Stand: 06.01.2016 12:40 Uhr

Eine verlorene Generation

Der erste Horizont meines Lebens
von Liliana Corobca, aus dem Rumänischen von Ernest Wichner
Vorgestellt von Mirko Schwanitz

Kinder in einer Welt ohne Eltern? Nein, das ist nicht der Stoff für einen utopischen Roman oder für ein Buch über neue Formen der Reproduktionsmedizin. Es gibt diese Welt. Eine Welt, die für Tausende Kinder nicht utopisch, sondern Alltag ist. Laut UNICEF wachsen 117.000 Kinder in der Republik Moldawien ohne Mutter und Vater auf. In Rumänien sind es 350.000, in der Ukraine sollen es 1,2 Millionen sein. Die meisten Eltern sind gezwungen, ihr Geld im Ausland zu verdienen.

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Liliana Corobca wurde 1975 in Modawien geboren und lebt als Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin in Bukarest.

Ab und zu ist über diese Kinder berichtet worden. Danach haben wir sie wieder aus dem Blick verloren. Zu viel Elend. Zu viele Krisen. Große Fernsehbilder geben diese Kinder auch nicht her. Es sind die Kinder von Eltern, die als Erntehelfer bei unseren Bauern, als Pflegerinnen in unseren Pflegeheimen, als Bauarbeiter auf unseren Baustellen arbeiten. Nun hat die moldawische Autorin Liliana Corobca die Welt dieser vergessenen Kinder in einen bewegenden Roman gebannt: "Der erste Horizont meines Lebens".

Alleingelassene Kinder

"Ich verfolge in meinem Buch das Leben von drei Kindern. In ihrer Entwicklung spiegelt sich das Leben auf dem Dorf und wie es sich in der postsowjetischen Zeit verwandelt. Die Kinder aus meinem Buch wachsen ohne Eltern, ohne jegliche Erziehung auf. Sie werden komplett anders sein als wir alle."

Die zentrale Figur ist die zwölfjährige Christina. Sie lebt allein mit ihren jüngeren Brüdern Dan und Marcel im Haus der Eltern, die irgendwo in Italien und Russland arbeiten. Christina muss den Haushalt führen, die Großmutter pflegen, die Brüder erziehen und selbst noch zur Schule gehen.

Die Zecke klebte am Bauch, […] trank das Blut des Kindes. Das Mädchen, eher vom Gebrüll des Bruders verängstigt, […], macht sich auf, Hilfe zu holen. Sie hätte die Zecke zwar herauslösen können, aber wenn der Kopf stecken blieb …. oder, Gott bewahre, sie schlüpft ganz hinein […], wo sie niemand herausholen kann, und der Bruder stirbt, ausgesaugt von einer Zecke. Leseprobe

Probleme gehören zum Alltag

Wenn schon das Entfernen einer Zecke für die alleingelassenen Kinder zur Herausforderung wird, was passiert erst, wenn es wirkliche Probleme gibt? Es ist die Schilderung solcher kleinen Alltäglichkeiten, die dieses Buch groß machen. Mit kühler Distanz beobachtet die Zwölfjährige das Leben in ihrem Dorf. Aus ihren Schlussfolgerungen baut sie sich ihr eigenes Wertesystem.

"Es war keine soziale Mission, die mich diesen Roman schreiben ließ. Es war die Begegnung mit Kindern aus dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin und deren Stärke mich sehr beeindruckte. Die Geschichten im Buch stammen aber aus vielen Dörfern. Schließlich wollte ich ein typisches Dorf zeigen. Denn was in meinem Dorf passiert, passiert in allen anderen Dörfern auch."

Heranwachsende ohne Illusionen

Mit "Der erste Horizont meines Lebens" hat Liliana Corobca nicht nur eine beeindruckende Heldin erschaffen, sondern auch ein anrührendes Zeitdokument. Über das Leben von Kindern im heutigen Europa, das im Herzen des Lesers Unruhe stiftet und viele Fragen aufwirft.

"Wenn wir uns anschauen, was in Europa gerade passiert, dann stelle ich fest, dass niemand sich Sorgen um die Zukunft dieser Generation macht.  Da wächst eine verlorene Generation heran, ohne Illusionen, ohne Empathie für andere. Es wäre eine Tragödie, wenn es uns nicht gelingt, diese Kinder zurückzugewinnen. Aber wenn wir nicht bald damit beginnen, kann es zu spät sein."

Der erste Horizont meines Lebens

von
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Zsolnay Verlag
Bestellnummer:
978-3-552-05746-3
Preis:
18,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.01.2016 | 12:40 Uhr