Stand: 22.02.2015 00:45 Uhr  | Archiv

Wie die Stasi Udo Lindenberg verfolgte

von Marc-Oliver Rehrmann, NDR.de
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Im Alter von 37 Jahren hat Udo Lindenberg bei einer FDJ-Veranstaltung für den Weltfrieden gesungen.

Jahrelang hat Udo Lindenberg sich um ein Konzert in der DDR bemüht, dann ist es so weit: Am 25. Oktober 1983 tritt der Sänger bei einer FDJ-Veranstaltung für den Weltfrieden im Palast der Republik in Ost-Berlin auf. Für Udo Lindenberg sollte sein etwa 20-minütiger Auftritt das einzige Konzert in der DDR vor dem Mauerfall bleiben. Dem Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) beschert das Gastspiel einen Großeinsatz. Hunderte Mitarbeiter sollen für einen reibungslosen Ablauf sorgen. Viele aufschlussreiche Stasi-Akten zu dem Lindenberg-Konzert sind im Internet einzusehen - in der kürzlich gestarteten Online-Mediathek der Stasi-Unterlagen-Behörde.

Tagesthemen-Moderator Rüdiger Hoffmann kündigt einen Beitrag über Udo Lindenberg in Ost-Berlin an

Tagesthemen: Udo Lindenberg in Ost-Berlin

Die Tagesthemen mit Moderator Rüdiger Hoffmann berichten über den ersten Auftritt von Udo Lindenberg in der DDR - mit Ausschnitten aus dem Konzert im Palast der Republik.

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"So grotesk, so abartig, so komisch"

Lindenberg kennt alle Stasi-Papiere über ihn. "Als ich kurz nach der Wende zum ersten Mal meine Stasiakte las, musste ich wegen all der Tragik dieses Spitzeltums erst mal'n Schock überwinden und kräftig durchatmen, weinenden Auges - später dann aber auch lachenden Auges, so grotesk, so abartig, so komisch war es gleichzeitig." Der Hamburger Rocksänger las die Unterlagen sehr genau: "In meiner Akte steht zum Beispiel über meine Person: 'Seine Erscheinung ist geprägt durch eine typische, fast standardisierte Kleidung (Filzhut, Röhrenhosen aus Gummi, Halbstiefel und T-Shirts meist schwarzfarben) und durch eine bewusst fläzige und lässige Gestik.' Da sieht man mal, wie bescheuert die Stasi-Kontrollettis waren: Gummi? - Mensch, Jungs, das war Leder!"

Spitzel horcht Lindenberg backstage aus

Am 25. Oktober 1983 reist Udo Lindenberg gegen 12 Uhr über den Übergang Invalidenstraße in die DDR ein. "Ich war extrem nervös", sagt Udo Lindenberg in der NDR Dokumentation "Die Akte Lindenberg - Udo und die DDR". "Ich wusste, die ganze Nation schaut zu, wie ich das mache." Was Lindenberg und seine Band nicht ahnen: Auch die Stasi schaut genau zu, was der Künstler und seine Musiker machen, ein "IM" (Inoffizieller Mitarbeiter) berichtet sogar direkt aus dem Umfeld des Sängers.

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Reinhold Beckmann und Udo Lindenberg auf dem Weg zum Konzert im Palast der Republik in Ostberlin.

Der erste Stasi-Vermerk über Lindenberg stammt bereits aus dem Jahr 1976. Darin heißt es, der BRD-Musiker sei ein "mittelmäßiger Schlagersänger", der "betont anarchistisch" auftrete. Und: "Der Begriff Panik wurde von ihm ständig verwandt." Der Stasi war auch nicht entgangen, dass Lindenberg seit 1974 "Interesse an Auftrittsmöglichkeiten in der DDR" zeigt. "Ich würd' so gerne bei euch mal singen, meine Freunde in der DDR, ne Panik-Tournee, die würd's echt bringen, ich träume oft davon, wie super das doch wär'", singt Lindenberg im Jahr 1976.

"Sonderzug nach Pankow" - Haftstrafen für DDR-DJs

Aber der Rocker, der in der DDR viele jugendliche Fans hat, wartet jahrelang vergeblich auf eine Einladung. Anfang 1983 legt Lindenberg dann mit dem Lied "Sonderzug nach Pankow" nach. Darin grüßt er den Staatsratsvorsitzenden und SED-Generalsekretär Erich Honecker und fordert "Honni" auf, nicht so ein "sturer Schrat" zu sein und ihn endlich im Arbeiter- und Bauernstaat singen zu lassen. Bei der DDR-Führung kommt der Song nicht gut an. Die Stasi urteilt am 31. Januar 1983 über das "Schmählied": Der Text stellt "eine gemeine Diffamierung des Generalsekretärs unserer Partei als auch der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Kulturpolitik der DDR dar". Eine Verbreitung des Liedtextes in der Öffentlichkeit stelle objektiv eine Straftat der Beleidigung dar. Dem Geheimdienst ist es also ein Dorn im Auge, dass das Lied trotzdem im ganzem Land in Diskotheken gespielt wird. Nach einer Diskoveranstaltung im Bezirk Cottbus werden zwei 26- und 27-jährige "Schallplattenunterhalter" sogar zu je fünf Monaten Haftstrafe verurteilt.

"Honecker war nicht eingeschnappt"

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FDJ-Funktionär Egon Krenz hat zusammen mit Udo Lindenberg auf der Bühne im Palast der Republik gestanden. (Archivbild)

Honecker selbst ist über das Lied wohl nicht sonderlich erbost. Sein langjähriger Weggefährte Egon Krenz berichtet nach der Wende von einem Gespräch mit Honecker über Lindenberg und den "Sonderzug nach Pankow": "Ich konnte nicht erkennen, dass er eingeschnappt war wegen des Liedes", sagte Krenz in einem NDR Interview.

Lindenberg bemüht sich um einen direkten Draht zu Honecker und schreibt ihm im August 1983 einen versöhnlichen Brief: "Mein Wunsch in diesem Lied, im Palast der Republik aufzutreten, ist ernstgemeint," schreibt Lindenberg. "Auf jeden Fall lag es mir fern, Herr Staatsratsvorsitzender, Sie mit diesem Liedchen zu diskreditieren. Im Gegenteil." Lindenberg schreibt weiter, er würde auch auf sein Honorar verzichten. "Und über das, was ich singen würde, läßt sich auch reden." Der Brief endet mit: "Herzlichst Ihr Udo Lindenberg".