Stand: 11.02.2014 10:20 Uhr

Der Schneewinter 1978/79 - ein Überblick

von Levke Heed

Am Morgen des 28. Dezember 1978 liegt die Temperatur in ganz Deutschland bei etwa zehn Grad über Null - typisches Weihnachtstauwetter. Dann ändert sich das Wetter schlagartig: Über Norddeutschland legen sich kalte Luftmassen von bis zu 47 Grad Minus und feuchtwarme Atlantikluft übereinander. Mittags fallen in Flensburg ein paar Regentropfen, dann Schneeflocken. Am Nachmittag und in der Nacht stürzen die Temperaturen plötzlich um bis zu 30 Grad Celsius. Zum Jahreswechsel 1978/79 versinkt der Norden Deutschlands im Schnee.

Eingeschneite Autos, zugefrorene Häfen

Not und Hilfsbereitschaft - zwei Seiten des Schneewinters

In Norddeutschland kommen in diesem ungewöhnlich harten Winter 17 Menschen ums Leben. Zugleich löst das weiße Chaos bei den meisten Norddeutschen aber mehr als nur Katastrophenstimmung aus. Vielerorts wird die Nachbarschaftshilfe "neu" entdeckt. "Es war ein unheimlich freundliches Miteinander. Die Leute haben wieder mehr miteinander gesprochen. Es wurden gemeinschaftlich die Wege freigeschaufelt. Es gab einen Gemeinschaftssinn, an den ich mich gerne erinnere", erinnert sich etwa Feuerwehrmann Johann Müller aus dem ostfriesischen Norden. Wie war die Lage in den einzelnen Bundesländern? Was geschah in den ehemaligen nördlichen DDR-Bezirken?

Schleswig-Holstein: 30.000 Helfer im Einsatz

An den Weihnachtstagen 1978 herrscht in Schleswig-Holstein Tauwetter. Zum Jahreswechsel kommt ein unerwarteter Wetterumschwung. Besonders hart trifft es die Ostseeküste und die nordöstlichen Gebiete: Am 29. Dezember gegen Mittag erklärt der Kreis Schleswig-Flensburg Katastrophenalarm. Allerdings nicht aufgrund eines drohenden Wintereinbruchs, sondern wegen eines angekündigten Wasserstands an der Ostsee von 1,50 Meter über Normalnull.

Zum Hochwasser, das in Flensburg, Schleswig und Lübeck ganze Stadtviertel überschwemmt, gesellt sich ein Schnee- und Eissturm. Auf einer Linie von Lauenburg bis nach Nordfriesland breitet sich der Schnee aus. Temperaturen bis minus 25 Grad und Schneeverwehungen von bis zu vier Metern Höhe sorgen in kürzester Zeit für Chaos. Nach Schleswig-Flensburg lösen auch die Kreise Rendsburg-Eckernförde, Ostholstein, Plön, Dithmarschen und Nordfriesland Katastrophenalarm aus. Rund 30.000 Helfer von DRK, Bundeswehr, Technischem Hilfswerk, Feuerwehr und anderen Hilfsorganisationen sind im Einsatz.

80 Dörfer von Außenwelt abgeschlossen

Videos
02:51 min

"Die Kühe stehen im Stall und brüllen"

Schneekatastrophe 1978/79 in Schleswig-Holstein: Wegen des Stromausfalls stehen die Melkmaschinen still. Im Film von 2004 erinnert sich Bauer Martin Vandrey an die damalige Lage. Video (02:51 min)

Am 30. Dezember sind nach Angaben der Tagesschau 80 Dörfer im nördlichsten Bundesland von der Außenwelt abgeschnitten. Die Versorgung wird mit Hubschraubern sichergestellt.

"Wir hatten plötzlich eine Situation, dass wir auf Nachbarschaft angewiesen waren. Da habe ich begriffen, wie wichtig es ist, dass man Freunde in der Nachbarschaft hat. Wir in unserer kleinen Gemeinde waren in der Lage, uns selbst zu helfen. Nicht den großen Weg nach Hamburg, aber den kleinen Weg zu unserem Kaufmann frei zu machen", erinnert sich Schleswig-Holsteins früherer Ministerpräsident Peter-Harry Carstensen.

Landwirte in Not

Besonders hart trifft es die Landwirte: Unter der Last des Schnees reißen Stromleitungen, Masten knicken um. Daraufhin fallen Melkmaschinen aus und die Tiere müssen per Hand gemolken werden. Zudem fehlt Kraftfutter. Weil die Milch nicht abgeholt werden kann, lassen vielen Bauern sie auf Plastikplanen im Schnee gefrieren.

Zweites Schneechaos im Februar

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Zahlreiche Autos waren unter den Schneemassen begraben - auch das von Klaus-Peter Schulz, der auf Amrum Urlaub machte.

