Stand: 06.10.2017 13:30 Uhr

Die Spur führt nach Istanbul

Außer sich
von Sasha Marianna Salzmann
Vorgestellt von Joachim Dicks
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Unter Salzmanns Leitung war das Maxim-Gorki-Theater 2014 und 2016 "Theater des Jahres".

In Theaterkreisen ist ihr Name längst schon bekannt. Sasha Marianna Salzmann ist Hausautorin am Maxim-Gorki-Theater in Berlin. Von 2013 bis 2015 war sie zudem Künstlerische Leiterin des "Studio Я" im Gorki-Theater und hat wesentlichen Anteil an dessen großem Erfolg. Nun hat Sasha Marianna Salzmann ihren ersten Roman vorgelegt. Der Titel: "Außer sich". Bereits vor Erscheinen hat sie dafür den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung bekommen und nun gehört sie zu den sechs Finalisten für den Deutschen Buchpreis.

Spiel mit den Identitäten

Autobiografische Romane erweisen sich oft als literarische Fallen. Allzu leicht glaubt der Leser, eine quasi-dokumentarische Wiedergabe realer Ereignisse geliefert zu bekommen. Schon mit dem Titel stellt Sasha Salzmann klar: Jemand ist "Außer sich", will über sich hinaus oder in ein anderes Ich hinein. Sie entfaltet ein Spiel mit Identitäten. Wer beim Lesen glaubt, eine wirkliche Person entdeckt zu haben, hält nur eine Maske in der Hand.

Die Protagonistin Alissa, genannt Ali, trägt zwar die Konturen ihrer Erfinderin: in Russland geboren, Kindheitsjahre in Moskau, Emigration nach Deutschland, die Liebe nach Istanbul. Auch die Geschichten ihrer Eltern und Großeltern sind nicht allesamt erfunden. Aber genauso wichtig wie die Familiengeschichten sind die literarischen Vorbilder von Ovid über Shakespeare bis Joseph Brodsky. Dieses Ineinandergreifen der Ebenen durchlebt auch die Ich-Erzählerin Alissa, wenn sie anderen Menschen begegnet.

Ich war es damals noch gewohnt, außerhalb meiner selbst, von mir in der dritten Person zu denken, als einer Geschichte, die irgendwem gehört, also erzählte ich ihnen eine Geschichte, die irgendwem gehört, also erzählte ich ihnen eine Geschichte und hoffte, dass sie mich aus meiner Entrückung wieder an sich heranziehen, mich drücken oder mich wenigstens ansehen würden, das wäre schon viel. Ich wusste, ich konnte nicht verlangen, dass sie diese Geschichte verstanden, aber sie hörten mir zu, als ich ihnen von Ali erzählte und wie sie zu Anton wurde. Leseprobe

Auf der Suche nach dem eigenen Zwilling

Ali und Anton sind Zwillinge. Nach dem Freitod des Vaters verschwindet Anton. Eine Postkarte lenkt die Spur nach Istanbul. Alissa macht sich sofort auf die Suche nach ihrem Bruder. Der Roman endet am 15. Juli 2016, also am Tag des vermeintlichen Militärputsches in der Türkei. Bis dahin erweist sich Istanbul als eine Art Weltmoloch, in dem die Kulturen der Welt aufeinandertreffen, Religionen sich vermischen und Menschen sehr offen neue sexuelle Identitäten erkunden.

Der Kosename Ali könnte auch auf den Boxer Muhammad Ali anspielen, denn das Boxen spielt für die Protagonistin eine ebenso entscheidende Rolle wie für die Autorin: "...als einen der vielen Weg, die Ali für sich versucht. Ali versucht ja vieles. Sie versucht zu studieren, das geht nicht so gut. Sie versucht zu boxen, dann scheitert es an einem Verhältnis zu ihrem Boxlehrer. Sie versucht irgendwo einzuziehen und haut dann wieder ab nach Istanbul. Ich glaube, sie ist eine, die immer geht, aber vorher immer ausprobiert, und zwar ernsthaft ausprobiert."

Ein Roman mit Sinn, Rhythmus und Klang

"Außer sich" ist ein sehr ungewöhnliches Romandebüt, mit dem Sasha Marianna Salzmann zeigt, dass sie bereits eine sehr eigene, formvollendete Sprache gefunden hat. Wie sie die Zeitebenen miteinander verschachtelt, die Orte miteinander verwirbelt und die Sprache tanzen lässt, um ihr ebenso Sinn wie Rhythmus und Klang zu entlocken: einfach großartig!

Ich ist im Russischen nur ein Buchstabe: Я. Ein einziger Buchstabe in einem dreiundreißigstelligen Alphabet. Der letzte. Man sagt: Я ist der letzte Buchstabe im Alphabet, also stell dich hinten an, vergiss dich, nimm dich nicht so wichtig, lös dich auf. (...) Mein Name fängt mit dem ersten Buchstaben des Alphabets an und ist ein Schrei, ein Stocken, ein Fallen, ein Versprechen auf ein B und ein C, die es nicht geben kann in der Kausalitätslosigkeit der Geschichte. Leseprobe

Die Welt ist aus den Fugen! Auch davon handelt dieser Roman. Geschichten über sie lassen sich aber trotzdem oder gerade deshalb wunderbar erzählen.

Außer sich

von
Seitenzahl:
366 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42762-0
Preis:
22,00 €

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