Stand: 02.01.2016 17:20 Uhr

1976: Orkan "Capella" wütet im Norden

von Irene Altenmüller, NDR.de

3. Januar 1976: In den frühen Morgenstunden erreicht ein schweres Sturmtief die Deutsche Bucht. Mit bis zu 150 Stundenkilometern peitscht Orkan "Capella" das Wasser der Nordsee an die Küsten. Im Zusammenspiel mit einer Springtide entsteht die höchste Sturmflut an der deutschen Nordseeküste seit Beginn der Messungen. Bis zu 17 Meter hoch schlagen die Wellen. Mit Macht drückt der Wind das Wasser in die Elbmündung: "Das Wasser strömte mit ungeheurer Geschwindigkeit von der Nordsee in die Elbe hinein. Es erreichte fast die Deichkrone. Der Sturm tobte in der Dunkelheit, alles war abgesperrt", erinnert sich Dirk Hempel, der als Zehnjähriger die Flut an der Kugelbake in Cuxhaven beobachtete.

Eine Person steht während der Sturmflut 1976 auf einem Deich. © NDR

Hamburg Damals: Die vergessene Flut von 1976

Hamburg Journal -

Vor 40 Jahren tobte ein schwerer Orkan über Nordeuropa. Für Hamburg war der 3. Januar 1976 vor allem ein Test: Halten die Deiche, die nach der Sturmflut erhöht worden waren?

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In Hamburg steigt das Wasser höher als je zuvor

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In Hamburg setzt die Flut wie hier in Teufelsbrück die ungeschützten Hafengebiete unter Wasser. Nie stieg die Flut seither höher.

In weniger als drei Stunden legt die Flutwelle die Strecke von Cuxhaven nach Hamburg zurück und steigt dabei noch einmal um mehr als einen Meter. Als das Wasser Hamburg erreicht, zeigt der Pegel St. Pauli 6,45 Meter - bis heute der höchste je gemessene Stand. Bei der Sturmflut von 1962, die mehr als 300 Menschen das Leben kostete, waren es 5,70 Meter. Doch von einer großen Katastrophe bleibt Hamburg diesmal verschont, die Deiche sind mittlerweile erneuert und erhöht, niemand kommt ums Leben. Der Sachschaden ist allerdings immens: In den ungeschützten, vor den Deichen gelegenen Hafengebieten werden ganze Lagerbestände mit Gütern sowie teure Maschinen zerstört und Betriebe überschwemmt. Auf bis zu eine Milliarde D-Mark wird der Schaden in der Hansestadt beziffert.

Ganze Landstriche überflutet

An der Niederelbe können die Deiche, die teilweise mehr als 100 Jahre alt sind und seither nicht erhöht wurden, der Gewalt des Wassers nicht standhalten. In Drochtersen bei Stade reißt es die Deichkronen weg und strömt weit ins Kehdinger Land hinein. Noch Wochen später sind die tief liegenden, teils moorigen Gebiete überflutet. Auf der nördlichen Elbseite bricht in der Haseldorfer Marsch bei Wedel der Deich an neun Stellen. Das Wasser ergießt sich ins Land, 150 Bauernhöfe werden zerstört. Menschen kommen nicht ums Leben, aber es ertrinken Hunderte Kühe, Schafe, Schweine und Hühner, außerdem zahllose Wildtiere wie Rehe, Hasen und Fasane.

Menschen per Boot und Helikopter in Sicherheit gebracht

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Wie hier im Kehdinger Land sind viele Gehöfte zeitweise nur aus der Luft oder mit Booten zu erreichen.

Allein in diesen beiden Regionen werden rund 100.000 Hektar Land überflutet - ein Gebiet so groß wie das damalige West-Berlin. Auch an den Küsten entstehen beträchtliche Schäden: In Christianskoog bei Meldorf bricht der Deich auf einer Länge von 30 Metern, auf Sylt befürchtet man zeitweilig, dass das Wasser die Insel zwischen Rantum und Hörnum teilen würde. Schäden in Höhe von rund 150 Millionen D-Mark entstehen allein in Schleswig-Holstein, in Niedersachsen liegen sie bei rund 50 Millionen D-Mark. Gemessen an der Wucht des Orkans und der Flutwelle hätte es Norddeutschland trotzdem weit schlimmer treffen können. Doch knapp 14 Jahre nach der katastrophalen Sturmflut von 1962 ist man vorbereitet: Katastrophenstäbe werden umgehend eingesetzt, die vom Wasser eingeschlossenen Menschen mit Helikoptern ausgeflogen oder mit Sturmbooten in Sicherheit gebracht. Mehr als 6.000 Helfer sind im Einsatz.

Gesamte Besatzung des DDR-Motorschiffs "Capella" stirbt

Dennoch fordert der Orkan auch im Norden Menschenleben, in ganz Europa sind es 27. Auf der Nordsee nahe der Ostfriesischen Inseln stirbt die elfköpfige Besatzung des DDR-Küstenmotorschiffs "Capella" aus Rostock. Es schlägt bei stürmischem Seegang Leck, doch nach einer Notreparatur glaubt die Schiffsleitung, die Insel Borkum noch erreichen zu können. Sie lehnt eine Bergung der Besatzung ab. Wenig später geht die "Capella" unter. Weder einem Seenotrettungskreuzer noch einem Helikopter gelingt es, die noch auf dem Wasser treibenden Seeleute zu retten. An den tragischen Untergang des Schiffs erinnert heute der Name, den der Orkan vom 3. Januar 1976 seither trägt: "Capella".

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