Stand: 07.10.2013 19:28 Uhr

Gustaf Gründgens - der leibhaftige Mephisto

von Britta Probol, NDR.de
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Gustaf Gründgens 1960 als Mephisto im Film "Faust".

Kühl und ironisch umgarnte er den zweifelnden Dr. Faust, dämonisch blitzten die Augen in seinem schwarz-weiß geschminkten Antlitz: Gustaf Gründgens, am 22. Dezember 1899 geboren, war der deutsche Mephisto. Mehr als 350 Mal spielte er den Teufel, der danach trachtet, Goethes verzweifelten Gelehrten in Versuchung zu führen. Es war seine Paraderolle.

"Ich habe immer zu viel gearbeitet und vergessen zu leben. Jetzt will ich vor Toresschluss noch rasch lernen, wie man lebt", sagte Gründgens in seinem einzigen Fernsehinterview. Da war er 63 Jahre alt und ging mit seinem Lebensgefährten auf Weltreise. Doch kurz darauf starb Gründgens am 7. Oktober 1963 an einer Überdosis Schlaftabletten in einem Hotel in der philippinischen Hauptstadt Manila. Ob es Selbstmord war oder ein Versehen, konnte nie geklärt werden.

Seine ersten und letzten großen Erfolge feierte er in Hamburg

Richtig durchstarten konnte Gründgens mit seiner Theaterkarriere erst im Berlin der 30er-Jahre, in der Hauptstadt Nazi-Deutschlands. Doch seine ersten und letzten großen Erfolge feierte der Schauspieler, Regisseur und Intendant in Hamburg. Die Grabstätte des gebürtigen Rheinländers, der in Düsseldorf aufwuchs, befindet sich auf dem Ohlsdorfer Friedhof, nur wenige Schritte vom Haupteingang oberhalb der Cordesallee. Er ruht dort im Kreise anderer Theatergrößen, wie etwa Ida Ehre (1900-1989), die nach dem Zweiten Weltkrieg die Hamburger Kammerspiele zu neuem Leben erweckte.

Aus Gustav wird Gustaf

Jenes kleine Theater in der Hartungstraße war zur Weimarer Zeit ein Zentrum des modernen Bühnenlebens in Deutschland. Hier stellte Gründgens - nach seiner Schauspielausbildung in Düsseldorf und kurzen Engagements in Halberstadt, Kiel und Berlin - 23-jährig seine Koffer ab, hier übernahm er 1924 zum ersten Mal selbst die Regie. Und hier gab er seinem Namen buchstäblich den letzten Schliff: Aus dem banalen Gustav wurde auf Prospekten für seine erste eigene Inszenierung der nach Höherem strebende Gustaf Gründgens, mit stolz emporragendem "f".

Skandalträchtige Inszenierungen mit den jungen Manns

Aufsehen erregte er in Hamburg unter anderem mit der Inszenierung von Klaus Manns erstem Bühnenwerk "Anja und Esther". Die Ankündigung "Dichterkinder spielen Theater" lockte 1925 Scharen in die Kammerspiele. Tatsächlich standen der Thomas-Mann-Sprössling Klaus und dessen Schwester Erika mit Gründgens zusammen auf der Bühne. Die Kritik verriss das Stück, die homoerotischen Anspielungen darin provozierten einen Skandal, doch immerhin erlangte Gründgens weit über die Stadtgrenzen hinaus Aufmerksamkeit. Auch privat brachte ihn die Inszenierung zunächst auf die Überholspur: Er heiratete im Sommer 1926 Erika Mann - obwohl beide homosexuell waren. Nach schlechten Kritiken für Gründgens' zweite Mann-Inszenierung wurde seine Beziehung zu Klaus und Erika jedoch zunehmend verfahren. Die Ehe hielt nicht einmal drei Jahre.

Berlin: "Wie nach dem Abitur zurück in die Sexta"

1928 verließ Gründgens Hamburg, um Hauptstadtluft zu schnuppern. Hier dominierte Max Reinhardt die Theaterlandschaft, und der Mann "aus der Provinz" war ein Niemand. Nach den Hamburger Erfolgen sei Berlin wie eine Versetzung "nach dem Abitur zurück in die Sexta" gewesen, bemerkte Gründgens rückblickend. Doch mit seinem Ehrgeiz erlangte er bald wieder große Engagements, durfte die von ihm so geliebte Rolle des Hamlet spielen und stand schließlich, in der Saison 1932/33, als Goethes Mephistopheles auf der Bühne des Staatstheaters am Gendarmenmarkt. Hier sah ihn der einflussreiche NS-Mann Hermann Göring - und war begeistert.

