Stand: 29.09.2010 10:45 Uhr

Spannung bei erster freier Landtagswahl

von Viktoria Urmersbach, NDR.de

Nur wenige Tage nach der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 waren die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern am 14. Oktober zur ersten freien Landtagswahl aufgerufen. Um die 66 Sitze bewarben sich neben den beiden großen Volksparteien CDU und SPD noch weitere 14 Parteien, darunter die PDS, die FDP, Bündnis 90 und die Grünen sowie die von Rostocker Studenten gegründete Biertrinker-Partei. Die Umfragen sahen die Christdemokraten vorne, die bereits die Kommunalwahlen im Mai gewonnen hatten.

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SPD-Politiker Klaus Klingner wirbt für seine Kandidatur.

"Am Wahlsonntag war die Sache ja gelaufen, da habe ich mich bei einer Wanderung in der Nähe von Ludwigslust erholt", erinnert sich Klaus Klingner, SPD-Spitzenkandidat für das Amt des Ministerpräsidenten. Er war damals Justizminister in Kiel und fühlte sich durch die Wende angestoßen, am Aufbau Ost mitzuarbeiten. Auch die Schönheit der Natur war für den Hobby-Ornithologen Anreiz, sich im Land zu engagieren. So hatte er sich auch für die Gründung des Nationalparks Zingst eingesetzt. Nur: Niemand kannte ihn dort. Auch Alfred Gomolka, Spitzenkandidat der Christdemokraten, war für viele noch ein unbekanntes Gesicht. Er hatte sich überraschend in einer Stichwahl gegen den Schweriner Georg Diederich durchgesetzt und galt als Ziehsohn von Günther Krause (CDU). Der hatte erst im August 1990 den Einigungsvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der "Noch-DDR" unterschrieben.

Schickt Kohl und Krause nach Hause!

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Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (l.) und DDR-Staatssekretär Günther Krause bei der Unterzeichnung der Urkunden zum Einigungsvertrag am 31. August 1990.

"Bestimmt war ich damals der bekannteste Politiker aus Mecklenburg-Vorpommern", spekuliert Krause heute. In seiner Rolle als Unterhändler der Regierung de Maizière und in den Medien oft an der Seite von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) war er richtig berühmt im Norden geworden. "Viele hätten mich am liebsten als Ministerpräsidenten gehabt", vermutet Krause. Schließlich war er auch Landesvorsitzender der CDU. Aus diesen Gründen nahm ihn Bundeskanzler Helmut Kohl im Sommer 1990 mit auf Wahlkampftour. Gemeinsam reisten sie im Sommer den ganzen Nordosten ab, füllten Hallen. Aber es gab nicht nur Zustimmung für die Parolen der CDU. "Schickt Kohl und Krause wieder nach Hause!" skandierten politische Gegner, in Schwerin flogen Tomaten.

"Als Vertreter einer Volkspartei setzt man natürlich immer klar auf eine Mehrheit, auf den Sieg", erklärt Krause. "Aber andererseits war die Stimmung im Land unberechenbar und die Ängste der Bürger den Veränderungen gegenüber riesig." Beide Spitzenkandidaten verzichteten auf einen harten Wahlkampf, denn die Wahrscheinlichkeit einer Großen Koalition schätzten sie als recht hoch ein.

Blühende Landschaften im Nordosten?

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Klaus Klingner (links) in seinem Kieler Kabinett 1988.

"Was ich da täglich an Sorgen aufgetischt bekam, war kaum erträglich", erinnert sich der Sozialdemokrat Klingner. In den Kombinaten konnte er nur wenig Hoffnung auf eine erfolgreiche Weiterarbeit verbreiten, Mietern nur selten die Angst vor Mieterhöhungen und Alteigentümern nehmen. Blühende Landschaften habe er nicht versprochen, anders als Bundeskanzler Kohl. Heute noch mache ihn dieser Slogan zornig, der die Enttäuschungen der Ostdeutschen geradezu provozierte.

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Wahlkampfveranstaltung der SPD mit Willy Brandt (2.v.r.) im September 1990 in Stralsund.

