Stand: 29.01.2016 10:36 Uhr

Walsers heimliche Ko-Autorin

von Heide Soltau
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Thekla Chabbi hat den Roman gemeinsam mit Martin Walser geschrieben.

Der Donnerstagabend begann mit einer Überraschung. Auf dem Podium im Hamburger Literaturhaus saßen drei Personen: Martin Walser, Moderator Jörg Magenau - und Thekla Chabbi, die Frau, bei der sich Martin Walser in seinem neuen Buch "Ein sterbender Mann" explizit bedankt. "Ohne ihre schöpferische Mitwirkung wäre der Roman nicht, was er ist" schreibt er. Die Bedeutung dieses schlichten Satzes erschloss sich dem Publikum erst im Laufe der folgenden zwei Stunden.

"Das hat mich als Theo Schadt empört"

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Das Buch "Ein sterbender Mann" spielt teilweise in einem Suizidforum.

"Ein sterbender Mann" rollt die Geschichte eines Verrats auf. Der 72-jährige Unternehmer Theo Schadt glaubt, dass ihn sein jüngerer Freund Carlos zu Fall gebracht hat und wird darüber lebensmüde. Als Martin Walser ihr von Theo Schadt und dessen Absichten erzählt habe, sei ihr das Suizidforum eingefallen und sie habe ihm einige Links geschickt, sagt Thekla Chabbi: "Dann hat er mir den ersten Eintrag geschickt, den Theo Schadt im Roman in dieses Suizidforum schreibt, und dann habe ich einfach nicht als Thekla geantwortet, sondern als 'Aster'", erzählt sie.

Sie habe den Todeswunsch Theo Schadts nicht ernst nehmen können und so sei sie auf die Idee gekommen, in eine andere Rolle zu schlüpfen und Walser zu antworten. Und der war fassungslos: "Was diese 'Aster' dem Theo Schadt geantwortet hat, das konnte Theo Schadt nicht auf sich sitzen lassen. Sie hat gesagt: Du bist ein Romantiker, du bist ein Leichtgewicht. Wenn der Wind sich einmal um 180 Grad dreht, dann bist du wieder fröhlich. Und das hat mich als Theo Schadt empört", erzählte er. Dadurch sei dann diese Korrespondenz im fiktiven Suizidforum entstanden, die jetzt in diesem Roman stehe, ergänzt Chabbi. Und Walser fügt hinzu: "Dadurch ist dann eben dieses Seltsame passiert, dass zwei Menschen einen Roman schreiben. Das ist ja noch nie vorgekommen und wird auch nicht mehr passieren."

Chabbis Anteil ist größer als man erwarten würde

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Der 88-jährige Walser präsentierte sich in blendender Form mit der über 40 Jahre jüngeren Frau an seiner Seite. Thekla Chabbi ist Sinologin und Ex-Gattin von Guildo Horn. Mit Walser verbindet sie wohl mehr als dieser Roman. Walser las stehend wie schon in jungen Jahren und gab seinem Roman die richtige Würze. Er hat immer noch Entertainer-Qualitäten. "Es war ein toller Abend", meinte eine Frau im Publikum, "aber seine Ausführungen zum Thema Ko-Autorschaft waren schon speziell. Sie scheint dann ja doch größere Teile geschrieben zu haben. Das irritiert."

Das hat auch viele andere Besucher irritiert. Denn Thekla Chabbi hat nicht nur den Part der "Aster" aus dem Suizidforum geschrieben, sondern auch ein großes Kapitel, das von einer Algerienreise erzählt, die Theo Schadts Angebetete Sina unternimmt. Aber warum, fragt man sich, wird sie dann nicht als Mitautorin genannt? Verleger Alexander Fest, der den Rowohlt-Verlag berät und auch Walser betreut, räumt die Probleme ein. "Ja, der Anteil ist größer, als man erwarten würde", sagt er, "aber das war die Entscheidung von den beiden."

So ist es, und Martin Walser scheint mehr als zufrieden zu sein: "Dass endlich einmal zwei Menschen in einem Buch vertreten sind und nicht nur immer der Autor, der sich alles einbilden muss, das war ein nahezu beglückendes Erlebnis. Basta."

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NDR Info | 29.01.2016 | 07:20 Uhr