Kniefall vor dem Ungeist?

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Gustaf Gründgens in den 30er-Jahren.

Von nun an hielt der Nationalsozialist seine schützende Hand über Gründgens. Und nicht nur das: Göring bot ihm 1934 die Intendantur des Preußischen Staatstheaters an. Gründgens akzeptierte. Manche - gerade Literaten aus dem Exil - warfen dem Theatermann deshalb vor, der eigenen Karriere wegen "mit dem nationalsozialistischen Ungeist kollaboriert" zu haben. Klaus Mann schmähte Gründgens 1936 durch seinen Schlüsselroman "Mephisto" als gewissenlosen Mitläufer.

Weggefährten und Biografen sind sich weitgehend einig, dass Gründgens kein politischer Mensch war: Wenn, dann habe sein Herz eher links geschlagen. Bei Göring setzte Gründgens beispielsweise durch, dass jüdische und der SPD nahestehende Ensemblemitglieder Schutzbriefe erhielten, damit sie bei SS-Razzien sicher waren. Aus seiner Homosexualität machte er seinem obersten Dienstherren gegenüber keinen Hehl, heiratete aber dennoch 1936 die Schauspielerin Marianne Hoppe. Bis zum Ende des Dritten Reichs währte diese Zweckehe.

Gründgens selbst behauptete immer, er habe die Kunst schützen wollen gegen die Politik. Auf den Spielplan setzte er bis zum Theaterschließungsbefehl Klassiker, und zwar in werktreuer Auslegung. Gründgens' Credo: "Der Zuschauer soll verstehen, was der Schauspieler sagt. Der Schauspieler soll verstehen, was der Dichter sagt. Und der Dichter soll verstehen, was er selber sagt."

Wiederaufbau in Berlin und Düsseldorf

Nach freiwilligem Kriegseinsatz in Holland, neun Monaten Lagerhaft in der Sowjetunion kehrte Gründgens 1947 zurück auf die Bretter, die ihm alles bedeuteten. Sein erstes Erscheinen auf der Bühne im Deutschen Theater im Osten Berlins wurde mit frenetischem Applaus gefeiert. Dennoch ging er noch im selben Jahr in seine alte Heimat Düsseldorf zurück. Acht Jahre lang war er dort Generalintendant, zunächst der Städtischen Bühnen, dann des Düsseldorfer Schauspielhauses, und prägte den kulturellen Wiederaufbau entscheidend mit.

Maßstabsetzende Ära am Hamburger Schauspielhaus

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Legendäre Inszenierung: Gründgens als Mephisto und Will Quadflieg als Faust 1957.

1955 schließlich folgte Gustaf Gründgens erneut einem Ruf nach Hamburg. Diesmal nicht an die Kammerspiele, die Ida Ehre inzwischen zu einer führenden Bühne gemacht hatte, sondern ans Deutsche Schauspielhaus. Unter ihm als Generalintendant und Künstlerischer Leiter erlebte das Theater an der Kirchenallee eine goldene Ära mit international beachteten Aufführungen moderner Theaterliteratur und umjubelten Klassiker-Inszenierungen. Sein "Faust I" von 1957 schrieb als "Hamburger Faust" Theatergeschichte. Gründgens holte bedeutende Namen ins Ensemble, darunter Elisabeth Flickenschildt und Will Quadflieg. Trotz aller Erfolge aber verabschiedete sich Gründgens im Herbst 1963 überraschend aus der Intendanz: Er brauche Abwechslung. Kurz darauf, in der Nacht zum 7. Oktober 1963, starb er.

Noch heute läuft Gründgens' "Hamburger Faust", den er 1960 für den Film adaptiert hatte, gelegentlich im Kino oder Fernsehen. Gründgens selbst spielt darin seine Paraderolle, den Mephisto - in der schwarz-weißen Maske, die sich seit den 30er-Jahren nicht verändert hat.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal Spezial | 07.10.2013 | 19:05 Uhr

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