Stand: 19.09.2017 17:00 Uhr

Alles dreht sich um Alles

Schlafende Sonne
von Thomas Lehr
Vorgestellt von Jan Ehlert

"Kühnes Denken" und die Sorge um Europa - das eint nach Ansicht von Jurysprecherin Katja Gasser die Autoren auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Bei keinem der sechs ausgewählten Bücher aber ist das Denken so kühn, so herausfordernd, wie in dem Roman "Schlafende Sonne" von Thomas Lehr. 640 Seiten, die die Ideengeschichte eines ganzen Jahrhunderts spiegeln.

Bild vergrößern
Thomas Lehr wurde zuletzt 2015 mit dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichnet.

Dieses Buch provoziert. Es überfordert - und das alles ganz bewusst. Denn Thomas Lehr will in "Schlafende Sonne" keine Geschichte erzählen. Er will alle Geschichten erzählen - und das gleichzeitig. Sein Buch ist daher nicht unbedingt ein Roman, es ist ein Kunstwerk. Oder, wie Lehr es einen Pariser Buchhändler beschreiben lässt:

"Stets müsse man sich vor Augen halten, zitierte er plötzlich einen Kunstkritiker oder Maler des vergangenen Jahrhunderts, dass ein Bild, bevor es ein Schlachtross, eine nackte Frau oder eine Anekdote darstelle, seinem Wesen nach nur eine Fläche sei, die in bestimmter Ordnung mit Farbe bedeckt werde." Leseprobe

Ein ganzes Jahrhundert in einem Buch

Die Ordnung, die Lehr wählt, gleicht einer Spirale, frei nach Louise Bourgeois, die Lehr als Motto für seinen Roman zitiert, dem Versuch, das Chaos unter Kontrolle zu bringen. Eine Spirale ist auch die Grundform allen Lebens: Die Doppelhelix, die die Form der menschlichen DNA ist. So - das ist ein genialer Einfall - lässt Lehr auch die Leben seiner Protagonisten spiralförmig verlaufen.

Drei wesentliche Figuren gibt es: die Künstlerin Milena, den Physiker Jonas, Rudolf, den Philosophen. Mal blickt er von innen, mal von außen auf ihre Gedanken, in Vor- und Rückblenden, über ein ganzes Jahrhundert hinweg - und entwickelt so einen Sog, der den Lesenden immer weiter hineinzieht - und in dem tatsächlich Schlachtrösser, Anekdoten und immer wieder nackte Frauen auftauchen.

Lehrs Metaphern sind nicht immer gelungen

"Er hatte ihr erklärt, was ein Oxymoron war und dass schon die alten Griechen (in Liebesdingen) dieses scheinbar widersprüchliche Begriffspaar verwendet hatten. Stand es bei Sappho? (Ich lese kaum Gedichte. Ich bin Physiker.) Ein direkt in seine Erinnerung springender Rudolf, wieder in Kendo-Kämpfer-Rüstung, stach ihm einen Rohrstock durchs Herz und zitierte den Aristoteles: Die Wurzeln der Bildung sind bitter, ihre Früchte aber sind süß. Helens Baklava-Mund, das feuchte Mokkapulver zwischen ihren Schenkeln. Der genussvolle, halb bewusstlose, herzjagende Wechsel. Er braucht mehr Philosophie." Leseprobe

Die Metaphern, die Lehr dafür findet, sind irritierend, bisweilen zum Schreien komisch, manchmal auch plump und geschmacklos. Da wird der Sex anhand von bald schon mit Butter bestrichenen Laugenstangen beschrieben oder mit Fähnchen, die am Mast im Wind flattern wollen. Ein bisschen weniger davon hätte dem Buch sicher nicht geschadet. Zumal die Affären von Milena, Jonas und Rudolf so unzählig sind, dass man schnell den Überblick verliert. Aber, auch hier spricht vermutlich der Naturwissenschaftler: Am Ende dreht sich das Leben um die Reproduktion. So wie sich hier eben alles um alles dreht: Kunstgeschichte, Solarphysik, die Philosophie von Husserl, Marx und Feuerbach.

Beeindruckender literarischer Wagemut

"Neue Thesen zu Feuerbach, Fluktuistische Erweiterungen hieß kurz darauf eine Aktion im Atelier meines Vaters. Beim Wiederlesen hätten ihn einige Zeilen des alten Engels doch wirklich gerührt, behauptete er. Man fand diese beim Eintritt im Vorraum auf ein Plakat gemalt: Seitdem sind über vierzig Jahre verflossen und Marx ist gestorben. Keine Kunstaktion in diesem Jahr war besser besucht." Leseprobe

Man könnte versuchen, die Handlung dieses gewaltigen Romans nachzuerzählen: Die langweilig gewordene Ehe zwischen Milena und Jonas, bei denen die Sonne, sinnbildlich für die Leidenschaft, eingeschlafen ist. Die Anekdoten aus dem Göttinger Kulturleben Anfang des 20. Jahrhunderts um Edmund Husserl und Edith Stein, die nur leicht verfremdet auftauchen. Die Unterdrückung der Kunst in der DDR und im Kaiserreich.

Doch das würde dieses Buch nur unzureichend beschreiben. Wer einer Handlung folgen will, der wird dieses Buch schnell enttäuscht beiseitelegen. Wer sich aber einlässt auf dieses Experiment, diese Explosion von Gedanken, Theorien und Erinnerungen, der wird reich belohnt werden durch eine unglaubliche Vielfalt an Ausdrücken und Assoziationen und einen literarischen Wagemut, wie er in der deutschen Gegenwartsliteratur derzeit fast einmalig ist. 

Schlafende Sonne

von
Seitenzahl:
640 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-25647-7
Preis:
28,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.09.2017 | 12:40 Uhr

04:12

Burhan Sönmez: "Istanbul, Istanbul"

21.09.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:28

Thomas Lehr: "Schlafende Sonne"

20.09.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:26

Norman Ohler: "Die Gleichung des Lebens"

19.09.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur

Mehr Kultur

10:48
04:39

Gouache von Mila von Luttich

22.10.2017 15:30 Uhr
Lieb & Teuer
05:59

Goldener Armreif

22.10.2017 15:30 Uhr
Lieb & Teuer