Stand: 20.10.2017 07:33 Uhr

"Sanddorn"-Krimi: Lokal-Kommissar hört auf

von Tino Nowitzki

München hatte Derrick, Duisburg Horst Schimanski und wegen der Vielfalt an "Tatort"-Ermittlern können sogar relativ kleine Städte wie Weimar mit einem Film-Kommissar protzen. Und Braunschweig? Einen eigenen Krimi gab es dort lange nicht. Hobby-Regisseur Jonas Jarecki arbeitet deswegen seit einiger Zeit mit dem Buchautor Dirk Rühmann zusammen, Schöpfer der Braunschweig-Krimis "Mord auf der Oker". Der Roman-Kommissar "Sanddorn" hat es Jarecki dabei besonders angetan, fünf "Sanddorn"-Teile hat er mittlerweile gedreht. Mit viel Action und vor allem viel Braunschweig drin. Das kommt beim regionalen Publikum an - so gut, dass im Oktober zum wiederholten Mal ein Kurzfilm der Serie beim Internationalen Filmfest in Braunschweig läuft. Trotzdem könnte es der letzte "Sanddorn" gewesen sein.

Große Portion Lokal-Kolorit

Eine dicke Portion Lokal-Kolorit ist das Markenzeichen der "Sanddorn"-Reihe. Innenstadt-Kneipe, Bushaltestelle, Einfamilienhaus-Siedlung: "In den Filmen kann man sicher sein, eine Menge Braunschweig zu sehen", sagt Jarecki. Angefangen hatte alles mit dem Roman "Todeswarnung per SMS" von Dirk Rühmann, den Jarecki faszinierend genug fand, ihn zu verfilmen. Zwar ist der 26-Jährige kein Regie-Profi. Aber schon als Jugendlicher drehte er nebenbei Filme, besonders Krimis haben es ihm angetan. Vielleicht auch, weil er in seinem eigentlichen Job als Außendienstmitarbeiter einer Versicherung eher weniger Action erlebt. Für Jarecki war beim Filmvorhaben jedenfalls klar: Eine Komödie oder ein Drama ist nicht drin. Es musste schon eine Kriminalgeschichte sein - und zwar in seiner Heimatstadt Braunschweig. Die Drehbücher für die "Sanddorn"-Teile bekommt Jarecki von nun an regelmäßig von Dirk Rühmann. Produziert wird mit geringem Budget.

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Uwe Sanddorn (rechts, gespielt von Thomas Hupe) ermittelt in Braunschweig. Hier mit Kollegin Bianca Droste (Lisa Dauke).
Low Budget, aber Spaß dabei

Teure Hotelzimmer und beheizte Wohnwagen für die Darsteller sucht man bei einem "Sanddorn"-Dreh vergeblich. "Wir sind froh, wenn wir gerade die Kosten decken können", sagt Jarecki. Dementsprechend klein ist mit einer Handvoll Unterstützern auch sein Team. Die meisten - Tonmann, Regieassistentin, Filmmusik-Schreiber - hat der junge Regisseur zufällig kennengelernt. Und auch die Schauspieler sind fast alle Laien. Nur ab und an holt sich Jarecki auch mal ein bekannteres Gesicht dazu, wie Frank Montenbruck aus der Serie "Stromberg". Leicht sei es nicht gerade, Filme ohne viel Geld zu machen, sagt Jarecki. Es dauere Monate und selbst dann könne es vorkommen, dass kurz vor der Premiere vielleicht noch eine Sekunde Tonspur fehlt: "Dann muss man eben nochmal ran." Die günstige Produktion sah man den Krimis anfangs auch an. Mittlerweile habe sich da aber einiges getan, findet der Hobby-Regisseur und sieht sich jetzt durchaus auf Fernseh-Niveau. Aber da gebe es ja auch noch diese ganz spezielle Faszination, die von Low-Budget-Produktionen ausgeht: "Gerade bei Laien kannst du Sachen aus den Leuten herausholen, die überraschen", so der Regisseur. Ähnlich sei das auch mit dem Sanddorn-Darsteller selbst gewesen.

