Stand: 17.05.2017 11:46 Uhr

Mutig und unangepasst gegen das DDR-Regime

Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution
von Peter Wensierski
Vorgestellt von Katja Eßbach

Die friedliche Revolution von 1989 nahm ihren Anfang in Leipzig. Sie leitete das Ende der DDR ein. Aber wer waren eigentlich die jungen Leute, die sich dem System verweigerten, sich nicht mehr anpassen wollten? Was hat sie angetrieben, welche Ziele und Hoffnungen vereinten sie? Antworten auf diese Fragen versucht das Buch "Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution" zu geben.

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"Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution" von Peter Wensierski ist beim Verlag Deutsche Verlags-Anstalt erschienen.

Peter Wensierski, langjähriger "Spiegel"-Autor und früherer DDR-Korrespondent, macht darin eine Reise in die Vergangenheit, die auch schiefgehen könnte. Wensierski übernimmt die Rolle des allwissenden Erzählers, des Zeugen, der damals dabei war. Er taucht förmlich ein in das Leipzig der späten 1980er-Jahre, begleitet seine Protagonisten:

Die bisher gedruckten 6.000 Flugblätter reichten noch lange nicht. Micha hatte inzwischen von Thomas neue Matrizen bekommen. Er gab sie an Uwe weiter, der sich sofort an die Arbeit machte und bis tief in die Nacht tippte. Am nächsten Morgen erhielt Thomas die beschriebenen Matrizen zurück. (...) Nur zwei Tage später lieferte er weitere 4.000 Flugblätter ab, schön ordentlich mit einer Kordel (...) zusammengeschnürt. Zitat aus dem Buch "Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution"

Auch wenn die Sprache manchmal ein wenig ungelenk wirkt, gelingt Wensierskis Experiment: Seine Erzählung über eine ungewöhnliche Gruppe junger Leipziger erzeugt echte Spannung und vor allem Verstehen.

Nahe dran an den Beteiligten

Der Autor verzichtet auf die Aufzählung trockener Zahlen und Fakten, er will den Beteiligten nahe kommen. Die sind fast alle Mitglieder verschiedener kirchlicher Gruppen in Leipzig. Sie werden von der unermüdlichen Staatssicherheit beobachtet und gegebenenfalls auch verfolgt: "Ich bin immer durch den Park gefahren, die konnten mir mit dem Auto nicht hinterherfahren, da haben sie mir ein Klappfahrrad hinterhergeschickt. Ich bin mit meinem 28er-Sportfahrrad gefahren. Die haben mich nie gekriegt. Das waren Szenen, die auch einen gewissen Spaß hatten", erzählt Uwe Schwabe.

Unangepasst, aufmüpfig und zunehmend angstfrei

Schwabe ist eine der Hauptpersonen in Peter Wensierskis Buch. Schwabe hatte eine der kirchlichen Basisgruppen mitgegründet und war an allen Aktionen der rebellischen Leipziger beteiligt.

Wensierski beschreibt deren unangepasstes Leben in Abrisshäusern, erzählt, wie sie illegale Flugblätter drucken, feiern, immer aufmüpfiger und auch angstfreier werden. Und welche Motivation sie antrieb. Schwabe sagt: "Ich wollte nicht, dass Leute darüber entscheiden, welche Bücher ich lesen darf, welche Filme ich schauen kann, wo ich meinen Urlaub verbringe, oder ob ich studieren darf oder nicht. Ich wollte das für mich selber entscheiden."

Der Glaube an einen Kampf, der aussichtslos erscheint

Für sein Buch hat Peter Wensierski stundenlang mit den damals Beteiligten gesprochen. Er hat Tonbandmittschnitte abgehört, sich durch Stasiprotokolle gewühlt, Briefe, Zettel und Tagebücher gelesen. "Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution" feiert den Glauben an einen Kampf, der aussichtslos scheint. Das Buch erzählt, wie die Revolution lange gärt und von Hoffnung und Mut getrieben wird. Und wie aus einer kleinen Gruppe Umstürzler eine Massenbewegung wird, der das alte System nichts mehr entgegenzusetzen hat.

Für die Demokratie stark machen - auch heute!

Schwabe hat das Thema bis heute nicht losgelassen. Er arbeitet im Leipziger Zeitgeschichtlichen Forum,  geht in Schulen, um über die DDR aufzuklären: "Man muss den Leuten immer wieder begreiflich machen, was es bedeutet, in einer Diktatur zu leben. Weil, es geht ganz schnell, dass sich Verhältnisse ändern. Wenn man gerade die Lage anguckt auf der Welt, was da los ist zur Zeit, muss man die Leute sensibilisieren, sich für die Demokratie stark zu machen."

Rückzug der meisten aus der Politik

Viele der damaligen Protagonisten waren nach der Wende politisch aktiv, bis in die Länderparlamente hinein. Mittlerweile haben sich fast alle aus der Politik zurückgezogen, engagieren sich in anderen Bereichen.  Wie es dazu kam - darüber erfährt man bei Peter Wensierski leider nichts. Es wäre Stoff für ein zweites Buch.

In "Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution" zeichnet er ein sehr gelungenes Portrait junger Menschen in der Wendezeit. Es ist keine Heldenerzählung, er will kein Denkmal bauen. Er beschreibt, wie Menschen die Verantwortung für ihr Leben endlich selbst übernehmen wollten. Und damit Geschichte schrieben.

Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution

von
Seitenzahl:
464 Seiten
Verlag:
Deutsche Verlags-Anstalt
Veröffentlichungsdatum:
13. März 2017
Bestellnummer:
978-3-421-04751-9
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 19.05.2017 | 10:50 Uhr

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