Stand: 28.05.2015 16:49 Uhr  | Archiv

Vom Strandraub zur Seenotrettung

von Dirk Hempel, NDR.de
Bild vergrößern
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts lebten viele Bewohner der deutschen Nordseeküste von Strandraub.

Mitte des 19. Jahrhunderts geraten an der deutschen Nordseeküste jährlich rund 50 Segelschiffe in Seenot. Aber nur ein einziges Rettungsboot ist im Einsatz. Auch mangelt es an Leuchttürmen und Seezeichen, die den Seeleuten den Weg zwischen Sandbänken und Untiefen, durch Nebel und Sturm weisen könnten. An den Küsten hält sich noch immer das überlieferte Strandrecht, nach dem der Finder geborgene Teile eines Wracks oder der Ladung behalten darf. Auch wenn niemand Schiffbrüchigen den Tod wünscht, ist das Strandgut ein gern gesehenes Zubrot. "Gott segne den Strand", beten Bauern und Fischer in ostfriesischen Kirchen.

Der Untergang der "Alliance" bringt die Wende

Das ändert sich erst 1860. An Morgen des 10. September strandet die hannoversche Brigg "Alliance", die Kohlen von England nach Geestemünde bringen soll, vor Borkum. Melkerinnen hören die Hilferufe der neunköpfigen Besatzung. Einige Dorfbewohner geben sie vor den Badegästen als Gespenstergeschrei in den Dünen aus, während andere Insulaner schon am Strand auf Treibgut lauern. Augenzeugen, die trotzdem an den Strand geeilt sind, müssen mitansehen, wie die Seeleute nach und nach von der Brandung über Bord gespült werden und ertrinken. Ihre Leichen liegen noch lange am Strand, während die Borkumer das Wrack plündern.

Aufgerüttelte Bürger gründen die DGzRS

Bild vergrößern
Engagierte Bürger und Gründer der DGzRS: Adolph Bermpohl, Georg Breusing und Arwed Emminghaus.

So berichten Zeitungen in ganz Deutschland und empören sich über diese "mittelalterliche Barbarei". Die Artikel liest auch ein Navigationslehrer an der Seefahrtsschule in Vegesack, Adolph Bermpohl, und fordert in Aufsätzen die Einrichtung von Rettungsstationen nach britischem Vorbild. Zwischen Emden und Sylt, Flensburg und Memel setzt nun ein Umdenken ein. Die Küstenbewohner finden sich endlich bereit, Seeleuten, die in Not geraten sind, zu helfen, und aufgerüttelte Bürger wie der Zollinspektor Georg Breusing in Emden gründen örtliche Vereine.

Die treibende Kraft beim Zusammenschluss der regionalen Stationen am 29. Mai 1865 zur "Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger" wird der Bremer Journalist Arwed Emminghaus. Den Vorsitz übernimmt der Reeder und Mitbegründer des Norddeutschen Lloyd, Hermann Henrich Meier.

100.000 Taler für 50 Rettungsstationen

Die DGzRS, die ihre Zentrale in Bremen einrichtet, benötigt 100.000 Taler, um zunächst 50 Stationen einzurichten, zusätzlich jährlich bis zu 15.000 Taler für die laufenden Kosten. Der Vorstand entwickelt schon damals ein zweigleisiges Spendenmodell, das noch heute gilt: Während Meier auf 1000-Taler-Spenden setzt, favorisiert Emminghaus den Aufruf zu Klein- und Kleinstspenden, die bald aus ganz Deutschland eintreffen und den Aufbau des Rettungswerks vorantreiben. Seit 1875 gibt es dafür das schwarz-weiß-rote Sammelschiffchen, das schon damals sogar in Bayern und Österreich aufgestellt wird.

Vom Ruderboot zum Seenotkreuzer

Im Jahr nach der Vereinsgründung retten die Männer an Nord- und Ostsee 141 Menschen aus Seenot. Am 14. Januar 1866 etwa birgt das Memeler Rettungsboot 15 Menschen von der preußischen Bark "Marianne", am 18. Juni holen Wustrower Rettungsmänner vier Seeleute von dem russischen Schoner "Constantin". Die DGzRS setzt 1866 insgesamt 122 Rettungsboote ein und 19 Rettungsgeschütze: Mit Raketen, die das königlich preußische Feuerwerkslaboratorium Spandau fertigt, werden dabei Leinen vom Strand aus zu havarierten Schiffen hinübergeschossen, bis zu 500 Meter weit. Über diese Verbindung werden dann Schiffbrüchige in einem Rettungsring mit angenähter Hose, der Hosenboje, an Land gezogen.