Stand: 25.07.2017 17:12 Uhr

"The Party": Chaos bei Häppchen und Sherry

The Party
, Regie: Sally Potter
Vorgestellt von Bettina Peulecke

Kaum ein Film wurde auf der diesjährigen Berlinale vom Publikum so gefeiert wie Sally Potters "The Party". Dabei ist der Film vergleichsweise kurz, unspektakulär und in Schwarz-Weiß - und trotzdem ein Knüller. Nun kommt die Mischung aus Screwball-Komödie, griechischer Tragödie und Gesellschaftssatire in die Kinos.

Scharfzüngige Frauen im Vorteil

Janet ist gerade ganz oben in ihrer beruflichen Karriere angekommen: Sie wurde zur Gesundheitsministerin ernannt. Um das zu feiern, hat sie ein paar Gäste in ihr hübsches Londoner Stadthaus geladen. Dazu gehört ebenso ein alles ausdiskutierendes lesbisches Paar mit Nachwuchssorgen als auch das ungleiche Paar April und Gottfried, er ein vertrottelter Esoteriker, sie eine hochgelehrte Zynikerin, die so gar kein Blatt vor den Mund nimmt: "Fühlst du dich jetzt anders? Du siehst recht amtlich aus in dieser Schürze. Auf eine Einundzwanzigstes-Jahrhundert-postfeministische Art und Weise."

Die Drehbuchautorin und Regisseurin Sally Potter hat - wie zum Beispiel in "Orlando" - schon immer sehr starke Frauenfiguren in ihren Filmen positioniert und sieht sich durchaus als feministische Filmemacherin. Auch wenn sie selbst sagt, dass sie ihre männlichen Charaktere genauso liebt wie die weiblichen, sind die in Sachen Scharfzüngigkeit eindeutig im Vorteil.

Nicht frei von Klischees, aber unterhaltsam

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Die angespannte Stimmung kippt und die Gäste Bill (Timothy Spall), Tom (Cillian Murphy), Jinny (Emily Mortimer) und April (Patricia Clarkson, v.l.n.r.) enthüllen nach und nach Geheimnisse.

"The Party" kommt nicht ganz ohne Klischees aus, es ist aber ein ebenso unterhaltsames wie entwaffnendes Kammerspiel, in dem viel Ernstes zutage tritt. Da werden tödliche Arztdiagnosen und fatale Affären offenbart, wird auf höchstem intellektuellen Niveau über Genderprojekte hergezogen und natürlich über die politische Landschaft.

Ausschlaggebend war für Sally Potter die Gesundheitspolitik und die schlechte Gesundheit der Politik, und wie beides miteinander verflochten ist. Auch der Filmtitel "The Party" funktioniert doppeldeutig - als "Feier" oder als "Partei". Aber Politik ist beileibe nicht alles für Sally Potter: "Im Grunde handelt es sich um eine klassische griechische Tragödie. Aber die wollte ich eben in Form einer Komödie erzählen."

Gute Schauspieler mit perfektem Timing

Was fast paradox klingt, gelingt grandios. Auch fühlte Sally Potter sich beim Schreiben von Hollywoods klassischen Screwball-Komödien inspiriert, ihrem genauen Timing der pointierten Dialoge ist das deutlich anzumerken. Das alles wäre aber nichts ohne die entsprechende Umsetzung. Es wäre unfair, auch nur einen Namen aus dem wunderbaren Schauspielerensemble herauszuheben, denn Kristin Scott-Thomas, Timothy Spall, Emily Mortimer, Cillian Murphy und Patricia Clarkson sind alle auf ihre Weise unschlagbar. Allerdings überrascht tatsächlich einer im Bunde: Bruno Ganz als alle liebender Esoteriker liefert eine echt abgehobene Performance in diesem Juwel von Film.

Und endlich ist auch klar, worauf Frauen in verantwortungsvollen politischen Positionen wirklich achten müssen: "Ich bewundere dich, Janet", sagt April, "aber wenn du dieses Land wirklich führen willst, und wir wissen beide, dass du das willst und auch musst, uns allen zuliebe, dann musst du etwas mit deinen Haaren machen."

The Party

Genre:
Komödie
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
Großbritannien
Zusatzinfo:
mit Patricia Clarkson, Kristin Scott Thomas, Bruno Ganz, Timothy Spall, Cillian Murphy, Emily Mortimer, Cherry Jones
Regie:
Sally Potter
Länge:
71 min
FSK:
FSK ab 12 Jahren
Kinostart:
27. Juli 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 26.07.2017 | 06:40 Uhr

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