Stand: 01.07.2015 07:25 Uhr

Die D-Mark kommt: Silvesterstimmung im Juli

von Viktoria Urmersbach
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Im Frühjahr 1990 fordern Demonstranten einen Umtauschkurs von eins zu eins für die Ostmark.

Der Strom von Übersiedlern aus der DDR würde erst abreißen, wenn die Wirtschaftsunion vollzogen sei, prognostizierten viele Politiker. Seit Öffnung der Mauer am 9. November 1989 verließen täglich noch immer Tausende ihre Heimat und drohten, die Republik völlig ausbluten zu lassen.

"Kommt die D-Mark, bleiben wir"

Monatelang waren die Demonstranten für freie Wahlen auf die Straße gegangen. Nachdem sie dieses erste Ziel erreicht hatten, skandierten sie: "Kommt die D-Mark, bleiben wir - kommt sie nicht, gehen wir zu ihr!"

Schon mit den Volkskammerwahlen im März 1990 forderten die ostdeutschen Wähler den Wechsel der Wirtschaftsordnung. Sie wollten nicht mehr in der Planwirtschaft arbeiten und leben, sondern in der Marktwirtschaft. Die Aussicht auf die D-Mark war für viele ein starkes Argument für die Wahl der CDU, analysiert Manfred Görtemaker, Historiker an der Universität Potsdam, aus heutiger Sicht. Denn schon im Februar kündigte Helmut Kohl in einer Regierungserklärung an: "Es geht jetzt darum, ein klares Signal der Hoffnung und der Ermutigung für die Menschen in der DDR zu setzen. Für die Bundesrepublik Deutschland bedeutet das, dass wir damit unseren stärksten wirtschaftlichen Aktivposten einbringen: die Deutsche Mark." Andere Politiker wie Oskar Lafontaine von der SPD warnten vor dem schnellen Einigungskurs der CDU.

"Eine sehr fantastische Idee"

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Am 9. Februar 1990 verkündet Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl, die Bundesbank arbeite schon an der Währungsunion.

Auch viele Wirtschaftverbände und Ökonomen rieten von einem schnellen Prozess und von dem Umtauschkurs 1:1 ab. Helmut Schmidt hielt ihn für einen "Kardinalfehler". Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl nannte die Pläne des Bundeskanzlers zunächst "eine sehr fantastische Idee". Trotzdem aber bereitete die Deutsche Bundesbank den Geldwechsel schon ab Februar generalstabsmäßig vor. Die Hauptverwaltung in Kiel war für den damaligen Bezirk Schwerin zuständig, Bremen für Neubrandenburg, Hamburg für Rostock und Hannover kümmerte sich um die Partnerbanken in Magdeburg und Halle.

In Kiel meldete sich Ralf Ebert sofort als Freiwilliger, um ab Juni vor Ort in Schwerin zu arbeiten: "Es war eine aufregende Zeit, die ich unbedingt mit gestalten wollte", begründet er seine damalige Entscheidung. Ebert war einer der beiden neuen Filialleiter. Innerhalb eines Monats vor Einführung der D-Mark musste er eine funktionsfähige Filiale schaffen. Zu seinen Aufgaben gehörte, die Kollegen von der DDR-Staatsbank in das Westsystem einzuarbeiten und viele praktische Probleme zu lösen. Büromöbel und Geldbearbeitungsmaschinen musste er beschaffen, Personal rekrutieren, mit den DDR-Behörden und der Volkspolizei verhandeln - und das mit nur einem Telefon.

Tonnenweise Bargeld unterwegs

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Die Kosten für DDR-Flüchtlinge liegen weit hinter denen für die Währungsunion.

Der damalige DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière forderte seine Landsleute auf, der Einheit mit "Selbstvertrauen und Zuversicht" entgegenzusehen, auch wenn der Umtauschkurs für größere Vermögen, nach Alter gestaffelt, nur zwei Ostmark zu einer Westmark betrug. Aus heutiger Sicht sei auch das noch zu teuer gewesen, kritisiert Thomas de Maizière, heute Innenminister im Merkel-Kabinett. Ökonomisch vernünftig wäre ein Wechselkurs von eins zu drei oder zu vier gewesen - allerdings politisch damals nicht vertretbar.

Ab Juni 1990 schickte die Bundesbank 600 Tonnen Banknoten und 400 Tonnen Münzgeld aus dem Westen in die neuen Bundesländer. Umgerechnet waren 25 Milliarden D-Mark unterwegs.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 01.07.1990 | 00:00 Uhr

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