Stand: 09.12.2013 16:32 Uhr

Staatsmann ohne Staatsamt: Brandt nach 1974

von Irene Altenmüller, NDR.de

Sein Rücktritt als Bundeskanzler im Mai 1974 ist für Willy Brandt zunächst eine politische und persönliche Niederlage. Zugleich ist es aber der Beginn einer neuen, international ausgerichteten Karriere. Als Friedensnobelpreisträger und erfolgreicher Außenpolitiker genießt er weltweit hohes Ansehen. Auch in Deutschland hat seine Stimme weiter Gewicht: Mit dem SPD-Parteivorsitz bekleidet Brandt weiter ein bedeutendes innenpolitisches Amt. 

Präsident der Sozialistischen Internationale

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Willy Brandt mit seinem Weggefährten, dem damaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky, bei einer Konferenz der SI in Wien 1980.

1976 wählen die Mitglieder der Sozialistischen Internationale (SI) Willy Brandt zu ihrem Präsidenten - ein Amt, das er bis kurz vor seinem Tod 1992 behalten wird. Unter seiner Führung gewinnt die SI an Renommee: Sie unterstützt die befreundeten Parteien in Portugal und Spanien - beide Länder waren noch bis 1974 beziehungsweise 1975 Diktaturen und befinden sich nun im Übergang zur Demokratie. Zunehmend rückt die SI außerdem die nicht-europäischen Länder und das Verhältnis von Industrie- und Entwicklungsländern in den Fokus ihrer Arbeit.

Einsatz für die Armen: Der Brandt-Report

1977 übernimmt Brandt auf Bitte des Präsidenten der Weltbank, Robert McNamara, den Vorsitz der sogenannten Nord-Süd-Kommission, die sich mit entwicklungspolitischen Fragen beschäftigen soll. 1980 veröffentlicht die Kommission, die aus 21 Wissenschaftlern und Politikern aus Industrie-und Entwicklungsländern besteht, einen Bericht, der als "Brandt-Report" in die Geschichte eingeht. Er ist die schonungslose Bestandsaufnahme des globalen Wohlstandsgefälles zwischen den reichen Ländern des Nordens und den armen des Südens. Die Experten legen konkrete Vorschläge vor, wie sich die drängendsten Probleme der Entwicklungsländer - darunter Ernährungs- und Umweltprobleme sowie Ressourcenknappheit - lösen ließen und fordern eine neue, gerechtere Weltwirtschaftsordnung. Der Report trifft weltweit auf große Resonanz. Seine Vorschläge wurden jedoch bisher größtenteils nicht umgesetzt. Dennoch gilt der Brandt-Report mit seinen Konzepten bis heute als Meilenstein der Entwicklungspolitik.

An den körperlichen Grenzen

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Nach einem verschleppten Herzinfarkt zieht sich Brandt 1979 zur Erholung nach Südfrankreich zurück. Doch die Atempause ist nur kurz.

Zwischen 1977 und 1978 ist Brandt im Rahmen seiner internationalen Funktionen fast permanent unterwegs. Dabei geht der 65-Jährige über seine körperlichen Grenzen: Im November 1978 erleidet er auf einer Nordamerikareise mehrere Schwächeanfälle. Zurück in Bonn diagnostizieren die Ärzte einen schweren, verschleppten Herzinfarkt. Trotzdem gönnt er sich nur eine kurze Verschnaufpause. Schon im April 1979 ist Brandt wieder auf der internationalen Bühne unterwegs. Im Juni zieht er für die SPD ins erste Europäische Parlament in Brüssel ein, im Juli ist er an einem Gespräch mit PLO-Chef Arafat zur Lösung des Nahostkonflikts beteiligt. Privat trennen sich Willy Brandt und seine Frau Rut 1979 nach 31 Jahren Ehe. Brandt zieht mit seiner neuen Lebensgefährtin Brigitte Seebacher zusammen, die er 1983 heiratet.

