Stand: 09.11.2017 11:30 Uhr

Dichter wollen die Welt regieren

Träumer
von Volker Weidermann
Vorgestellt von Martina Kothe

Es war der 7. November 1918, als Kurt Eisner, Dichter und Theaterkritiker, seine Chance sah. In München setzte er sich an die Spitze der Revolution und gründete den Freistaat Bayern. Daraus entstand später die Räterepublik - und noch später ein Blutbad.

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Volker Weidermann, geboren 1969 in Darmstadt, ist Autor beim Spiegel und Leiter des "Literarischen Quartetts" im ZDF.

Der Literaturkritiker und Autor Volker Weidermann hat sich mit diesem Spannungsfeld von Literatur und Politik jetzt in seinem neuen Buch beschäftigt - nämlich mit der Novemberrevolution von 1918 und ihren Protagonisten. Besonders reizvoll für den Chronisten jener Zeit - die Mitwirkenden waren Künstler, Poeten, Schriftsteller: "Träumer - Als die Dichter die Macht übernahmen."

Wenn Märchen wahr werden

Natürlich war es ein Märchen gewesen, nichts als ein Märchen, das für ein paar Wochen Wirklichkeit geworden war. Und jetzt war es eben vorbei. Leseprobe

Mit diesen Worten, die er Kurt Eisner in den Mund legt, beginnt Volker Weidermann sein Buch über die "Träumer", jene Dichter, die im November 1918 in München ihre Stunde gekommen sahen, die nach der Macht griffen, die eine Vision hatten, die so anders war, als alles, was sich die vom Schock des verlorenen Krieges gezeichneten, die müden, erschütterten Politiker, ausdenken konnten. Hier war eine Möglichkeit! Ob es ein Märchen war, oder der unbarmherzige Zusammenprall von Realität und Glaube, das ist aus der Distanz von hundert Jahren schwer zu sagen.

So unterlässt es Weidermann auch einzuordnen, zu kommentieren. Er rafft, was es an Dokumenten, an Zeitzeugenberichten gibt, zusammen, wirbelt es in eine Chronologie und versucht sich einzufühlen in jene Tage im November.

Subjektive Wahrheit

Ein historisches Buch wollte er nicht schreiben, und den Einwand, dass diese Sorte historisierender Reportage von Seiten der Wissenschaft wenig wohlwollend beäugt wird, lässt er nicht gelten: "Genau, das ist mir natürlich herzlich gleichgültig. Nein, die Historiker schreiben ihre Bücher. (…) Es haben auch einige Historiker sogar Probe gelesen, es stimmt schon alles an dem Buch und zwar in dem Sinne, wie es stimmen kann. Es sind subjektive Wahrheiten, die ich zusammengetragen habe. (…)

Genau in diesen subjektiven Wahrheiten entfaltet der Text seine Kraft. Man meint, man sei dabei, wenn Kurt Eisner feurige Reden hält, man meint, man schaue Thomas Mann beim Schreiben seines Tagebuchs über die Schulter, man meint, man höre die inneren Stimmen im Kopf von Ernst Toller, der sich als Pazifist an die Spitze des Militärs stellt. Weil kein anderer es tun kann.

Im Rausch der Utopie

München erlebt in jenen Tagen einen Rausch und die Utopie, dass Kunst und Politik gemeinsam etwas Neues schaffen könnten. So versteht es der kurzzeitige Ministerpräsident, der Dichter und Theaterkritiker Kurt Eisner, der ein flammender Redner gewesen sein muss.

"Er ist auf jeden Fall eine unglaublich tragische, aber auch heitere Besetzung für den Posten des Dichterkönigs. Weil er war ganz sicher. Er hatte so lange in seinen Fiktionen gelebt, er war ganz sicher, er ist der Mann, der dem Volk das Glück bringt. Und jeden Tag musste er feststellen, er ist es nicht. Er war erstmal kein Bayer - und auf dem Land finden das die Leute blöd in Bayern. Er war Jude, er war sogar Preuße, Berliner. Also er war für den Posten in dem Moment wirklich nicht der richtige."

Am 21. Februar 1919 wird Kurt Eisner in München erschossen. Doch das ist noch nicht das Ende, das, wie wir wissen, blutige Ende der Republik der Träumer. Denn sie wollen weiter an ihrer Utopie bauen. Allen voran Ernst Toller, der als USPD-Vorsitzender versucht zu retten, was zu retten ist. Die Räterepublik wird ausgerufen.

Ein Traum zerplatzt

"Schon nach einem Tag weiß Toller: Es wird nicht klappen. Denn die Kommunisten machen nicht mit, die Sozialdemokraten machen nicht mit. Sie sind dieses versprengte Häufchen und haben jetzt wirklich diese verdammte Macht, aber es wird im Blutvergießen enden. Das sieht er ganz früh. Aber er kann nicht mehr raus. [(…) Er zieht in den Palast ein, der Wittelsbacher, den Königspalast. Aber er geht ins Badezimmer. Er muss ja irgendwo hin, aber das ist ihm alles zu prächtig, geht er also ins Badezimmer und lässt dann das Volk kommen. (…) Denn er hat ja wenig eigenes Programm", erklärt Weidermann. "Er will die Utopien verwirklichen, die da draußen, seit hunderten von Jahren sich angesammelt haben. Die Menschen kommen und er schildert das dann so, ja durch Vegetarismus, durch Pflanzenessen, durch poröse Unterwäsche, also er macht sich ein bisschen lustig, aber es wird schon so gewesen sein.] In München waren damals so viele Hippies und Weltbeglücker zusammengekommen, und die wollten jetzt verdammt nochmal ihr Programm Wirklichkeit werden lassen und er war bereit."

Rainer Maria Rilke, Klabund, Thomas Mann, Hermann Hesse, Oskar Maria Graf, Erich Mühsam und Viktor Klemperer - sie alle waren dort in jenen Tagen. Sie alle schrieben darüber. Wie es wirklich war, können wir nicht wissen. Doch was die Menschen, die Dichter wollten und empfanden, das können wir ihren Schriften entnehmen.

Dazu regt das Buch von Volker Weidermann an. Man will noch mehr wissen, will weiterlesen. In den Tagebüchern, in den Archiven, in den gesammelten Werken. Vielleicht will man auch die Vergangenheit verstehen, besonders in einer Gegenwart, in der man nichts mehr versteht.

Träumer

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-04714-1
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 10.11.2017 | 12:40 Uhr

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