Stand: 22.08.2017 10:19 Uhr

Schmachten in den Grachten

Tulpenfieber
, Regie: Justin Chadwick
Vorgestellt von Walli Müller

"Tulpen aus Amsterdam" - gibt’s heute billig beim Discounter. Im 17. Jahrhundert waren sie eine Kostbarkeit, die sich nur reiche Leute leisten konnten. Man stellte sich dann ein Blütenstängelchen ins Wohngemach - als Statussymbol. Je weißer diese Tulpe war, desto kostbarer. Nun erzählt ein opulenter Kostümfilm mit Christoph Waltz und Alicia Vikander vom Tulpen-Hype im alten Holland.  

Dass man an der Börse auf Gewinne oder Verluste in der Zukunft wetten kann, klingt nach entartetem modernem Finanzmarkt, ist aber schon im 17. Jahrhundert möglich. Tulpenzwiebeln aus Übersee sind damals das begehrte Spekulationsobjekt in Amsterdam. Man kauft sie in der Hoffnung, dass eine besondere Blüte daraus wachse. 

Börsencrash am historischen Tulpenmarkt

Dieser frühe Börsen-Hype, der natürlich auch in einem Crash enden musste, ist die eine Geschichte, von der "Tulpenfieber" erzählt. Die andere: ein pikantes Liebes-Abenteuer. Das Waisenmädchen Sophia, gespielt von der bildschönen schwedischen Oscar-Preisträgerin Alicia Vikander, sichert sich mit der Heirat eines gut 20 Jahre älteren Kaufmanns eine soziale Existenz.

Ausbleibender Stammhalter

Sophia hat Glück: Der verwitwete Gewürzhändler Cornelis Sandvoort ist kein übler Mann. Er behandelt sie respektvoll - obwohl sie ihm den ersehnten Stammhalter nicht gebärt. Christoph Waltz, der schon auf den Psychopathen vom Dienst abonniert schien, darf hier endlich mal wieder ein wenig zurückhaltender spielen. Mit fast kindlicher Freude gibt dieser Sandvoort ein Doppelgemälde von sich und seiner Gattin in Auftrag: "Ich habe mich entschlossen, die Dienste eines jungen Malers in Anspruch zu nehmen. Auch wenn alles andere über mich vergessen sein wird, wird man sagen: Seht euch den alten Glückspilz an! Hatte er nicht eine zauberhafte junge Frau?“

Wollust in Vermeerfarben

Nur leider verguckt sich die "zauberhafte junge Frau" sofort in den ebenso jungen Maler - und umgekehrt. Aus ist es mit der Tugendhaftigkeit. Eine gewagte Affäre beginnt, die mit allerlei Komödienspiel vertuscht werden muss. Sex, Intrigen und Tulpen-Handel - das sind die Zutaten für dieses opulente Historien-Boulevard-Stück. Die Kostüme sind edel, die Bilder stilvoll im Farbspektrum der niederländischen Gemälde-Klassiker von Rembrandt und Vermeer gehalten. Inhaltlich gibt's dazu aber ein Ränkespiel wie im Ohnsorg-Theater. Und Regisseur Justin Chadwick, der in "Die Schwester der Königin" schon mal ins 16. Jahrhundert am britischen Königshof eingetaucht war, hat genau das interessiert. "Ich wollte eigentlich gar keinen Historien-Film mehr drehen, aber dieser Stoff fühlte sich total modern an! Klar, er spielt in einer vergangenen Epoche, aber letztlich ist es ein Thriller", erzählt der Regisseur.

Präzisieren wir: ein erotischer Thriller. Denn wenn hier voluminöse schwarze Roben und steife weiße Spitzenkrägen fallen, geht’s sehr modern zur Sache. Nicht zu vergessen natürlich der ziemlich aktuell wirkende Börsen-Krimi! Die Zuschauer bekommen hier eine Art Mischung aus "Shakespeare in Love" und "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" - sehr unterhaltsam, eindrucksvoll ausgestattet, aber sicher kein naturalistisches Zeitgemälde. Historien-Kino ist nicht immer was für Historiker.

Tulpenfieber

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
USA, Großbritannien
Zusatzinfo:
mit Alicia Vicander, Christoph Waltz, Dane DeHaan, Judi Dench, Holliday Grainger, Zach Galifianakis, Cara Delevingne
Regie:
Justin Chadwick
Länge:
107 min
FSK:
FSK ab 6 Jahren
Kinostart:
24. August 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 24.08.2017 | 06:40 Uhr

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