Stand: 22.09.2016 10:53 Uhr

Speicherstadt: Ein Wohnviertel wird Warenlager

"Zur Ehre Gottes, zum Besten des Reichs, zu Hamburgs Wohl!" Mit diesen Worten und drei kräftigen Schlägen mit einem silbernen Polierhammer weiht Kaiser Wilhelm II. am 29. Oktober 1888 den ersten Abschnitt der Speicherstadt ein. Höchstpersönlich setzt er den Schlussstein der neuen Brooksbrücke, einem der Zugänge zu dem hochmodernen Lagerhausquartier im Hamburger Hafen.

Sandtorhafen, etwa 1889: Seeschiffe liegen umringt von kleineren Schuten an der Kaimauer, dahinter die gerade errichtete Speicherstadt. © Hamburger Hafen und Logistik AG

125 Jahre Hamburger Speicherstadt

Hamburg Journal -

Den Schlussstein für die Speicherstadt setzte Kaiser Wilhelm II. selbst: Der Lagerhauskomplex war ein wichtiges Aushängeschild - aber 20.000 Menschen mussten ihm weichen.

4,62 bei 21 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Nur knapp fünf Jahre Bauzeit für den ersten Abschnitt

Der feierlichen Eröffnung, zu der die Hamburger Bürger einen arbeitsfreien "Kaisertag" erhalten, ist ein beispielloser technischer und logistischer Kraftakt vorangegangen: Nicht einmal fünf Jahre hat es gedauert, bis die Hamburger den ersten Abschnitt der Speicherstadt fertig gestellt haben - vom ersten Geländeplan bis hin zu den fertigen Lagerhäusern samt dazwischenliegenden Straßen, Brücken und Fleeten.

Ein Areal für zollfreies Lagern von Waren

Erst im Frühjahr 1883 fällt die endgültige Entscheidung, auf den südlich der Innenstadt gelegenen Elbinseln Kehrwieder und Wandrahm eine Speicherstadt anzulegen. Zuvor hat es eine längere Auseinandersetzung zwischen Hamburg und dem Deutschen Reich über den Zollanschluss gegeben: Am Ende erkämpft der Hamburger Senator und spätere Bürgermeister Johannes Versmann für die Hansestadt das Recht, weiterhin ein Freihafengebiet festlegen zu dürfen. Dort sollen die Kaufleute - wie zuvor in der gesamten Stadt - ihre Waren zollfrei lagern und veredeln dürfen. Mit dem Bau und der Verwaltung des Speicherstadt wird die im März 1885 gegründete Hamburger Freihafen-Lagerhaus-Gesellschaft - heute HHLA - betraut.

20.000 Menschen müssen weichen

Weitere Informationen
14 Bilder

Die Speicherstadt gestern und heute

Zwischen 1883 und 1927 entsteht im Hamburger Hafen der weltgrößte Lagerhauskomplex der Welt. Heute ist die Speicherstadt eine der großen Touristenattraktionen der Hansestadt. Bildergalerie

Das Areal an Wandrahm und Kehrwieder, für das sich der Senat mit nur acht zu sieben Stimmen entscheidet, liegt günstig: In direkter Nachbarschaft befindet sich der 1866 eingeweihte Sandtorhafen, der mit seinen modernen Kaianlagen als einer der schnellsten Häfen der Welt gilt. Doch das Gebiet ist alles andere als brachliegendes Bauland: Rund 20.000 Menschen leben in den engen Gängevierteln Kehrwieder- und Wandrahm, vor allem Hafenarbeiter. Aber auch wohlhabende Kaufleute residieren dort in prächtigen barocken Bürgerhäusern. Sie alle müssen dem neuen Lagerhauskomplex weichen.

1. November 1883: Der Abriss beginnt

Am 1. November 1883 beginnt der Abriss am Kehrwieder. Eine Entschädigung erhalten nur die Eigner der rund 1.000 Häuser, die abgerissen werden. Die Mieter müssen sich auf eigene Faust neuen Wohnraum suchen. Sie siedeln in die Stadtteile Winterhude, Barmbek, Horn oder Rothenburgsort um. Dort zahlen sie höhere Mieten und müssen fortan einen weiten Fußweg zur Arbeit zurücklegen.

Ein Schatzkästlein für die Wirtschaft

Die Oberaufsicht über das Großprojekt liegt in der Hand des Bauingenieurs Franz Andreas Meyer, einem Anhänger der neugotischen Hannoverschen Schule. Bis heute prägen die typischen Merkmale dieses Baustils mit seinen Erkern, Schmuckgiebeln und Sandsteinornamenten die Bauten der Speicherstadt. Als "gigantisches Schatzkästlein der Hamburger Wirtschaft" bezeichnete es einmal der Kunsthistoriker Hermann Hipp.

Gegründet auf Millionen von Eichenpfählen

Bild vergrößern
Auf 26 Hektar wächst von 1883 und 1927 zwischen Baumwall und Oberhafen die Speicherstadt heran.

