Stand: 13.09.2017 19:22 Uhr

"Ein Bedürfnis, die Autoren zu erleben"

In Hamburg stellen jetzt wieder Stars der Literaturszene ihre neuen Bücher vor. Am Mittwochabend hat Kultursenator Carsten Brosda (SPD) im Kleinen Saal der Elbphilharmonie das Harbour Front Literaturfestival eröffnet. Bis zum 15. Oktober treten bekannte Autoren aus der ganzen Welt in verschiedenen Locations im Hamburger Hafen auf. Festivalmacher Nikolaus Hansen blickt auf die Höhepunkte der kommenden Wochen. NDR 90,3 hat mit ihm gesprochen.

Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an der Begegnung mit Autoren im Rahmen eines solchen Festivals? Man könnte ja auch ein Hörbuch hören.

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Nikolaus Hansen initiierte 2009 gemeinsam mit Peter Lohmann das Harbour Front Literaturfestival.

Nikolaus Hansen: Es gibt offensichtlich ein Bedürfnis, die Autoren zu erleben, denn das Schreiben eines Romans ist ja wie ein Wunder: dass Menschen große Geschichten in Worte fassen können. Solche Menschen kennenzulernen, ist für uns alle interessant. Es ist immer aufregend, jemanden zu erleben, der darüber erzählt, wie und warum er es gemacht hat und was seine Botschaft ist.

An welche besondere Begegnung aus den letzten Jahren können Sie sich noch erinnern?

Hansen: Wir hatten John Irving bei uns. Stephen King war ein großes Highlight. Es gibt aber auch immer wieder diese wunderbaren Autoren, die man wahrscheinlich als "Midlist" bezeichnen würde, also verkaufsstarke Schriftsteller, die keine Bestsellerautoren sind, die kennenzulernen eine große Freude ist. In diesem Jahr freue ich mich da besonders auf vier große alte Herren der deutschsprachigen Literatur: Franz Hohler aus der Schweiz, Uwe Timm und Sten Nadolny und Bernd Schröder.

Schröder zum Beispiel hat einen Roman mit dem Titel "Warten auf Goebbels" geschrieben. Er erzählt die Geschichte von einem Film über Goebbels, der in den letzten Kriegsmonaten gedreht werden soll. Goebbels selbst will die Hauptrolle spielen. Das ganze Set ist aufgeregt, weil der 'große Goebbels' kommen soll. Aber er kommt nicht; daher auch der Titel "Warten auf Goebbels". Das sind die Highlights eines solchen Festivals: Autoren, die man immer schon beobachtet und begleitet hat, einmal live zu erleben.

Harbour Front 2017: Diese Autoren sind dabei

Noch ein Höhepunkt ist die Lesung des dritten Teils der Elena-Ferrante-Saga. Die große Frage ist immer noch: Wer steckt eigentlich hinter diesen Büchern? Wer ist Elena Ferrante? Man könnte fast ein Buch über die Geschichte hinter diesem Autorennamen schreiben. Elena Ferrante wird also nicht kommen. Wer kommt stattdessen?

Hansen: Ich finde das zunächst einmal eine großartige Sache: Es ist ja ein bisschen so wie bei Thomas Pynchon oder Salinger, Autoren, die sich aller öffentlichen Wahrnehmung entziehen. Das ist für ein Festival natürlich blöd, aber an sich finde ich das in der Literatur eine interessante Position. Keiner weiß, wer Elena Ferrante ist. Wir werden den Lektor ihrer Bücher vom Suhrkamp-Verlag hier haben. Der hat Kontakt mit ihr und kann natürlich einiges erzählen. Auch der erzählt natürlich nur, was erzählt werden darf. Aber immerhin! Das ist ja mehr als wir normalerweise erfahren.

Schwerpunkt beim diesjährigen Harbour Front Literaturfestival ist die Türkei. Es geht im Blick auf die aktuelle Lage besonders um Meinungsfreiheit. Bei einer der geladenen Autorinnen stand bis vor wenigen Tagen gar nicht fest, ob sie überhaupt ausreisen darf. Wird es ein politischeres Festival als in den Jahren zuvor?

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Hansen: Ich würde sagen: Ja. Wir haben uns zum ersten Mal dazu entschieden, einen Schwerpunkt zu setzen, der politisch motiviert ist. Wir wollen die Türkei als ein Land mit einer kulturellen Vielfalt präsentieren. Dass Asli Erdogan, auf die Sie anspielen, sofort zugesagt hat, hat uns sehr gefreut. Dann kam der erste Rückschlag: Sie durfte nicht ausreisen. Dann bekam sie doch einen Pass. Dann durfte sie trotz des Passes nicht ausreisen. Jetzt sieht es aber so aus, als dürfte sie doch kommen, und das ist für uns eine große Sache.

Worauf freuen Sie sich persönlich ganz besonders in den nächsten vier Wochen?

Hansen: Ich freue mich besonders auf den großen Tag in der Elbphilharmonie am 15. Oktober, an dem wir drei Veranstaltungen anbieten: vormittags Joachim Meyerhoff, nachmittags John le Carré und abends Salman Rushdie mit seinem neuen Roman. Das sind drei Autoren, die völlig unterschiedlich sind, die aber in ihrer Art jeweils eine Bedeutung haben, die einzigartig ist. Deswegen finde ich besonders aufregend, dass an dem Abend Salman Rushdie da ist, der ja immer noch unter der Fatwa steht, und insofern ist das ein besonderes Ereignis.

Das Interview führte Stefanie Wittgenstein für NDR 90,3.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 13.09.2017 | 19:00 Uhr

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