Die CDU konnte auf die Infrastruktur ihrer Schwesterparteien CDU und Demokratischer Bauernpartei Deutschlands (DBD) im Osten zurückgreifen und hatte so Druckmaschinen, Telefone, Helfer und Geld. Die in der DDR neu gegründete SPD hingegen hatte erst wenige Mitglieder geworben und keine Vergangenheit als Blockpartei. "Wie eine Dampfwalze" sei der Wahlkampftross von Kohl und Krause übers Land gezogen, erinnert sich Klingner. Er selbst verfolgte die Taktik der "1.000 Gespräche", um die Wähler für sich zu gewinnen. Durch seine vielen Verwandten im Nordosten hatte Klingner immerhin Übernachtungsmöglichkeiten - und wo er noch niemanden kannte, wurde er in Seemannsheimen, Fischerklausen oder auch einmal im Gästehaus des Atomkraftwerkes in Greifswald untergebracht.

Eine Autobahn für den Norden

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Als Verkehrsminister baggerte Günther Krause 1992 am Autobahnausbau in Wismar mit.

Die Christdemokraten setzten auf ein großes Versprechen: Eine Ostsee-Autobahn von Lübeck nach Stettin wollten sie bauen, um den Norden besser an Schleswig-Holstein anzubinden. "Und sie ist gekommen: Eine milliardenschwere Investition für nur zwei Prozent der deutschen Bevölkerung", rühmt sich Günther Krause heute noch selbst.

Am Wahltag sah es erst nach einem klaren Sieg für die bürgerliche Fraktion aus. Günther Krause allerdings blieb den ganzen Abend über skeptisch - zu Recht. Die Hochrechnungen am Abend zeigten eine Patt-Situation. Am nächsten Tag stand fest, dass die CDU zwar mit 38,3 Prozent die stärkste Partei im Nordosten war und mit der FDP (5,4 Prozent) eine Koalition bilden konnte. Die SPD (27 Prozent) und die PDS (15,6 Prozent) bildeten allerdings eine ebenso starke Opposition: Beide Blöcke hatten jeweils 33 Sitze.

Ein Überläufer löst die Pattsituation

Ein Parteiloser, ehemals im Rostocker Kreisverband der SPD, brachte die Lösung für Alfred Gomolka: Sein Parteibuch hatte Wolfgang Schulz Anfang September 1990 zurückgegeben. Vorangegangen war ein wochenlanger Dissens über die Frage, ob Schulz Zuträger der Staatssicherheit gewesen sei. Das zumindest hatten Parteigenossen verbreitet. Tatsächlich konnte Schulz das Gegenteil beweisen. Mit seiner Partei wollte er sich nicht versöhnen, sondern paktierte mit der CDU und diente Gomolka als Mehrheitsbeschaffer. Für Klingner war schon am Wahlabend selbst klar, dass er weder Ministerpräsident noch Vize werden sollte. Die Verbindungen der CDU zu den alten Kadern hätten für Gomolka auch eine Minderheitenregierung möglich gemacht, so seine Einschätzung.

Kleine Parteien schaffen Fünf-Prozent-Hürde nicht

Auch die anderen neuen Länder wählten an jenem Sonntag und überall lag die CDU vorn. Mecklenburg-Vorpommern war das einzige östliche Land ohne Vertreter des Neuen Forums in der Regierung. Persönliche Zwistigkeiten unter den linken Gruppierungen hatten einen gemeinsamen Auftritt als Partei verhindert - ein schwerwiegender Fehler. Die Fünf-Prozent-Hürde konnte keine der kleinen Parteien nehmen, auch wenn sie zusammen fast zehn Prozent der Wähler überzeugt hatten.

Vogelflug für die Seele

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1990: Klaus Klingner informiert sich bei Naturschützern im Wald über die ökologischen Probleme in Mecklenburg.

Klaus Klingner ging nach der Wahl zurück nach Kiel und wirkte dort weitere sechs Jahre als Justizminister. Er ist noch oft in Mecklenburg-Vorpommern, besucht Familie und bestaunt die Natur der Ostseeküste. Und auch in diesem Oktober zieht es ihn wieder dorthin: Im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft will er den Flug der Kraniche in den Süden beobachten.

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