Stand: 12.02.2016 14:30 Uhr

Ein Abendessen wie im Mittelalter

von Marc-Oliver Rehrmann
Für das Matthiae-Mahl wird der Große Festsaal im Hamburger Rathaus aufwendig geschmückt.

Zum Matthiae-Mahl, dem ältesten noch begangenen Festmahl der Welt, hat Hamburg schon viele Staatsgäste begrüßt. Heute Abend treffen dort Großbritanniens Premierminister David Cameron und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) aufeinander. Doch was hat es mit der Geschichte des Banketts auf sich?

Für viele Hamburger wäre es ein Traum dabei zu sein: Im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses treffen jedes Jahr im Februar Hunderte Gäste zum Matthiae-Mahl ein. Erwähnt wird das Festmahl erstmals im Jahr 1356. Der Name bezieht sich auf den evangelischen Matthiae-Tag am 24. Februar, den Ehrentag für den Heiligen Matthias. Der Tag galt im Mittelalter als Frühlingsbeginn und Auftakt des Geschäftsjahres. Für Hamburg hieß das: Die Senatoren erhielten ihre neuen Aufgaben und wählten den Ersten Bürgermeister.

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Mal früher, mal später

Aber mit dem Datum nimmt es die Stadt nicht mehr so genau: Eigentlich gilt der Grundsatz, dass das Fest am Freitag vor dem 24. Februar stattfindet. Aber auch das kommt nicht immer hin. In diesem Jahr beispielsweise wird das 4-Gänge-Menü bereits am 12. Februar serviert - weil die Ehrengäste es nicht anders einrichten konnten. Auch wenn das Fest eine lange Tradition aufweisen kann. Zwischendurch gab es mal eine Pause: Nach 1724 wurde das Matthiae-Mahl mehr als 200 Jahre lang ausgesetzt. Warum, weiß heute niemand mehr. Eine historische Anordnung besagt aber, dass das Fest nur stattfindet, "wenn die Zeitläufte es erlauben." Auch 1999 fiel das Matthiae-Mahl aus. Aus einem ganz profanen Grund: Der Festsaal im Rathaus wurde renoviert.

Wer ist eingeladen?

Die Tafelrunde ist im Laufe der Jahrhunderte größer geworden. Zum ersten historisch belegten Matthiae-Mahl im Jahr 1356 waren 40 Gäste geladen. Heute sind es zehn Mal so viele. Üblich ist es seit jeher, das gesamte Konsularische Korps der Hansestadt einzuladen. Da es rund 100 Konsulate in der Hansestadt gibt und jeder Konsul eine Begleitung mitbringen darf, sind so auf einen Schlag 200 Plätze vergeben. Wer einen der restlichen Plätze erhält, überlegen die Mitarbeiter des Protokolls jedes Jahr neu. Eine Tradition, die sich hält: Alle Altbürgermeister und Ehrenbürger der Stadt sind eingeladen. Für die Ehrenbürger müssen aber nicht viele Stühle reserviert werden. Hamburg hat nur 35 Ehrenbürger und -bürgerinnen, von denen noch fünf am Leben sind. Unter ihnen sind Fußball-Legende Uwe Seeler, Ballett-Choreograf John Neumeier sowie Unternehmer und Mäzen Michael Otto.

Ein Rekord für Helmut Schmidt

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Kanzlerin Angela Merkel ist 2016 zum zweiten Mal Ehrengast, 2009 stand ihr Polens Ministerpräsident Donald Tusk zur Seite.

Zusätzlichen Glanz verleihen der Abendveranstaltung die Ehrengäste, unter ihnen Staatspräsidenten, Regierungschefs und gekrönte Häupter. Um nur einige Namen zu nennen: Königin Silvia von Schweden speiste ebenso als Ehrengast im Rathaus wie Jordaniens König Abdullah II. und Kronprinz Frederik von Dänemark mit seiner Frau Mary. Die Bundeskanzler Helmut Kohl und Gerhard Schörder folgten ebenfalls der Einladung. Kanzlerin Angela Merkel ist im Jahr 2016 schon zum zweiten Mal dabei. Rekordhalter unter den Ehrengästen ist Helmut Schmidt. In den Jahren 1976 bis 1982 war er als Bonner Regierungschef gleich vier Mal Ehrengast und Redner. Generell gilt: Es wird ein ausländischer und ein deutscher Ehrengast eingeladen.

Italiens Ministerpräsident sagt in letzter Minute ab

In der jüngeren Vergangenheit des Matthiae-Mahls kam es nur einmal vor, dass ein geladener Ehrengast nicht anreiste. 2007 sagte der italienische Ministerpräsident Romano Prodi nicht einmal 24 Stunden vor dem Festessen ab. Er hatte kurz zuvor seinen Rücktritt eingereicht. So wird als offizielle Begründung für die Absage auch die Regierungskrise genannt. Aber das "Hamburger Abendblatt" fand heraus: Prodi wäre trotzdem gekommen, habe aber als Bedingung gemacht, dass keine Presse vor Ort ist und nicht fotografiert und gefilmt werden darf. Bei einer Krisensitzung entschied der Senat: Darauf lassen wir uns nicht ein. Und so blieb Prodi zu Hause. Die Hauptrede hielt dann der zweite Ehrengast des Abends: Bischof Wolfgang Huber.

Als Putin aus dem Saal stürmte

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Nicht als Russlands Präsident, sondern als Vizebürgermeister von St. Petersburg sorgte Wladimir Putin für Aufsehen bei einem Matthiae-Mahl.

Für den einzigen handfesten Skandal in der langen Geschichte der Matthiae-Mahlzeit sorgte Wladimir Putin. Im Februar 1994 saß er als Vizebürgermeister der russischen Stadt St. Petersburg an der Tafel. Die Rede an diesem Abend hielt Estlands Staatspräsident Lennart Meri. Als dieser den Russen vorwarf, sie wollten wieder die Vorherrschaft im Osten, zögerte Putin nicht: Er warf seine Serviette auf die Festtafel und marschierte "mit durchgedrückten Knien aus dem Saal, jeder Schritt begleitet vom Knarzen des Parketts", wie es eine Augenzeugin schilderte. Putin ließ es sich nicht nehmen, dem Gastgeber - dem damaligen Bürgermeister Hennig Voscherau - vor Verlassen des Raums noch einen verächtlichen Blick zuzuwerfen.