Stand: 11.03.2016 00:00 Uhr

"Er hat das Schwein von Auschwitz geschnappt"

von Oliver Diedrich, NDR.de

Zehn Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs: Ein junger Mann bollert am 11. März 1946 spät abends gegen das Tor einer Scheune auf einem Bauernhof bei Flensburg: Der 28-Jährige trägt britische Uniform. Dabei war er vor ein paar Jahren noch Deutscher. Als Jude musste er damals vor den Nazis fliehen. Jetzt ist Hanns Alexander zurück - als Nazi-Jäger der British War Crime Investigation Group. Und er steht kurz vor seinem größten Fang: Ex-Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß. "Aufmachen!", brüllt Alexander. In der Scheune schrickt ein Mann aus dem Schlaf. Als dieser die Tür öffnet, rammt ihm Alexander den Lauf seiner Pistole in den Mund.

KZ-Kommandant Höß: Jagd durch Norddeutschland

Ehering überführt den früheren Auschwitz-Kommandanten

Buch-Tipp

Thomas Harding, ein Großneffe von Hanns Alexander, hat dessen Biografie aufgeschrieben. In "Hanns und Rudolf" schildert Harding parallel dazu das Leben von Rudolf Höß. Die Zitate von Alexander in diesem Artikel sind dem Buch entnommen.
"Hanns und Rudolf. Der deutsche Jude und die Jagd nach dem Kommandanten von Auschwitz"
Aus dem Englischen von Michael Schwelien.
© der deutschsprachigen Ausgabe: 2014 dtv Verlagsgesellschaft, München.

Er stößt dem Verdächtigen die Waffe in den Mund, damit dieser sich nicht mit einer Zyankali-Kapsel das Leben nehmen kann. Als klar ist, dass er kein Gift bei sich hat, lässt sich Alexander seine Papiere zeigen. Der Mann hat einen vorläufigen Personalausweis auf den Namen Franz Lang bei sich. Alexander erklärt, dass er ihn für Rudolf Höß hält, den früheren Kommandanten des Vernichtungslagers in Auschwitz. Als der Mann leugnet, untersucht Alexander seinen Arm. Viele SS-Angehörige hatten ihre Blutgruppe eintätowiert - doch Fehlanzeige. Dann entdeckt er einen Ehering an der Hand des Mannes. "Her damit oder ich schneide Dir den Finger ab", droht Alexander. Er bekommt den Ring. Innen sind zwei Namen eingraviert: Hedwig und Rudolf.

Der eine floh nach England ...

Hanns Alexander im Jahr 1945.

Hanns Alexander und Rudolf Höß - ihre Lebenswege könnten kaum unterschiedlicher sein. Alexander wird 1917 geboren und wächst als Sohn eines erfolgreichen jüdischen Arztes in Berlin auf. Er verbringt eine glückliche Kindheit mit seinem Zwillingsbruder und zwei Schwestern. Ihre Eltern haben häufig Gäste. Dazu gehören Prominente wie Albert Einstein und Marlene Dietrich. Die Brüder Alexander sind immer zu Streichen aufgelegt, ihre schulischen Leistungen eher mäßig. Aber Hanns Alexander hat "Grips", wie Großneffe Thomas Harding in seiner Biografie über seinen Onkel formuliert. Dieser habe immer gewusst, wie man mit überraschenden Problemen umgeht. Und Alexander sei "auf den großen Boulevards genauso zu Haus gewesen wie in den engen Gassen". Nach der Machtergreifung der Nazis wird das Leben für Juden in Deutschland unerträglich. 1936 flieht Alexander im Alter von 19 Jahren nach England, so wie die meisten Angehörigen seiner Familie.

... der andere machte SS-Karriere

Rudolf Höß im Jahr 1944.

Rudolf Höß wird 1901 bei Baden-Baden geboren. Mit 15 meldet er sich freiwillig zum Frontdienst im Ersten Weltkrieg und wird mit 17 Jahren jüngster Unteroffizier der deutschen Armee. Nach dem Krieg schließt sich Höß einem ultra-rechten Freikorps an. Wegen Mordes an einem "Verräter" kommt Höß ins Gefängnis, wird aber 1928 vorzeitig entlassen, als die Rechten im Reichstag erstarken. Höß schließt sich den "Artamanen" an, einer völkisch-nationalen Siedlungsbewegung, und gründet eine Familie. 1934 holt ihn Heinrich Himmler, der ihn von dort kennt, in die SS. Höß wird als Offizier in den KZs Dachau und Sachsenhausen eingesetzt, wo die Nationalsozialisten politische Gegner einsperren. 1940 beauftragt ihn Himmler, im besetzten Polen ein KZ aufzubauen. Dort in Auschwitz organisiert Höß den Mord an 1,1 Millionen Juden, Sinti und Roma und anderen Gefangenen - die meisten werden vergast. Höß ist ein Technokrat des Staatsterrors, aber er ist kein Sadist: "Er war ein ganz normaler Mensch. Er machte den Eindruck eines ehrlichen, ruhigen, eher schweigsamen Menschen, er schlug niemanden." Das berichtete der Auschwitz-Überlebende Józef Paczyński NDR.de. Er war als KZ-Gefangener der Friseur des Lagerkommandanten.

Brüder Alexander wollen gegen Hitler-Deutschland kämpfen

Hanns Alexander und sein Zwillingsbruder Paul entscheiden sich im Exil in London, gegen die Nazis zu kämpfen. 1939 treten die beiden in eine Pioniereinheit der britischen Armee ein, die extra für Flüchtlinge wie sie gegründet wurde. Sie heben in Frankreich Schützengräben aus und helfen an der englischen Küste beim Ausbau der Seeverteidigung. Doch Waffen erhalten die etwa 10.000 Freiwilligen nicht, weil ihnen die Engländer nur begrenzt vertrauen. Aber die Alexanders wollen sich in ihrer neuen Heimat integrieren, sie wollen Briten werden. Schließlich dürfen sie an einem Offizierslehrgang teilnehmen und werden 1943 in die reguläre Armee übernommen. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie bewacht Hanns Alexander dort mit seinen Leuten besiegte deutsche Offiziere. Dann wird er Adjutant seines Kommandeurs. Er fällt positiv auf. So sehr, dass seine Vorgesetzten Alexander gegen Kriegsende in eine neu gegründete Spezialeinheit berufen.

Bergen-Belsen: Schock über Ausmaß deutscher Kriegsverbrechen

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Im April 1945 stoßen die Briten im von ihnen befreiten KZ Bergen-Belsen auf grauenhafte Zustände: Massengräber und lebende Skelette.

Ende April 1945 stellen die Briten ein Ermittlerteam zusammen, um deutsche Kriegsverbrecher zu jagen. Auslöser sind die grauenhaften Zustände im gerade befreiten Konzentrationslager Bergen-Belsen. Dorthin werden umgehend die ersten Mitglieder der War Crime Investigation Group entsandt. Alexander trifft am 12. Mai ein. Er ist fassungslos: "Leichen liefen herum, Leichen lagen herum. Es gab Menschen, die glaubten, noch am Leben zu sein, die es in Wirklichkeit aber nicht mehr waren." Harding schreibt in seinem Buch, dass Bergen-Belsen das Leben seines Großonkels komplett veränderte: "Die meisten Opfer waren Juden. Was ihnen passiert war, hätte leicht auch ihm passieren können. Hanns war nicht länger der sorglose, ein bisschen egoistische junge Mann von einst. Er war von einer kaum noch kontrollierbaren Wut erfasst. Und er sah plötzlich einen Sinn in seinem Leben, er sah eine Aufgabe für sich."