Stand: 24.10.2013 10:15 Uhr  | Archiv

Lebendig begraben: Das Unglück von Lengede

von Astrid Reinberger

Donnerstag, 24. Oktober 1963. Die zweite Schicht im niedersächsischen Erzbergwerk Lengede bei Salzgitter nähert sich dem Ende, es ist bald 19.30 Uhr. Bergmann Bernhard Wolter will pünktlich Feierabend machen, um schnell zu seiner fünf Monate alten Tochter und seiner Frau zu kommen. Eigentlich hatte er ohnehin Urlaub nehmen wollen - aber der Gedanke an ein zusätzliches Weihnachtsgeld spornt ihn an, doch noch eine Schicht zu übernehmen. Dem jungen Elektromechaniker Adolf Herbst geht es ähnlich - er soll eine Pumpanlage im Schacht Mathilde installieren und hat sogar eine Extraschicht drangehängt. Kurz vor 20 Uhr hört er auf zu arbeiten, ist erschöpft. Aber er freut sich auf den nächsten Tag, denn er will frei nehmen und seine für den Sonnabend geplante Verlobung vorbereiten.  

Rettungsarbeiten in Lengede 1963. © dpa - Fotoreport

Das geschah in Lengede

Am 24. Oktober 1963 werden 50 Bergleute im niedersächsischen Lengede verschüttet. Elf harren in einem Hohlraum aus. Von dort werden sie erst 14 Tage später gerettet.

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Sintflut aus Schlamm und Wasser

Doch für beide kommt es ganz anders: Kurz vor 20 Uhr bricht der erst kürzlich gebaute Klärteich ein. Fast 500.000 Kubikmeter Liter Schlamm und Wasser fluten die Grube Mathilde. In dem Schacht sind zum Zeitpunkt des Unglücks 129 Arbeiter. Zwei Kumpel können sich über den Hauptschacht retten, 44 über den Materialstollen. 33 werden mit Strickleitern durch ein Wetterbohrloch gezogen. Für Bernhard Wolter, Adolf Herbst und die restlichen Bergleute scheint die Lage jedoch aussichtslos zu sein. Vor ihren Augen reißt das Wasser alles mit, was sich ihm in den Weg stellt: Werkzeug, Holzwagen, Kollegen.

Flucht in den "Alten Mann"

Wolter und Herbst flüchten sich geistesgegenwärtig in einen alten Streckenausbau. Doch auch hierhin kommt das Wasser, sodass die Männer - und mit ihnen 19 andere - von einer Höhle in die nächste klettern, bis sie schließlich über ein schmales Brett in einen Bruchhohlraum gelangen, einen sogenannten Alten Mann. Er ist sechs mal zwei mal drei Meter groß. Der alte Hohlraum ist nicht mehr abgesichert, von oben lösen sich Steine, der Sauerstoff ist knapp, sodass sie sich kaum wach halten können. Hier werden die Männer die nächsten 14 Tage ausharren - lebendig begraben.

Kumpel geben die Vermissten nicht auf

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Zwei Tage nach dem Unglück beschließt die Einsatzleitung, Bohrungen durchzuführen und nach Überlebenden zu suchen.

Freitag, 25. Oktober: Fast 24 Stunden nach dem Unglück werden gegen 19 Uhr sieben weitere Bergleute, die in 40 Metern Tiefe eingeschlossen waren, gerettet - von Kumpeln, die sich ohne Genehmigung der Grubenleitung noch einmal in den Schacht abgelassen haben, um nach Vermissten zu suchen. Am Sonnabend brüten Rettungskräfte und Techniker wieder über den Tunnelskizzen des Bergwerks. Sie berechnen, dass sich am Ende einzelner Stollen Luftblasen gebildet haben könnten - und dass sich dort möglicherweise Überlebende aufhalten. Die Einsatzleitung beschließt, an verschiedenen Orten zu bohren.

Klopfzeichen aus 79 Metern Tiefe

Sonntag, 27. Oktober: Die ersten Klopfzeichen werden aufgefangen - drei Bergleute befinden sich tatsächlich in einer Lufttasche in 79 Metern Tiefe, ein vierter Mann, der bei ihnen war, ist ertrunken. In Lengede sind mittlerweile fast 1.000 Hilfskräfte im Dienst - vom Roten Kreuz, dem Technischen Hilfswerk, der Bundeswehr und dem Grenzschutz.

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Am 1. November können drei weitere Bergleute gerettet werden, hier steigen sie aus einer Druckkammer, in der sie dekomprimiert wurden.

Noch nie wurden so viele Rettungsgeräte eingesetzt: Flachbohrer, Großbohrer, Überdruckkammern, Hochleistungskompressoren und die sogenannte Dahlbuschbombe, eine torpedoförmige Rettungskapsel. Fieberhaft wird mit den Bergungsarbeiten begonnen. Doch erst vier Tage später, am 1. November, können die drei geborgen werden. Sie sind erschöpft, aber unversehrt.

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