Knorrig mit Herz

Verkörpert wird Sanddorn von Thomas Hupe. "Eines Tages klingelte es an der Tür und ich wurde gefragt, ob ich Zeit für einen Film hätte", sagt Hupe, der im wahren Leben Lehrer ist. Die Rolle von Kommissar Sanddorn habe er mittlerweile lieb gewonnen. Schließlich sei der auch ein bisschen wie er selbst: Knorrig, schräg, aber ein herzensguter Mensch. "Und irgendwie passt das auch zu dem Braunschweiger an sich", sagt Hupe. Dabei habe Hupe den Charakter des Uwe Sanddorn stärker beeinflusst als anders herum, findet Regisseur Jarecki. Und auch "Sanddorn"-Erfinder Dirk Rühmann glaubt: "Mit Hupe ist Sanddorn irgendwie lockerer geworden." Ursprünglich sei die Rolle nämlich als eigenwilliger Beamten-Typ mit weichem Kern angelegt gewesen. Der Name der Figur fiel Rühmann bei einem Rügen-Urlaub ein, als er ständig mit dem Wort "Sanddorn" konfrontiert wurde. Der knorrige Braunschweiger Kommissar ermittelt allerdings nicht allein: Meist ist er mit Partner Jakob Ferner unterwegs, der von Ingolf Wagner gespielt wird. Mit Bianca Droste, gespielt von Lisa Dauke, hat er auch eine weibliche Kollegin. Regisseur Jarecki: "Die Filme entwickeln sich weiter, neue Leute kommen hinzu. Gleichzeitig lernt man Sanddorn besser kennen."

Ausverkaufte Kinovorstellungen

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Regisseur Jonas Jarecki ist stolz auf den Erfolg seiner Krimi-Serie. Trotzdem ist der fünfte "Sanddorn"-Teil vorerst der letzte.

Und der Kommissar hat bereits eine kleine Fan-Gemeinde: Die regionalen DVD-Verkäufe mehren sich und die Kinovorstellungen sind regelmäßig ausgebucht, freut sich Jarecki. So sei es mittlerweile auch kein Problem mehr, bei der Polizei anzufragen, ob nicht mal eben zwei Kollegen mit einem Streifenwagen im neuen "Sanddorn"-Teil mitspielen wollen. Jarecki: "Die finden das dann selbst total aufregend". Und dann ist da natürlich das Filmfest. Im letzten Jahr zog dort der vierte Teil 200 Zuschauer in das ausverkaufte Kino. Am 22. Oktober feiert nun die fünfte "Sanddorn"-Auflage beim Filmfest Premiere. Der Titel: "Kontrollverlust". In der Folge wird ein älterer Mann grausam ermordet. Vieles deutet auf einen Raubmord durch einen Pizza-Kurier hin. Doch Kommissar Sanddorn vermutet mehr und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Ein Jahr haben Dreharbeiten und Postproduktion gedauert. "Das ist bisher mit Abstand unser aufwendigstes und qualitativ bestes Projekt", sagt Jarecki. So wurde die Filmmusik für den Teil von Jareckis langjährigem "Sanddorn"-Mitstreiter Timo Klingebiel komplett neu komponiert und arrangiert.

Ruhestand für Kommissar Sanddorn?

Beim Filmfest soll der neue "Sanddorn"-Teil dann auch in einem größeren Kinosaal laufen. "Wir hoffen, diesmal 400 Zuschauer in den Saal zu bekommen", sagt Jarecki. Trotzdem soll "Kontrollverlust" vorerst der letzte Einsatz des Braunschweiger Ermittlers bleiben. "Wir haben ein Qualitätslevel erreicht, welches nur noch mit finanziellen Zuschüssen von außen zu toppen ist", so Jarecki. Fünf Folgen - damit sei die Geschichte um den knorrigen Kommissar abgeschlossen. In Rente gehen oder gar einen Filmtod sterben wird er bei seinem letzten Fall allerdings nicht. Stattdessen endet der Teil mit einem Cliffhanger. Achtung Spoiler: Sanddorn trennt sich von seiner Frau - mit offenem Ende. Also doch ein letztes Hintertürchen, um sich die Option einer Fortsetzung offen zu halten? "Man weiß nie", sagt Jarecki. Schließlich habe schon so mancher seinen Abschied aus dem Rampenlicht verkündet und kam dann am Ende doch wieder.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Braunschweig | 16.10.2017 | 14:30 Uhr

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