Stand: 13.07.2012 10:30 Uhr

Rungholt - "Atlantis der Nordsee"

von Levke Heed

Unheil braut sich am 16. Januar 1362 an der nordfriesischen Nordseeküste zusammen. Ein Orkan drückt die Wassermassen an die Holzdeiche, diese brechen und die Insel Nordstrand zerreißt. Tausende Menschen sterben in den eisigen Fluten, ganze Dörfer werden ausradiert.

Strafe für gottlose Saufbolde?

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Im Watt werden immer wieder Kulturspuren wie diese Gefäße freigespült.

Einer der Orte, der bei der sogenannten Großen Mandränke 1362 versinkt, ist Rungholt. Um das "Atlantis der Nordsee" ranken sich unzählige Mythen. Der Ort soll reich wie Rom, der Untergang eine Strafe Gottes gewesen sein. In einer Legende aus dem 16. Jahrhundert heißt es, Bauern in einem Wirtshaus hätten eine Sau betrunken gemacht und ins Bett gelegt. Sie riefen den Prediger, um dem "Kranken" die letzte Salbung zu reichen. Als der Prediger den Betrug erkannte, wollte er sich davonmachen. Doch er wurde festgehalten, zum Mittrinken gezwungen und verhöhnt. Die Abendmahl-Utensilien wurden mit Bier beschüttet. Daraufhin ging der Prediger in die Kirche und bat Gott, die gottlosen Saufbolde zu strafen. Kurz darauf zog ein heftiger Sturm auf und Rungholt ging unter.

Stoff für Schriftsteller

Der Dichter Detlev von Liliencron ließ sich von dieser Sage inspirieren. In seiner Ballade "Trutz, Blanke Hans" von 1882 heißt es: "Ein einziger Schrei - die Stadt ist versunken, und Hunderttausende sind ertrunken. Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch, schwamm andern Tags der stumme Fisch. Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren." Auch Theodor Storm erwähnt in seiner Novelle "Eine Halligfahrt" den untergegangenen Ort Rungholt. Noch heute erzählen sich die Leute an der Küste, dass man bei ruhigem Wetter die Glocken von Rungholts Kirche im Watt läuten hören kann.

Funde im Watt

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Der Nordstrander Andreas Busch gilt als Entdecker von Rungholt.

Sind die Geschichten um Rungholt reine Phantasie? Sicher ist: Rungholt hat existiert. Das belegen Urkunden und Schriftstücke. Die Archäologen gehen davon aus, dass Rungholt ein für damalige Verhältnisse bedeutender Ort mit einem Hafen war. Reste einer Schleuse wurden im Watt gefunden. Vermutet wird, dass die Bewohner Salz bis ins Rheinland und nach Flandern exportiert haben. Auch handelten die Rungholter wahrscheinlich mit Wolle und Bernstein. Der genaue Standort ist bis heute nicht sicher geklärt, denn verlässliche Aufzeichnungen fehlen. Dazu kommt, dass sich das Wattenmeer durch die Gezeiten ständig verändert. Zweimal täglich wird das Gebiet überflutet, so wird Material weg- und wieder angespült.

Wo lag Rungholt?

Vermutet wird das untergegangene Rungholt in der Nähe der Hallig Südfall. Als Entdecker des Ortes in der mittelalterlichen Region Edomsharde gilt bis heute Andreas Busch. Im Westen und Süden von Südfall entdeckte der gebürtige Nordstrander ab 1921 Kulturspuren im Watt: Pfähle einer Schleuse, Brunnen, Gräben und Reste von Warften. Das archäologische Landesamt in Schleswig geht davon aus, dass die Vermutungen von Busch stimmen - nicht so der Ethnologe und Buchautor Hans-Peter Duerr: Er glaubt, dass Rungholt im Norden der Hallig Südfall gelegen hat. Darüber ist in den vergangenen Jahren ein wahrer Gelehrten-Streit entbrannt.

Blick auf die Nordsee im Nationalpark Wattenmeer © Photo Digital

Spurensuche im Watt

Der Pellwormer Helmut Bahnsen ist regelmäßig im Watt unterwegs und sucht nach alten Kulturspuren. Rungholt vermutet er rund um die Hallig Südfall.

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Von Kreta nach Rungholt?

Duerr stützt sich unter anderem auf eine Karte von Johannes Mejer aus dem Jahre 1652, die rund 200 Jahre nach dem Untergang von Rungolt entstand. Dort ist das Kirchspiel nördlich von Südfall verzeichnet. Ab 1994 unternimmt Duerr als Professor an der Universität Bremen zahlreiche Exkursionen mit seinen Studenten ins Watt. Sie finden Keramik, Münzen, Schmucksteine und sogar ein Wrack von einem Schiff von Kreta. Er fühlt sich in seiner Vermutung über die Lage Rungholts bestätigt. Mehr noch - er glaubt, dass Rungholt bereits in der Antike ein Handelszentrum war. Waren Seefahrer von Kreta bereits vor über 3.000 Jahren in der Nordsee unterwegs, um Bernstein zu erwerben? Bisher geht man davon aus, dass der Grieche Pytheas die Nordsee vor rund 2.000 Jahren entdeckte.

Verhärtete Fronten und ein verschollener Lageplan

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Das archäologische Landesamt in Schleswig hat bereits viele Funde aus dem Watt sichergestellt.

Die Wissenschaftler vom Landesamt sind skeptisch: Die Funde, die Duerr abgegeben hat, halten die Experten für unspektakulär. Bis heute haben sie die Überreste des Schiffes nicht zu Gesicht bekommen. "Wir würden natürlich gerne wissen, wo diese spektakulären Fundstellen des Herrn Duerr sind. Wir haben ihm angeboten, mit ihm ins Watt hinauszugehen. Dieses Angebot hat er nicht eingelöst", sagt Hans Claus von Carnap-Bornheim von Landesamt. Duerr will seine spektakulären Funde im Watt gelassen haben. "Ich habe für mich entschlossen, in künftiger Zeit Funde im Watt zu belassen, sodass wenigstens die Möglichkeit besteht, sie zu bergen, aber ich werde sie nicht mehr den Behörden überlassen, weil meines Erachtens die Gefahr zu groß ist, dass diese Funde verschwinden", begründet Duerr sein Vorgehen.

Verhärtete Fronten

Er sagt, er habe alle Funde, die er im Watt gelassen hat, mit einem Seezeichen versehen, in einen Lageplan eingezeichnet und dem Landesamt übergeben. Von dieser Karte weiß man im Landesamt allerdings nichts. Die Fronten sind verhärtet - beide Seiten haben verlauten lassen, sich nicht mehr zum Thema äußern zu wollen. So bleibt das Geheimnis um Rungholt wohl im Watt verborgen.

Wer sich näher für das Thema interessiert, kann sich im NordseeMuseum Husum sowie im privaten Rungholtmusuem von Helmut Bahnsen auf Pellworm informieren. Dort sind auch Fundstücke ausgestellt.

Ausflugstipp

Wattwanderungen auf den Spuren von Rungholt werden in den Sommermonaten regelmäßig von den Inseln Pellworm und Nordstrand angeboten. Auskunft erteilen die Touristinformationen:
Kur- und Tourismusservice Pellworm, Tel. (04844) 189-40
Kurverwaltung Nordstrand, Tel. (04842) 4 54

Ausstellung
mit Video

Rungholt - Realität und Mythos

29.05.2016 10:00 Uhr
NordseeMuseum Husum

Im Jahr 1362 versank Rungholt in der Nordsee. Bis heute ranken sich viele Legenden um die Stadt. Eine Ausstellung im NordseeMuseum Husum zeigt nun Exponate aus Rungholt - und widerlegt einen Mythos. mehr

Karte: Wo lag Rungholt? Zwei Thesen

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen / Nordtour / 07.06.2016 / 18:00 Uhr