Stand: 24.10.2013 10:15 Uhr

Lebendig begraben: Das Unglück von Lengede

von Astrid Reinberger, NDR.de

Das erste Live-Fernsehspektakel

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Am 6. November 1963 besucht Bundeskanzler Ludwig Erhard (M.) Lengede und gibt Interviews.

Erstmals ist bei einer solchen Rettungsaktion das Fernsehen - NDR und ZDF - live dabei. Insgesamt berichten 449 Journalisten aus aller Welt aus Lengede. 48 Pressekonferenzen werden abgehalten. Der NDR hilft mit Scheinwerfern, Mikrofonen und Gegensprechanlagen. Doch manche Reporter schießen über das Ziel hinaus, bedrängen verzweifelte Bergmannsfamilien. Einer versucht, im Zelt der Rettungskräfte an zusätzliche Informationen zu kommen und wird hinausgeprügelt. Die "Bild"-Zeitung gründet eine Sonderredaktion und mietet ein ganzes Gasthaus. Die örtliche Post kassiert in diesen Tagen für ihre Dienstleistungen insgesamt 30.000 Mark Gebühren.

Elf Männer - gefangen in Dunkelheit

Davon bekommen Bernhard Wolter und Adolf Herbst nichts mit. Sie sitzen immer noch im "Alten Mann", in absoluter Dunkelheit, denn ihre Grubenlichter sind längst erloschen. Aber mittlerweile haben sie mehr Sauerstoff, der vermutlich durch eine kaputte Leitung kommt. Immer wieder kommt es zu Steinschlägen, zehn der Kumpel leben nicht mehr, einige sind schwer verletzt. Sie haben Hunger - und vor allem Durst. Der 20-jährige Herbst ist der erste, der von dem Wasser trinkt, das sie umgibt. Wasser, in dem Leichen verwesen. Die anderen fürchten Leichengifte, warten ab, wie es Adolf Herbst ergeht - und trinken dann auch. Sie sind verzweifelt, haben Wahnvorstellungen - doch die Hoffnung auf Rettung erhält sie am Leben. Wolter glaubt Bohrgeräusche zu hören. Doch über dem "Alten Mann" bohrt niemand, die Geräusche sind eine Illusion.

Über Tage hat der Hüttendirektor sie bereits für tot erklärt, die Trauerfeier ist für den 4. November angesetzt; 500 Mark an die Witwen sind ausbezahlt, damit sie die Beerdigung finanzieren können. Auch die Bergungskolonnen sind bereits abgerückt. Doch einige der Hauer lassen nicht locker, sie hoffen, dass noch Bergleute am Leben sein könnten - im "Alten Mann". Der Grubendirektor glaubt nicht an Wunder, aber er fürchtet den Zorn der Kumpel und den Druck der Medien. Er lässt noch einmal bohren - wider besseren Wissens, wie er sagt. Doch wo genau der "Alte Mann" unter Tage liegt, zeigen die Karten nicht. An der Stelle, die der Vermessungstechniker für die richtige hält, liegen Schienen, daher wird die Bohrstelle einfach einige Meter weiter in eine andere Richtung verlegt.

Sanitäter tragen am 7.11.1963 nach dem Bergwerksunglück im niedersächsischen Lengede einen der elf geretteten Bergleute ins Freie. © picture-alliance/dpa

Das "Wunder" von Lengede - Eine Chronologie

Für alle, die 1963 ferngesehen haben, bleibt das Unglück von Lengede unvergessen. Originalaufnahmen von 1963.

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Unglaubliches Glück

Es ist reiner Zufall - und unglaubliches Glück: Am 3. November wird 200 Meter vom gefluteten Hauptschacht entfernt genau der richtige Punkt getroffen. Im "Alten Mann" hören elf Überlebende auf einmal wirkliche Bohrgeräusche, Wasser spritzt über ihre Köpfe. Sie tasten die dunkle Höhle ab, verzweifelt auf der Suche nach etwas, mit dem sie sich bemerkbar machen können. Wolter hat ein Taschenmesser im Schuh, mit steifen Armen versucht er, es schnell herauszuziehen, er klopft wild auf das Metallrohr. Über Tage herrscht Fassungslosigkeit über die Klopfzeichen. Dann Freude. Die Bergungstruppen und die Gerätschaften werden wieder zurückbeordert, die Familien informiert.

Rettung nach 14 Tagen

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Mit dieser "Dahlbuschbombe" wurden die elf Kumpel aus der Tiefe nach oben befördert.

Über ein schmales Rohr - es misst gerade mal 42 Millimeter - bekommen die elf Eingeschlossenen Kontakt nach oben. Als erstes erhalten sie eine Taschenlampe, dann Tee, Möhrensaft. Wolter, der Sprecher der Elf, wünscht sich Zigaretten - doch die bekommen sie vorerst nicht. Es dauert noch mehrere Tage, bis sie geborgen werden können. Die Bohrarbeiten müssen behutsam vorgenommen werden, damit die Höhle nicht einstürzt. Es gibt wieder Steinschläge. Sie zertrümmern Bernhard Wolters Rippen. Über eine Gegensprechanlage können die Eingeschlossenen mit ihren Angehörigen sprechen. Als ihnen gesagt wird, Bundeskanzler Ludwig Erhard wolle mit ihnen reden, fühlen sie sich auf den Arm genommen.

Als am 7. November einer nach dem anderen über die Dahlbuschbombe nach oben kommt, werden die mit Sonnenbrillen und Decken versorgt und gefeiert wie Helden. Traurige Helden, denn 29 andere Kumpel sind gestorben - für sie gab es kein Wunder.

Das Leben danach

Bernhard Wolter nimmt nach seiner Gesundung zunächst das Angebot der Grubenleitung an, über Tage zu arbeiten. Nach einiger Zeit verringert sich jedoch der Lohn, sodass Wolter gezwungen ist, wieder unter Tage zu arbeiten. Entsetzt ist er darüber, dass er und seine Frau das Beerdigungsgeld wieder zurückzahlen müssen. Viel Geld verdienen Bergarbeiter nicht - trotz der harten Arbeit und des hohen Risikos.

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Am 10. Juli 1964 heiratet der gerettete Kumpel Adolf Herbst.

Bernhard Wolter schließt deshalb wie einige der anderen Überlebenden von Lengede einen Exklusivvertrag mit dem "Stern" ab und berichtet über die Erlebnisse. Später veröffentlicht er auch ein Buch, erzählt vor Schulklassen, wie es ihm ergangen ist. 2003 stirbt Bernhard Wolter. Adolf Herbst holt nach sechs Wochen Krankenhaus seine Verlobung nach - später feiert er Hochzeit. Unter Tage kehrt er nie wieder zurück.

Dieses Thema im Programm:

20.10.2013 | 13:00 Uhr

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