiletten

Über allem schwebt in acht Metern Höhe ein gigantischer Kranz aus blauen und roten Klohäuschen - wie ein barocker Kronleuchter. Oder ein Ventilator. Sollte der sich in Bewegung setzen - daran will man gar nicht denken. Tut man aber doch. Und das ist typisch für Slominskis Kunst: Dass sie einen in Gedanken sonst wo hinführt. In den Seitenräumen hat er Kabinen horizontal an der Wand befestigt. Wie Betten - oder Sonnenbänke.

"Wenn man darüber nachdenkt: Was sind so die kleinsten Räume, in die der Mensch freiwillig geht", sinniert Luckow. "Man fühlt sich gleich an den Beichtstuhl erinnert. Und es ist ja das stille Örtchen, wo man mal eine raucht, und so ein Ort des Rückzugs, wie ein Refugium, wie es das Museum ja auch ist. Ein Ort der Stille, der Kontemplation, der Reflektion. Und der Beichtstuhl ist ja auch ein Ort des Ausscheidens. Des seelischen Ausscheidens." Dirk Luckow fällt immer mehr ein: "Die WC-Kabinen sind natürlich ein Ausdruck der Gegenwart, der heutigen Moderne. Wo findet man sie? Bei Bauarbeiten, aber auch dann natürlich in den Flüchtlingscamps."

Aufgetürmte Fäkalientanks

Papierrollenhalter, Klodeckel, Urinale oder Belüftungsschläuche - auch aus ihnen hat Slominski Kunstobjekte geformt. Wasserkanister hat er zu Sockeln umfunktioniert, schwarze Fäkalientanks zu einer meterhohen düsteren Skulptur aufgetürmt. In der Fabrik, die die Toiletten herstellt, hat sich der Künstler in den Produktionsprozess eingemischt, hat hier einen Pinsel, dort eine Staffelei in die Kunststoffmasse geschmuggelt. Entstanden sind erstaunliche Wandobjekte aus Plastik. Zu ihnen wie zu allem anderen schweigt der Künstler. Fallensteller Slominski gibt keine Interviews, wohl um die Gedanken nicht in eine bestimmte Richtung zu lenken. Oder um uns in die eine oder andere gedankliche Falle zu locken. So wie auch ein Klo zur fiesen Falle werden kann, wenn sich die Tür nicht mehr öffnen lässt.

Deichtorhallen: Kunst aus Klos

Ein Kronleuchter aus Toilettenhäuschen, eine Skulptur aus Fäkalientanks - Andreas Slominski macht Klos zu Kunst. In den Hamburger Deichtorhallen sind seine Werke zu sehen.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Deichtorhallen, im der Halle für Aktuelle Kunst
Deichtorstrasse 1+2
20095  Hamburg
Preis:
Erwachsene: 10 Euro, Ermäßigt: 6 Euro, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: frei
Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag 11-18 Uhr, jeder 1. Donnerstag im Monat 11 - 21 Uhr
Hinweis:
Publikation
Zur Ausstellung erscheint eine limitierte Edition von Andreas Slominski. Auflage: 36 Exemplare. Signiert, datiert, nummeriert, in verschiedenen Farben erhältlich. Preis: 360 Euro

Öffentliche Führungen
Jeden Sonnabend und Sonntag 16 Uhr.
Im Eintritt der Ausstellung inbegriffen, keine Anmeldung erforderlich.
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 13.05.2016 | 19:00 Uhr