Zerwürfnis mit Helmut Schmidt

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Eine Partei, zwei politische Richtungen: Schmidt und Brandt stehen schon bald für zwei unterschiedliche Flügel in der SPD.

Ende der 70er-Jahre ist die globale Ära der Entspannung zwischen Ost und West, zu der Brandt als Kanzler maßgeblich beigetragen hat, vorbei. Der Kalte Krieg tritt in eine neue Phase, als die Sowjetunion ab 1977 neue atomare Mittelstreckenraketen des Typs "SS 20" stationieren lässt. Mit dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan 1979 ist ein weiterer Tiefpunkt erreicht.

Als überzeugter Friedenspolitiker tritt Willy Brandt weiter entschieden für die globale Abrüstung ein - und gerät damit auf Gegenkurs zu seinem Parteifreund und Nachfolger im Kanzleramt, Helmut Schmidt, einem der Väter des NATO-Doppelbeschlusses. 

Der NATO-Doppelbeschluss

Im Dezember 1979 beschließen die NATO-Staaten, auf die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen des Typs "SS 20" mit Gegenmaßnahmen zu reagieren, um das militärische  Gleichgewicht wieder herzustellen. Zunächst solle mit der Sowjetunion verhandelt werden, bei einem Scheitern der Gespräche sollen die USA ebenfalls bis 1983 atomare Mittelstreckenraketen des Typs "Pershing II" in Europa stationieren. Als einer der Väter des NATO-Doppelbeschlusses gilt Helmut Schmidt, der durch die Stationierung der "SS 20"-Raketen das atomare Gleichgewicht in Europa gefährdet sah. Der NATO-Doppelbeschluss bescherte der Friedensbewegung großen Zulauf. Nach dem Scheitern der Verhandlungen zwischen Ost und West begann im Dezember 1983 die Stationierung der "Pershing II"-Raketen in der Bundesrepublik.

Gespräche in Moskau

1981 besucht Brandt die Sowjetunion - und betreibt dort eine regelrechte Paralleldiplomatie: Mit ZK-Generalsekretär Breschnew spricht er über Möglichkeiten zur Abrüstung und schwächt damit die Position des Kanzlers. Zwischen den beiden Sozialdemokraten kommt es zum Zerwürfnis - zu unterschiedlich sind die Haltungen der zwei SPD-Politiker. Allerdings spricht sich Brandt zunächst nicht öffentlich gegen Schmidts Politik aus. Dabei sei er "bis hart an die Grenze meiner Selbstachtung" gegangen", betont Brandt Schmidt gegenüber 1982 in einem Brief. Einen kleinen Seitenhieb kann sich Brandt ebenfalls nicht verkneifen: Ohne ihn sei Schmidt "kaum länger, sondern wohl eher kürzer und vielleicht mit weniger Erfolg im Amt" gewesen, behauptet er.

Einsatz gegen die Nachrüstung

Etwa zwei Jahre später - die sozialliberale Koalition ist mittlerweile zerbrochen und Schmidt durch Helmut Kohl als Kanzler abgelöst - bezieht Brandt auch öffentlich Stellung gegen den NATO-Doppelbeschluss - und damit gegen eines der Kernstücke der Politik seines Parteigenossen. Bei der größten Demonstration der Friedensbewegung in Deutschland am 22. Oktober 1983 in Bonn erklärt der SPD-Parteivorsitzende vor Hunderttausenden Demonstranten: "Wir brauchen in Deutschland nicht mehr Mittel zur Massenvernichtung, wir brauchen weniger".

Damit macht Brandt die innere Zerrissenheit der SPD-Spitze offenkundig, bewirkt in der Sache jedoch ebenso wenig wir die rund 1,5 Millionen Menschen, die sich bundesweit an den Friedensdemonstrationen beteiligen: Im November 1983 billigt der Bundestag mit knapper Mehrheit die Stationierung der amerikanischen Mittelstreckenraketen auf dem Gebiet der Bundesrepublik. Bereits im Dezember 1983 treffen die ersten Raketen ein.

Dieses Thema im Programm:

17.12.2013 | 01:00 Uhr

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