Stand: 01.12.2017 09:40 Uhr

Das wahre Ausmaß der US-Drohnen-Angriffe

Tod per Knopfdruck- Das wahre Ausmaß des US-Drohnen-Terrors oder Wie Mord zum Alltag werden konnte
von Emran Feroz 
Vorgestellt von Patric Seibel

Die Idee vom sauberen, chirurgisch präzisen Krieg – sie hat in Gestalt der Kampfdrohnen ein Gesicht bekommen. Aber ein grausames. Denn die Realität ist anders, als sich das viele vorstellen: weder sauber, noch präzise.

"Am 7. September 2013 nahm eine US-amerikanische Reaper-Drohne einen Pick-up in der ostafghanischen Provinz Kunar ins Visier. Die Verantwortlichen der Operation befanden sich Tausende Kilometer entfernt. Per Fernauslöser wurden die Hellfire-Raketen gezündet und das Leben von 14 der 15 Insassen, allesamt Zivilisten, ausgelöscht. Nur ein kleines Mädchen, die vierjährige Aisha, überlebte. Doch bei dem Angriff verlor das afghanische Mädchen nicht nur seine Familie, sondern auch ihr Gesicht. Es wurde zerfetzt und entstellt.“

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Eine US-amerikanische Drohne - beim Landeanflug nach einer Flugtrainingsmission im Jahr 2009.

Dieser und andere Berichte von mörderischen Drohnenangriffe auf Zivilisten sind verstörend. Emran Feroz ist als Journalist in entlegene gefährliche Gebiete gefahren, hat im Niemandsland recherchiert und Geschichten der Opfer und Hinterbliebenen gesammelt.

Terrorist oder Zivilist? Kaum erkennbar

Das Buch ist ein Aufschrei, eine Anklage gegen einen, wie Feroz schreibt, terroristischen Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Es versammelt viele gute Argumente gegen den Einsatz von Kriegsdrohnen. Das eindringlichste Argument ist dabei nicht einmal ethischer, sondern ganz banal technischer Natur. Die Menschen, die die Drohnen bedienen, könnten meist gar nicht wissen, wen sie ins Visier nehmen.

"De facto fällt es den Drohnen-Piloten oftmals schon schwer, fahrende Autos wie jenen Pick-up ausreichend zu identifizieren. Viele Faktoren, etwa die Tageszeit, der Staub in der Luft oder der bewölkte Himmel, spielen hierbei eine Rolle. Die Aufzeichnungen der Gespräche der Piloten haben deutlich gemacht, dass auch Kinder und Frauen durch die Kameras kaum erkannt werden."

Todesurteile ohne Gerichtsverfahren

Trotz aller Einwände scheinen die für diesen Waffeneinsatz Verantwortlichen immun gegen Kritik zu sein. Die Behauptung, auf diese Weise gezielt Top-Terroristen töten zu können, ohne eigene Soldaten in Gefahr zu bringen, führt dazu, dass wöchentlich der amtierende US-Präsident von der CIA eine Todesliste zum Gegenzeichnen erhält.  

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Emran Feroz sieht sich in seinem Buch als Anwalt der Drohnen-Opfer.

So fallen Todesurteile ohne Gerichtsverfahren. In den Kommandozentralen irgendwo in den USA töten Angestellte per Knopfdruck, zwischen Mittagessen und Feierabend. Wie viele Zivilisten dabei bisher starben, ist völlig unklar. Ehemalige US-Militärs schätzen die Zahl auf mehr als 6.000 Menschen.

Schwere Vorwürfe gegen die USA und ihre Verbündeten

Emran Feroz trägt viele Fakten zusammen. Objektiv aber kann er nicht sein. Er bezieht einen klaren Standpunkt: Er sieht sich als Anwalt der Drohnenopfer. Feroz erhebt schwere Vorwürfe gegen die USA und ihre westlichen Verbündeten - auch gegen die Bundesrepublik Deutschland. Denn ohne die Airbase Ramstein in Rheinland-Pfalz würde der Drohnenkrieg nicht funktionieren.

"Anders ausgedrückt: Ohne die Bilder aus Ramstein wären die Drohnenpiloten in Nevada im Blindflug unterwegs. Die amerikanischen Drohnenangriffe, die dank der Ramstein Air Base möglich sind, verstoßen ganz klar gegen deutsches Recht. Von Berlins Politelite wird die Rolle Ramsteins weiterhin ignoriert, relativiert oder vollkommen abgestritten."

Mehr Angriffe erzeugen noch mehr Terroristen

Neben seiner ethischen Verwerflichkeit sei der Drohnenkrieg auch in anderer Hinsicht kontraproduktiv, so Feroz. Er erzeuge die Terroristen, die er zu bekämpfen versucht. Er zitiert den pakistanische Talibanführer Baitullah Mensud:

"Ich verbrachte drei Monate, um zu rekrutieren, und bekam lediglich zehn bis fünfzehn Männer. EIN US-Angriff reichte aus und mir schlossen sich 150 Freiwillige an."

Der sogenannte Krieg gegen den Terror radikalisiere zahlreiche Menschen in den betroffenen Ländern, aber auch im Westen. Es werde Zeit, dieser Wahrheit ins Auge zu blicken, schreibt Feroz:

 "Junge radikale Menschen mit muslimischem Hintergrund hassen nicht 'die Freiheit des Westens'. Sie hassen vielmehr die Kriegspolitik des Westens in ihren Heimatländern, in denen unter anderem aufgrund von Drohnenangriffen und schattenhafter Spezialeinheiten, die sich über jegliches Recht hinwegsetzen, grauenerregende Zustände vorherrschen."

Wo bleiben die Konsequenzen?

Das Buch "Tod per Knopfdruck" ist grausam, niederschmetternd, düster. Und doch ist es ein Zeichen der Hoffnung. Der Hoffnung, dass die Wahrheit auch von technisch perfekten Kriegsmaschinerien letztlich nicht unterdrückt werden kann. Dass es sehr mutige Journalisten gibt, die der Wahrheit eine Stimme geben. Emran Feroz ist nicht genug zu danken für seinen Mut und seine Empathie, die er beweist. Jetzt wäre es an uns, den Lesern, Konsequenzen zu fordern.

Tod per Knopfdruck- Das wahre Ausmaß des US-Drohnen-Terrors oder Wie Mord zum Alltag werden konnte

Seitenzahl:
256 Seiten
Verlag:
Westend Verlag
Veröffentlichungsdatum:
02. Oktober 2017
Bestellnummer:
9783864891809
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 01.12.2017 | 10:40 Uhr

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