Stand: 09.10.2013 07:28 Uhr

9. Oktober 1943: Hannover in Schutt und Asche

von Sven Glagow, NDR.de
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Ein Bild der Verwüstung: Zwischen Kreuzkirche (links) und Anzeigerhochhaus am Steintor (rechts oben) blieb 1943 im Zentrum von Hannover kein Gebäude unbeschädigt.

Am 8. Oktober 1943 beginnen in Hannover gegen 15 Uhr die Sirenen zu heulen. Seit Beginn des Krieges ist es der 428. Fliegeralarm in der Leinestadt. Nach einer Stunde kehrt wieder Ruhe ein, und die Menschen gehen an diesem warmen und sonnigen Herbsttag ihren Geschäften nach. Zu dieser Zeit ahnen die Bewohner der Stadt noch nicht, dass ihnen in dieser Freitagnacht die schwersten Angriffe der alliierten Bomber bevorstehen.

Bomber starten in Ostengland

Zwischen 22.30 und 23.15 Uhr steigen in Ostengland 504 Flugzeuge in den Nachthimmel auf. Eine Stunde nachdem die letzten Bomber gestartet sind, meldet die Flugwache im Turm des neuen Rathauses in Hannover "Einflüge von Nord- und Mittelholland Kurs Ost".

Hannover - ein Trümmerfeld

Der Angriff soll scheinbar der Hauptstadt gelten

Gut zwei Wochen zuvor hatten sich die britischen und amerikanischen Bomber bei ihren Angriffen heftigem Flugabwehrfeuer gegenübergesehen. Jetzt täuschen sie zunächst einen Angriff auf Berlin vor. Während rund 120 Maschinen ihre Bomben über Bremen abwerfen, fliegen die meisten Bomber in Richtung Reichshauptstadt weiter. Erst als der Hauptverband das Steinhuder Meer erreicht, wechseln die Piloten die Richtung und nehmen Kurs auf Hannover.

Weitere Informationen

Eine Kindheit im Bombenkrieg

Als Edith Reinecke aus Hannover ihren ersten Luftangriff erlebt, denkt sie zunächst an ein Gewitter. Bei den verheerenden Angriffen im Oktober 1943 ist sie zwölf Jahre alt. mehr

Leuchtfeuer zeigen den Bombern ihre Ziele

Die ersten Maschinen über der Innenstadt sind die "Pfadfinder" der 156. britischen Schwadron. Aus einer Höhe von 19.000 Fuß werfen sie ab 1.30 Uhr ihre Markierer ab. Bei klarer Sicht gelingt es den Besatzungen, sich am Hauptbahnhof zu orientieren und ihre weißen, roten und grünen Zielmarkierer präzise zu legen. Was dann folgt, ist die größte Bombenlast, die Hannover im Zweiten Weltkrieg hinnehmen muss: Die Feuerpolizei notiert 3.000 Sprengbomben, 28.000 Phosphorbomben und 230.000 Stabbrandbomben, die in dieser Nacht fast 4.000 Wohnhäuser vollständig zerstören. 1.245 Menschen kommen im Bombenhagel ums Leben; eine Viertelmillion wird obdachlos.

Die Stadt brennt!

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Auch das Leineschloss, heute Sitz des Landtags, brannte aus und war noch 1952 eine Ruine.

Können die Zahlen die ungeheuren Ausmaße dieses Angriffs nur schwer begreifbar machen, so zeigt ein kleiner Papierstreifen, der die Feuersbrunst wie durch ein Wunder unbeschadet überstanden hat, mit welcher Wucht Hannover in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943 getroffen wurde: Die kleine Wetterstation in der Kröpcke-Uhr verzeichnet zwischen zwei und vier Uhr morgens einen Temperaturanstieg von unter 10 auf 34 Grad Celsius. In der ganzen Innenstadt weht ein heißer Wind durch die Straßen. Überall schlagen Flammen in den Nachthimmel. Funken fliegen. Trümmer stürzen von den getroffenen Häusern herab.

Flächenbombardements deutscher Städte

28./29. März 1942: Lübeck
23. - 27. April 1942: Rostock
30. Mai 1942: Köln
24. Juli - 3. August 1943: Hamburg
8. Oktober 1943: Hannover
22. Oktober 1943: Kassel
26. August 1944: Kiel
15. Oktober 1944: Braunschweig
3. Februar 1945: Berlin
13./14. Februar 1945: Dresden
8. April 1945: Braunschweig

Die Menschen versuchen Abstand zu den brennenden Gebäuden zu gewinnen, sich auf freie Plätze oder zum Maschsee zu retten. Eine Augenzeugin berichtet später, wie Flüchtende an dem weich gewordenen Asphalt festkleben und verbrennen. Herabgestürzte Giebel brennen ihre Abdrücke in den Straßenbelag. Erst am Morgen lässt die Hitze allmählich wieder nach.

Luftschutzkeller werden zur tödlichen Falle

Für die Feuerschutzpolizei gestalten sich die Rettungsarbeiten schwierig. Drei der angreifenden Flugzeuge werfen Sprengbomben mit Zeitzündern ab, deren Ladung erst bis zu 144 Stunden nach dem Angriff explodiert. Zudem - so steht es im Bericht der Einsatzleitung - werden gleich zu Beginn der Bombardierungen Fernmeldeeinrichtungen zerstört. Das Wasserleitungssystem nimmt schweren Schaden. Die Hydranten fallen aus. Schnell breiten sich die Flächenbrände im Stadtzentrum aus. Viele Menschen ersticken in den Luftschutzkellern, weil sie sich aus Furcht vor den Flammen nicht ins Freie wagen.

Völlige Zerstörung und nur zehn Tage bis zum nächsten Angriff

"Infolge des konzentrischen Angriffs und überaus dichten Teppichabwurfs wurde eine Fläche von zehn Quadratkilometern völlig vernichtet", berichtet der Polizeipräsident. Durch die heftige Bombardierung des Stadtkerns "ist das Geschäftsleben, das Kulturleben, der behördliche Dienstbetrieb, das Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe in Hannover fast völlig stillgelegt". Der Stadt bleiben nur wenige Tage, sich von diesem schwersten Angriff des Krieges zu erholen. Bereits zehn Tage später wird Hannover erneut Ziel von Bombern der Alliierten.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 09.10.2013 | 19:30 Uhr

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