Eine technische Besonderheit ist das Fundament der Speicherstadt: Die Bauten ruhen auf rund 3,5 Millionen Eichenpfählen, die bis zu zwölf Meter tief in den weichen Schlick gerammt wurden. Die Gebäude selbst werden zunächst mit vorgefertigten Eisenträgern erbaut. Doch schon bald zeigen sich die Nachteile dieser Konstruktionsweise: Bei einem Brand glühen die Eisenstützen sehr schnell durch und bringen so das gesamte Gebäude zum Einsturz. Nach dieser Erfahrung greift man auf die traditionelle Holzkonstruktion mit Stützen aus schwer brennbarem Eichenholz zurück.

Lagerhäuser mit moderner Technik

Alle Lagergebäude sind sowohl von der Straße als auch von Fleeten aus erreichbar, die zum Teil neu angelegt werden. Über Luken können die Waren mit hydraulischen Winden von den Schuten aus in die Speicherböden transportiert werden. Die Speicherstadt ist außerdem der erste größere Gebäudekomplex in Hamburg, der innen und außen vollständig elektrisch beleuchtet wird. Die notwendige Energie liefern die Dampfmaschinen des 1887 fertig gestellten Kesselhauses.

Bis 1927 wächst die Speicherstadt

Bis 1889 entstehen im ersten Bauabschnitt die Blöcke A bis O, die etwa 60 Prozent der gesamten Lagerfläche ausmachen. Zwischen 1891 und 1897 wird die Speicherstadt durch die Blöcke P, Q und R am St. Annenufer erweitert. In einem dritten Bauabschnitt entstehen zwischen 1899 und 1927 mit Unterbrechungen durch den Ersten Weltkrieg und die Inflationsjahre die Blöcke S bis X östlich der Straße "Bei St. Annen". Ein ursprünglich geplanter vierter Bauabschnitt auf der Ericusspitze wird nicht mehr verwirklicht.

1943 zerstören Bombenangriffe ganze Blocks

Bild vergrößern
Ein großer Teil der Speicherstadt wird bei den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg zerstört - hier eine Bombenlücke im Block R1.

Im Zweiten Weltkrieg werden über die Hälfte der Speicherstadt-Gebäude beschädigt oder zerstört. Der mit dem Wiederaufbau beauftragte Architekt Werner Kallmorgen lässt einen Teil in enger Anlehnung an die Originalbauten wiedererrichten, an anderer Stelle erbaut er komplett neue Gebäude, darunter etwa das 1952/53 erbaute ehemalige Freihafenamt, ein markanter, quadratischer Backsteinbau. Die Blöcke A, B, C und J werden nicht wieder aufgebaut. An ihrer Stelle steht heute das in den 90er-Jahren errichtete Hanseatic Trade Center.

Die Speicherstadt heute

Bild vergrößern
Bis heute hat die Speicherstadt ihr ursprüngliches Aussehen bewahrt.

Mit dem Siegeszug der Containerschifffahrt verliert die Speicherstadt ab den 70er-Jahren nach und nach ihre ursprüngliche Funktion. Außer Teppichen lagern dort heute kaum noch Waren. Stattdessen nutzen Werbeagenturen, Gastronomiebetriebe und Ausstellungen wie das Miniatur Wunderland oder das Speicherstadtmuseum die alten Speicher. Seit 1991 steht der Lagerhauskomplex unter Denkmalschutz. Seit Juli 2015 ist die Speicherstadt UNESCO-Weltkulturerbe. Und: Möglicherweise wird man in den historischen Bauten, für die einst Tausende Menschen ihre Wohnungen verloren, auch wohnen dürfen. Erste Pläne dafür liegen schon bereit.

TV-Tipp

Gigant des Nordens - Der Hamburger Hafen

07.06.2017 00:00 Uhr
NDR Fernsehen

Für die einen ist er Arbeitsplatz, für andere ein Ort der Sehnsucht: der Hamburger Hafen. Der Film zeigt, wie aus einem kleinen Anleger an der Elbe der heutige Welthafen wurde. mehr

Weitere Informationen
mit Video

Hamburgs Speicherstadt entdecken

Der Lagerhauskomplex in der Hamburger Speicherstadt gehört zum UNESCO-Welterbe. Hinter den Backsteinfassaden locken zahlreiche Angebote - vom Kaffeemuseum bis zur Modelleisenbahn. mehr

Wo Kaffee, Tee und tropische Nüsse lagerten

Seit Juli 2015 zählt die Hamburger Speicherstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Das Speicherstadtmuseum zeigt, wie der einzigartige Lagerhauskomplex entstand und genutzt wurde. mehr

Speicherstadt: Kaviarkönige und Kaffeemädchen

Regisseur und Künstler Michael Batz hat ein Buch über ein besonderes Viertel Hamburgs geschrieben: Die "Speicherstadt Story" - knapp 300 Seiten, gefüllt mit Fotos und Geschichten. mehr

Karte: Die Speicherstadt

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Gigant des Nordens - Hamburgs Aufstieg zum Welthafen | 07.06.2017 | 00:00 Uhr

Mehr Kultur

10:48
23:54

IKARIA 6: Der erste Stein (1/5)

22.10.2017 15:00 Uhr
NDR Kultur
55:28

Jazz Konzert: Out of Land

21.10.2017 22:05 Uhr
NDR Info