Stand: 22.06.2016 10:20 Uhr

Mark entdeckt Hana in sich

Sworn Virgin
, Regie: Laura Bispuri
Vorgestellt von Katja Nicodemus
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Hana-Mark (Alba Rohrwacher) macht sich schön .

Noch nie wurde in unseren westlichen Gesellschaften so viel, so frei und so leidenschaftlich über Geschlechter- und Genderfragen debattiert wie in den letzten Jahren. Nun kommt "Sworn Virgin" ins Kino, ein Film, der sich dem Thema auf höchst ungewöhnliche Weise nähert - und der dafür bereits auf der Berlinale gefeiert wurde.

Schon die ersten Bilder dieses Films haben eine packende, schöne, ganz selbstverständliche Intensität. Eine Gruppe von Männern fängt einen jungen Hammel, irgendwo in den verschneiten Bergen von Albanien. Einer der Männer ist besonders jung und feingliedrig. Erschöpft presst er sein Gesicht ins Fell des gefangenen Tieres.

Als der junge Mann ein Schiff in die Stadt nimmt, sind wir schon gebannt von dieser rätselhaften Hauptfigur. Irgendwann wird sie in einer italienischen Metropole ankommen, am Eingang eines modernen, gesichtslosen Mietshauses. Die Reaktion am anderen Ende der Sprechanlage ist ein Seufzen. Ist es sorgenvoll? Oder erleichtert?

Ein uralter Brauch und die Folgen

Mark, so heißt der junge Mann, wird gespielt von der italienischen Schauspielerin Alba Rohrwacher. Mark war einmal ein Mädchen namens Hana, aufgewachsen in der traditionsverhafteten Gebirgslandschaft von Albanien. Rückblenden erzählen ihre Geschichte. Weil Hana nicht heiraten und damit als Dienerin eines Mannes leben will, folgt sie einem uralten Brauch. Hana legt einen Schwur ab, von nun an als "geschworene Jungfrau" zu leben. Sie bekommt ein Gewehr und den Männernamen Mark. Der Preis ist der Verzicht auf jegliche Sexualität.

Laura Bispuris Film "Sworn Virgin", der im Wettbewerb der Berlinale lief, zeigt, wie man mit solch einem Schicksal in der Moderne zurechtkommt: Nach dem Tod des Vaters geht Mark alias Hana nach Mailand, wo ihre Schwester lebt, die vor ihrer Zwangsehe davonlief. Weitere Rückblenden zeigen die beiden Mädchen als Kinder, unbeschwert in einer Berglandschaft.

Ein Regelwerk der Unterdrückung

Zwei unbändige Mädchen in der Natur. Zwei Wesen mit wehenden Haaren, die noch nicht wissen, dass ihnen die archaisch-christliche Gesellschaft als Frauen keine Freiheit lassen wird. Es ist die Mutter, die den beiden Töchtern mit ernster Stimme einbläut, wie sie als erwachsene Frauen zu leben haben.

Ein tief verankertes Regelwerk der Unterdrückung und Beschränkung tut sich auf. Als Frau dürfe man nicht vor Männern sprechen oder gestikulieren, keinen Raki trinken und kein Gewehr besitzen, nicht alleine in den Wald gehen. Es sind diese Rückblenden, die Hanas religiösen Schwur verständlich machen, den Verzicht auf die eigene Körperlichkeit, die Verwandlung in Mark. Letztlich erzählt Laura Bispuris Film die Geschichte einer Rückverwandlung. Ganz allmählich wird Mark in Mailand wieder zu Hana.

Ungewöhnliche Wege der Selbstfindung

Einerseits scheint Laura Bispuris Film in die aktuellen Debatten um Gendermuster und Geschlechterrollen zu passen, andererseits aber auch nicht. Denn diese Hana, die sich selbst als Frau erst entdecken muss, geht einen ureigenen, mit nichts zu vergleichenden Weg. Sie nimmt sich eine eigene Wohnung. Sie probiert Lippenstift aus. Sie nimmt die Bandagen ab, die ihre Brust zusammenpressen. Sie begleitet ihre halbwüchsige Nichte zum Schwimmtraining und hat dort flüchtige sexuelle Begegnungen mit einem Bademeister (Lars Eidinger). Und sie begleitet ihre Schwester in eine albanische Bar, wo diese als Sängerin auftritt.

Es wird wenig gesprochen in "Sworn Virgin", deshalb sollte man sich keinesfalls davon abschrecken lassen, dass der Film im italienischen und albanischen Original ins Kino kommt. Denn die Bilder sprechen Bände. Die Gesichter von Lila und Hana. Ihre Blicke. Und das Lied, das von den beiden in der Bar gesungen wird: die eine im tiefausgeschnittenen Kleid, die andere im Hemd. In diesem leisen, ergreifenden Film haben die beiden Schwestern nicht nur einander wiedergefunden.

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Sworn Virgin

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2016
Produktionsland:
Italien, Schweiz, Deutschland, Albanien, Frankreich
Zusatzinfo:
mit Alba Rohrwacher, Flonja Kodheli, Lars Eidinger
Regie:
Laura Bispuri
Länge:
87 min
FSK:
FSK ab 0 Jahre
Kinostart:
23. Juni 2016

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 23.06.2016 | 07:20 Uhr

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