Stand: 21.09.2015 15:51 Uhr

Erfolgsserien - bald auch aus Deutschland?

von Walli Müller
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Die Serie "Weissensee" hat in der deutschen Serienlandschaft Pionierarbeit geleistet.

Am Sonntag wurden in Los Angeles die Emmys verliehen - gewissermaßen die Oscars der Fernseh-Branche. Und für die Juroren war es in diesem Jahr richtig schwierig, würdige Preisträger zu finden, weil es einfach zu viele Kandidaten gab. In den USA werden allein in diesem Jahr 400 TV-Serien ausgestrahlt - und viele davon sind großartig, nicht nur "Game of Thrones" und "Mad Men", die nun einmal mehr als Emmy-Gewinner da stehen.

Der Serien-Boom in den USA, aber auch in England und Skandinavien verändert nun langsam auch die deutsche Fernseh-Landschaft. Die wichtigsten Neuerungen im Überblick.

Neue Erzählweise

Ob "Der Alte" oder "Der Dicke" - die klassische deutsche Fernseh-Serie liefert einen abgeschlossenen Fall pro Folge. Das ist immer noch die Regel, aber die Ausnahmen häufen sich. Die Krimi-Serie "Blochin", ab Freitag im ZDF, setzt auf "horizontales Erzählen". Das heißt: Eine fortlaufende Geschichte wird über die gesamte Serie entwickelt. So hat Regisseur Matthias Glaser sechs Stunden Zeit, vom Polizisten Blochin zu erzählen, der zu den Guten gehören will, aber von seiner Rotlicht-Vergangenheit eingeholt wird.

Mehr Mut, aus gewohnten Bahnen auszubrechen

Aus US-Serien kennt man schon länger Hauptfiguren, die über Leichen gehen - wie Kevin Spacey als Polit-Hai in "House of Cards" oder der Serienkiller "Dexter". Fürs deutsche Fernsehen ist es noch ungewöhnlich, dass Jürgen Vogel als Titelheld "Blochin" keine Lichtgestalt ist.  "Das wäre vor fünf Jahren einfach noch gar nicht möglich gewesen, auch nicht mit dem ZDF", sagt Vogel selbst.. "Die Diskussionen, was eine Hauptfigur machen darf und was sie nicht machen darf, haben wir komplett ad acta gelegt. Und das macht es eben auch so wahnsinnig interessant und spannend, weil du jeder Figur alles zutraust."

Neue Ästhetik

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Mit "House of Cards" schufen die Regisseure eine neue Serien-Ästhetik. Die US-Produktion wurde mehrfach ausgezeichnet.

Bei "House of Cards" haben Hollywood-Größen wie David Fincher, Joel Schumacher und Carl Franklin Regie geführt. Sie bescheiden sich nicht mit billiger Fernseh-Kulisse, sondern trumpfen auf mit aufwändigen Sets und atmosphärischen Bildern. Auch deshalb gelten Serien inzwischen als das "neue Kino". In Deutschland liefern renommierte Regisseure wie Dominik Graf und Friedemann Fromm immer wieder kinoreife Bilder fürs Fernsehen. Mit ihren hochgelobten Serien "Im Angesicht des Verbrechens" und "Weissensee" haben sie Pionierarbeit geleistet.

Top-Regisseure und Schauspielstars im Fernsehen

Falls Kino-Regisseure früher vielleicht einen gewissen Dünkel der "Glotze" gegenüber hatten, dann ist davon heute nichts mehr zu spüren. Denn welchen Filmemacher reizt es nicht, eine ganze Serie lang Zeit zu haben für die Entwicklung seiner Charaktere! "Blochin"-Regisseur Matthias Glaser jedenfalls empfand es wie ein Geschenk. "Ich habe das Gefühl, das normale Spielfilm-Format ist ganz schön in der Krise. Es geht uns doch allen so, dass wir 20 Minuten, bevor ein Film zu Ende geht, wissen, wie es ausgehen wird. Wir haben alle Varianten schon gesehen. Bei Serien ist es so, dass wir ganz stark das Gefühl haben, wir werden ständig überrascht. Das ist ein ganz neues Erleben von Geschichten erzählen."

Neue Terminierung und neue Ausspielwege

Eine ganze Woche lang ungeduldig auf die nächste "Twin Peaks"-Folge warten müssen - das war einmal! Serien-Fans schauen heute eine Staffel am liebsten am Stück - auf DVD, in der Mediathek oder beim Streaming-Dienst. Und so haben sich auch ARD und ZDF durchgerungen, Serien nun en bloc zu senden. Die dritte Staffel der DDR-Familien-Saga "Weissensee" läuft an drei aufeinanderfolgenden Abenden, genau wie "Blochin".

Vorfreude erlaubt!

Die deutsche "Super-Serie" à la "Homeland" ist nicht mehr undenkbar. Denn Vielversprechendes ist in der Mache: "Babylon Berlin" zum Beispiel, eine historische Krimi-Reihe, die im Berlin der aufregenden 1920er-Jahre spielt, mit entwickelt von Tom Tykwer für die ARD. Und auf RTL läuft demnächst "Deutschland 83". Hier geht es um einen jungen Stasi-Spitzel, der eingeschleust in die Bundeswehr den Kalten Krieg anheizt. Spannende Zeiten also für Serien-Fans und -Macher endlich auch in Deutschland! 

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