Stand: 15.11.2011 09:00 Uhr

Statistik unterm Hakenkreuz

von Carina Werner

Volkszählungen hat es zu allen Zeiten gegeben, ob im Römischen Reich oder im alten Ägypten. Selbst die Geburt Jesus Christus wäre anders verlaufen, hätten sich Maria und Josef nicht zur Zählung nach Bethlehem aufgemacht. Schon immer dienten Volkszählungen der Kontrolle der Bürger, waren sie ein machtpolitisches Instrument. Doch die Volkszählung vom 17. Mai 1939 war von besonderer Brisanz: Ermöglichte sie dem NS-Regime nicht nur die totale Erfassung und Klassifizierung der Deutschen, sondern auch aller "Nicht-Arier", ob in Hamburg, Braunschweig oder Berlin.

Die totale Kontrolle

Hollerith-Zählmaschine, eingesetzt bei der Volkszählung 1939.

"Schon ihrem Wesen nach steht die Statistik der nationalsozialistischen Bewegung nahe", notiert 1940 Friedrich Zahn, Präsident der Deutschen Statistischen Gesellschaft. Aufgrund dieser Nähe ist es nur konsequent, dass sich die Nazis der Statistik von Anfang an bedienen, um die Menschen bis in ihre Privatsphäre hinein in ihrem Denken und Handeln zu erfassen. Am 16. Juni 1933 findet die erste Volkszählung unter den neuen Machthabern statt. Bereits hier werden Hunderttausende "Glaubensjuden" registriert. Doch auch andere Daten sind für die Nazis von Interesse: beispielsweise die Kinderanzahl, die jede Frau angeben muss - Zahlen, die der Berechnung eines "Geburtensolls" für "biologisch wertvolle" Frauen dienen.  

Vorbild Hamburg

Im Dritten Reich hat das Sammeln von persönlichen Daten insgesamt Konjunktur. In Behörden und Ämtern werden akribisch Daten eingeholt. Als musterhaft gilt das Meldewesen in Hamburg. 1935 bittet die Hamburger Innenbehörde den Reichsminister des Inneren "dringend", "die reichsgesetzliche Regelung des Meldeverfahrens so zu gestalten, dass Hamburg als die größte Handels- und Hafenstadt Deutschlands mit dem starken Verkehr von Ausländern, Seeleuten und sonstigen fluktuierenden Elementen seine bewährten Meldeeinrichtungen in ihrer bisherigen Zweckmäßigkeit und Wirksamkeit erhalten kann."

Im Statistischen Amt Hamburg sind 360 Mitarbeiter tätig. Ihr Leiter ist Dr. Helmut Sköllin, der nach 1945 im Zuge der Entnazifizierung entlassen wird - und mit ihm über 50 Prozent seiner Mitarbeiter. Die Angestellten in den Statistischen Ämtern werden Ende der 30er-Jahre längst nicht nur nach Qualifikation ausgewählt. Beispielsweise schlägt 1938 das Braunschweiger Amt zwei qualifizierte Bewerber aus, um einen Mann fast ohne Erfahrung einzustellen, der jedoch seit langem NSDAP-Mitglied ist.

Durch immer modernere Zähl- und Sortiermaschinen wird die Verarbeitung von statistischem Material beschleunigt. Eingesetzt werden die hocheffizienten Hollerith-Zählmaschinen der Deutschen Hollerith Maschinen Gesellschaft (Dehomag), eine Tochtergesellschaft des amerikanischen Konzerns IBM.

Die größte Volkszählung der Welt

Die nächste Volkszählung ist für den 17. Mai 1938 geplant, doch aufgrund des "Anschlusses" von Österreich im März 1938 wird sie um ein Jahr verschoben. Geplant ist nichts Geringeres als die größte und umfassendste Volkszählung der Welt. Dafür sind gründliche Vorbereitungen nötig: Allein in Hamburg werden über 16.000 freiwillige Helfer angeworben, die meisten sollen als "Zähler" dienen, also die Meldebögen auszählen und die Daten übertragen.

Audio

Volkszählung vor 200 Jahren

13.02.2003 00:00 Uhr
NDR 1 Welle Nord

Werner Junge und Ingvar Momsen erinnern an die Kieler Volkszählung Anfang des 19. Jahrhunderts. Audio (02:41 min)

In Wolfenbüttel wirbt der Leiter des Statistischen Amtes bei den Bürgermeistern leidenschaftlich um Unterstützung, wie das Protokoll einer Sitzung aus dem Jahre 1938 zeigt: "Die Statistiken müssen für die Verwaltungsmaßnahmen geleistet werden, um unser Volk groß und glücklich zu machen", heißt es darin, und: "Leute, die bewusst falsche Angaben machen, [sollen] zur Anzeige gebracht werden, weil wir es uns nicht gefallen lassen dürfen, dass wir bewusst betrogen werden, und das Wohl des Volkes von solchen Leuten aufs Spiel gesetzt wird." Nicht nur um Zähler wird geworben, auch um die Bürger: Eine groß angelegte Propaganda mit flammenden Plädoyers im Radio wird in Gang gesetzt. Schließlich werden die Zählpapiere in der Bevölkerung verteilt.

Eine Frage der "Rasse"

Der allgemeine Volkszählungsbogen ermittelt Daten wie den Familienstand und den Beruf. Im Vergleich zu 1933 gibt es jedoch ein Novum: eine beigelegte "Ergänzungskarte für Angaben über Abstammung und Vorbildung". Sie fragt nicht nur nach der Religion, sondern auch nach der "Rasse", um "Volljuden" sowie "jüdischen Mischlinge ersten und zweiten Grades" nach Maßgabe der Nürnberger Gesetze von 1935 zu erfassen. Die Ergänzungskarte muss in einem eigenen, verschlossenen Umschlag abgegeben werden. Diese scheinbare Diskretion dient dem Zweck, die Menschen in Sicherheit zu wiegen und wahrheitsgemäße Antworten zu erhalten.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 13.02.2003 | 00:00 Uhr