Am 14. Februar wird in vielen Landesteilen erneut Katastrophenalarm ausgelöst. Wieder ist die Ostseeküste stark betroffen. Allerdings gibt es dieses Mal kaum Stromausfälle. Vor Kiel und Flensburg türmt sich das Eis bis zu zwei Meter hoch. Der Eisdienst der Wasser- und Schiffahrtsdirektion Nord verhängt für die Kieler Förde ein totales Fahrverbot. Rund 80 Schiffe liegen hier fest. Auch der Nord-Ostsee-Kanal ist nicht mehr zu befahren. Ein spektakulärer Hubschrauber-Einsatz wird auf der Bahnstrecke zwischen Ascheberg und Preetz geflogen: 40 Reisende werden mithilfe einer Seilwinde geborgen. Die Wassermassen einer drohenden Sturmflut werden durch die Eismassen, die wie ein Panzer wirken, von der Küste abgehalten. Der Fehmarnsund wird allerdings evakuiert.

Sechs Tage später hat das nördlichste Bundesland auch das zweite Schneechaos überstanden. Es dauert lange, bis die Schneemassen schmelzen. In Husum liegt noch bis zum 20. Mai 1979 Schnee.

  • Erlebnisse von Zeitzeugen in Schleswig-Holstein

    Klaus-Peter Schulz saß nach Silvester auf Amrum fest: "Am 25.12.1978 sind wir nach Amrum gefahren, um Silvester dort zu verbringen. Aufgrund der Wetterlage stellten die Fähren bald ihren Dienst ein. Als wieder Fähren fuhren, durften zunächst nur Personen mitfahren. Erst als auch Pkw wieder transportiert wurden, habe ich mein Auto ausgegraben: Es war bis übers Dach eingeschneit. Leider hatte der Wagen dabei erheblichen Schaden erlitten. Er wurde von freundlichen Nachbarn auf die Fähre geschleppt und auf dem Festland repariert."

  • Marlies Nienstädt machte während des Schneewinters ihren Führerschein:
    "Bei einer Fahrstunde wollte uns der Fahrlehrer zeigen, wie man galant wieder aus eine Schneewehe kommt. Leider hat das nicht funktioniert, die Jungs im Auto mussten den Wagen wieder rausschieben."

  • Marlis Kell wurde während der Schneekatastrophe geboren: "Meine Eltern waren zu Hause in Klausdorf-Schwentine eingeschneit. Damals ging gar nichts mehr. Aber meine Mutter hat mich gesund auf die Welt gebracht, ich wog 3.980 Gramm - sehr schwer für ein Mädchen. Alle wahren froh, dass alles gut gegangen ist. Meine Mama und ich sind nach paar Tagen mit dem Helikopter ins Krankenhaus geflogen."

  • Hannelore Beumelburg-Hahn steckte in Glücksburg fest: "Wir kamen aus Dänemark und kamen an der Grenze nicht weiter. Wir landeten dann in einer Pension in der Nähe von Glücksburg. Den Wagen mit einem großen Dorsch von unseren dänischen Freunden im Kofferraum mussten wir auf halber Strecke stehen lassen. In der Pension waren wir ein zusammengewürfelter Haufen Menschen. Fünf Tage lang haben wir jeden Tag versucht, zu Fuß zum Bahnhof zu kommen. Wir gehörten zu den ersten, die mit den Zügen in Richtung Neumünster fahren konnten. Nach einer guten Woche oder 14 Tagen haben wir dann das Auto abgeholt: Der Dorsch war noch ziemlich frisch, aber wir haben ihn nicht mehr verspeist. Wenn wir heute Dorsch essen, denken wir immer an die Schneekatastrophe."

  • Lothar Schütze war damals bei der Bundeswehr in Itzehoe stationiert: "Ich wohnte am Rande des Ruhrgebiets und bin nach Silvester mit dem Zug nach Itzehoe gefahren, das war schon abenteuerlich. Der Zug fuhr damals nur bis Heide, dann ging nichts mehr. Itzehoe liegt vor Heide, nutzt ja nichts. Anschließend habe ich bis April das ganze Programm miterlebt: Schneeschaufeln, Bauernhöfen die Milchabfuhr wieder gewährleisten und so weiter. Manchmal gab es bei den Bauern Pfannkuchen und etwas zum Aufwärmen."

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1978: Schneekatastrophe sorgt für Chaos

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Einen Winter wie 1978/79 gab es in Schleswig-Holstein nie wieder: Schneemassen begruben den Norden. Ganze Dörfer waren eingeschneit und von der Außenwelt abgeschnitten. Video (06:02 min)

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 17.03.2013 | 19:30 Uhr

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