Stand: 15.12.2014 07:16 Uhr

KZ-Häftling Bejarano: Ich hatte großes Glück

von Oliver Diedrich, NDR.de

"Frech wie Oskar", nennt ihr Vater sie, als Esther Bejarano ein kleines Kind ist. Am 15. Dezember 2014 ist Bejarano 90 geworden, aber brav sein kann sie immer noch nicht. Als die Polizei in Hamburg Flüchtlinge aus Afrika kontrolliert, schimpft sie öffentlich, das sei "eine Schande für die Stadt". Und wenn irgendwo Neonazis aufmarschieren, wird Bejarano richtig laut: Sie singt mit einer Rap-Gruppe gegen die Rassisten an.

Bejarano mischt sich ein, weil sie aus Erfahrung weiß, dass allzu viele Menschen lieber weg gucken. Als junge Frau hat sie Auschwitz überlebt. Danach ging sie nach Palästina. In den 60er-Jahren kehrte Bejarano nach Deutschland zurück. Damals merkte sie rasch, dass auch der Rechtsextremismus überlebt hatte. Seit Jahrzehnten engagiert sich Bejarano dafür, Auschwitz nicht zu vergessen. Sie ist eine vielfach ausgezeichnete Friedensaktivistin und bekam das Große Bundesverdienstkreuz.

Esther Bejaranos Leben in Bildern

"Du wirst noch Schlimmeres erleben"

Bejarano wird als Esther Loewy im Saarland geboren. Ihre Mutter ist Jüdin, ihr Vater Halbjude und Kantor einer jüdischen Gemeinde. Esther ist die Jüngste von vier Geschwistern. In ihrem Buch "Erinnerungen" beschreibt sie ihre unbeschwerte Kindheit in einem musikalischen Elternhaus. Doch als Esther zehn Jahre alt ist, ändert sich ihre Welt: "Der Antisemitismus machte sich breit." Sie und ihre Geschwister und alle jüdischen Kinder dürfen plötzlich nicht mehr auf "arische" Schulen. Bejarano erzählt, wie die Repressionen zunehmen. Wie Freunde und Familienmitglieder ins Ausland fliehen vor der immer wilderen NS-"Rassenpolitik".

Esther wird schließlich von ihren Eltern in ein Vorbereitungslager zur Auswanderung nach Palästina geschickt. Doch dazu kommt es nicht mehr. 1941 stecken die Nazis sie und andere Auswanderungswillige in Zwangsarbeiterlager. Bei einer Konfrontation mit Polizisten bricht die 16-jährige Esther in Tränen aus. "Hab dich nicht so, du wirst noch Schlimmeres erleben", sagt man ihr da.

Im Viehwaggon nach Auschwitz

Am 20. April 1943 steigt Esther in Auschwitz aus einem Viehwaggon. Sie erinnert sich, wie bei der Ankunft alle Kranken, Mütter mit kleinen Kindern, Schwangere und Ältere abgesondert werden. "Sie fuhren in die Gaskammern, was wir damals noch nicht wussten." Die anderen Gefangenen müssen sich vor den SS-Männern ausziehen und nackt die Haare scheren zu lassen. Dann wird ihnen eine Nummer auf den Arm tätowiert. "Ich bekam die 41948. Namen wurde abgeschafft, wir waren nur noch Nummern." Sie und ihre Mitgefangenen schlafen auf Brettern, ohne Stroh und ohne Decken. Sie erhalten wenig Essen, müssen Steine schleppen. "Sie waren so schwer, dass einige Frauen schlapp machten." SS-Wächter prügeln auf die Geschwächten ein. Esther ist zierlich und nur 1,48 Meter groß. "Ich glaube, wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, aus dieser Kolonne raus zu kommen, wäre ich elendig zugrunde gegangen."

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 23.10.2013 | 19:30 Uhr

Mehr Kultur

88:28

Eine Hand wäscht die andere

23.10.2017 23:15 Uhr
NDR Fernsehen
05:14

Julia Westlake trifft Nils Mönkemeyer

23.10.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal
03:42

Endre Tót im Staatlichen Museum Schwerin

23.10.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal