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Hotel Neptun - Stasi-Hotel am Ostseestrand

von Nils Zurawski
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Warnemünde war ein beliebter Ferienort und das Ziel vieler FDBG-Sommergäste.

Wendesommer 1989. Der Strand von Warnemünde. Wie überall an der Ostseeküste der DDR herrscht Ferienstimmung. Wie jedes Jahr. Vielleicht ein wenig angespannter in diesem speziellen Sommer. Noch aber machen die Menschen Ferien am Ostseestrand - einige von ihnen auch im Hotel Neptun.

Das Ostseebad Warnemünde ist ein beliebter Ferienort im Arbeiter- und Bauernstaat, das Ziel vieler FDGB-Sommergäste. Die meisten verbringen ihren Urlaub in den Ferienheimen der Gewerkschaft entlang der Küste. Einige können sogar Urlaub im Hotel Neptun machen - eine der berühmtesten Luxusherbergen der DDR mit einer sehr speziellen und illustren Geschichte von ihrer Eröffnung 1971 bis heute, 20 Jahre nach der Wende. Zu dieser Geschichte gehört, dass das Haus im Volksmund "Stasi-Hotel" genannt wurde und eng mit dem Geheimdienst der DDR und seinen Machenschaften verbunden ist - vor allem, aber nicht nur, wenn es um das Aushorchen von West-Gästen ging.

Eine Luxusherberge inmitten von DDR-Tristesse

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Im Luxus-Hotel Neptun waren sowohl Westurlauber als auch DDR-Gäste untergebracht.

Diese waren zu DDR-Zeiten die bevorzugte Kundschaft des Hotels und kamen gern. Die Liste der Urlauber aus dem Westen, vor allem aus West-Deutschland, führt Namen wie Uwe Barschel, Björn Engholm, Willy Lemke und Rudi Assauer. Auch Friederike Pohlmann machte in den 1980er-Jahren einen preiswerten Luxusurlaub in der DDR - als Westgast zusammen mit DDR-Bürgern, die dort nicht wie an anderen Orten voneinander getrennt wurden. 2006, gut 20 Jahre später, hat sie gemeinsam mit Wolfram Bortfeldt für den NDR einen Film über die Geschichte des Hotels gedreht - "Hotel der Spione - Das Neptun in Warnemünde" - und ist dabei auf so manche Ungereimtheit gestoßen.

Damals in den 80ern, sagt Pohlmann heute, hatte sie einen positiven Eindruck vom Neptun, obwohl die Umgebung sehr heruntergekommen war. Das Ferien-Domizil war eine Insel des Luxus inmitten der DDR-Tristesse, bis hin zur legendären Sky-Bar im obersten Stockwerk. Die Bedeutung des Hauses ist eng mit dem Ost-West-Handel verbunden - und deshalb auch mit Ost-West-Kontakten. Das erklärt zumindest teilweise das besondere Interesse der Stasi an diesem Objekt.

Undurchsichtige Verhältnisse von Anfang an

Begonnen hatte die Geschichte des Neptun mit der Idee von einem Luxushotel in der DDR. Klaus Wenzel wollte eine Nobelherberge, wie es sie in der DDR noch nicht gab. Zu dem Zeitpunkt war er noch Direktor des Interhotels "Warnow" in Rostock, wohin auch Lotte und Walter Ulbricht regelmäßig zur Erholung kamen. Seine Karriere hatte er als Chefsteward auf der MS "Völkerfreundschaft" begonnen, später war er in der Handelsorganisation (HO) für die Technik und Rekonstruktion alter Hotels zuständig. Seine Topverbindungen zur Staatsführung und zur Stasi dürften auch aus diesen Tätigkeiten herrühren.

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Das Hotel - im Vordergrund sein Direktor Klaus Wenzel - wurde von der Stasi unterstützt und arbeitete eng mit ihr zusammen.

Unterstützt von Walter Ulbricht und Harry Tisch, damals SED-Bezirkssekretär in Rostock, wurde ab 1969 an der Warnemünder Promenade ein Betonklotz mit 750 Betten gebaut. Im Juni 1971 kamen die ersten Gäste. Dabei waren die Verhältnisse und der Weg zum Top-Hotel nicht so klar, wie sein Begründer und späterer Direktor Wenzel gegenüber Journalisten gern glauben machte. Die Autoren des Films stellten bei ihrer Arbeit an der Dokumentation fest, dass die Entstehungsgeschichte vielfach geprägt war von Machtkämpfen verschiedener Personen und Gruppen im DDR-Machtapparat. Das beschreibt Friederike Pohlmann auch in ihrem 2009 erschienenen Buch zum Hotel Neptun.

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Sonne, Sand und Meer lockten jedes Jahr auch zahlreiche West-Touristen nach Warnemünde.

Die Stasi und der Bereich"Kommerzielle Koordinierung" (KoKo) unter Alexander Schalck-Golodkowski waren von Anfang an große Unterstützer des Hotels und seines Direktors Wenzel. Ohne deren Hilfe, so Friederike Pohlmann, hätte das Neptun in dieser Form seinen Platz an der Ostseeküste nie gefunden. Allein schon, dass das Haus nicht zur Interhotel-Kette gehörte, sondern offiziell zur Handelsorganisation (HO) und tatsächlich zur KoKo, zeigt den besonderen Einfluss von dem Geheimdienst nahestehenden Kreisen auf das Hotel. Die Rolle, die die Luxusbleibe im Zusammenhang mit dem internationalen Waffenhandel oder den Verflechtungen der KoKo-Firmen insgesamt gespielt hat, ist bislang nicht enträtselt. Auch der KoKo-Untersuchungsausschuss des Bundestages konnte diese Frage nicht klären.