Stand: 04.10.2017 15:00 Uhr

Das Projekt der Abwendung

Die Kieferninseln
von Marion Poschmann
Vorgestellt von Alexander Solloch
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Marion Porschmann, 1969 in Essen geboren, ist erst vor kurzem mit dem Düsseldorfer Literaturpreis und dem Deutschen Preis für "Nature Writing" ausgezeichnet worden.

Marion Poschmann steht ständig unter Preisverdacht. Die Lyrikerin und Erzählerin landet eigentlich, wann immer sie etwas veröffentlicht, spornstreichs auf den Long- und Shortlists der jeweiligen Buchpreise in Leipzig oder Frankfurt. Das ist auch jetzt wieder so.

Aus dem Traum wird ein Verdacht

Gilbert Silvester ist ein Mann, der sich aufs Handwerk der Analyse versteht. Dass der Kulturwissenschaftler in seiner Disziplin bislang keine allzu großen Erfolge vorweisen kann, liegt allein an seinem mangelnden Geschick in der Karriereplanung; als Analytiker aber, derzeit beflissen im Bereich der Bartforschung, macht ihm keiner was vor. Seine Analyse ergibt zweifelsfrei: Wenn er schon träumt, dass seine Frau ihn betrügt, dann betrügt sie ihn tatsächlich. Nichts könnte klarer und natürlicher sein.

Sie stritt alles ab. Dies bewies nur, wie sehr sein Verdacht begründet war. Sie ging zu weit. Das ließ er nicht mit sich machen. Er wusste später nicht mehr, ob er sie angeschrien hatte (wahrscheinlich), geschlagen (eventuell) oder bespuckt (nun ja), es konnte sein, dass ihm beim erregten Sprechen etwas Speichel aus dem Mund gesprüht war, jedenfalls hatte er ein paar Sachen zusammengerafft, seine Kreditkarten und seinen Pass an sich genommen und war weggegangen, am Haus vorbei den Bürgersteig entlang, und als sie ihm nicht hinterherkam und nicht nach ihm rief, war er weitergegangen, etwas langsamer erst und dann schneller. Leseprobe

Ein Japan-Aufenthalt beeinflusst die Autorin

Jetzt muss Gilbert konsequent sein. Reumütige Rückkehr würde die kulturwissenschaftlich längst diagnostizierte Krise des Mannes nur verschärfen. In dieser Lage gilt es, sich in die denkbar unvertrauteste Umgebung zurückzuziehen, nach Japan.

Als Marion Poschmann vor vier Jahren ein Stipendium des Goethe-Instituts in der Villa Kamogawa erhielt, erklärte sie: "Wenn ich in Japan bin, will ich wieder Gedichte schreiben!"

Aber offenbar ist dort noch viel mehr geschehen, etwas, was die wundervolle Erzählerin in ihr verlockte und anstachelte. Japan, die ganz eigene Dichtkunst dort, die Betrachtungsweise des Lebens als eine Zeitspanne, in der der Einzelne, vollkommen auf sich selbst Zurückgeworfene zu einer tiefen Erkenntnis kommen kann (wenn er nicht im hadernden Warten auf die Erkenntnis den Verstand verliert), vor allem aber auch die Kiefern, die das Beständige, Unbeugsame des Weisen verkörpern - das sind die Einflüsse dieses sonderbaren, besonderen Romans.

Gilberts Projekt der Abwendung bestand darin, einen Zwischenraum zu schaffen. Einen Raum zwischen ihm und der Gesellschaft, ihm und den sozialen Konventionen, ihm und den bizarren Zwängen des allgegenwärtigen Turbokapitalismus. Eine Pilgerreise in maximaler Abgewandtheit, um zu einer Autonomie zurückzufinden, die sich stark von jener Freiheit unterschied, die dem braven Staatsbürger das Geld verlieh. Leseprobe

Reise zu den menschlichen Abgründen

Aber das Leben ist grotesk und will es oft ganz anders. Gilbert begegnet einem jungen Mann, Yosa Tamagotchi, der gerade im Begriff steht, sich vor den Zug zu werfen. Er ist ein guter Student, aber womöglich doch nicht gut genug. Im Angesicht des denkbaren Ehrverlusts setzt er sicherheitshalber auf Selbstmord. Gilberts Pilgerreise wandelt sich entscheidend: Sie ist keine Reise mehr zu sich selbst, sondern eine Reise zu den menschlichen Abgründen insgesamt, wie sie sich etwa im kiefernbestandenen Selbstmörderwald am Fuße des Vulkans Fuji auftun.

Der Selbstmörder gibt sich auf, er opfert sich, aber es ist ein hinterhältiges Opfer. Vielleicht drückten sich die Angehörigen eine Träne ab, entzündeten ein Räucherstäbchen, informierten die Verwandtschaft, aber für diesen mehr als dürftigen Effekt war der Aufwand zu groß. Denn am Ende wäre es kein unabhängiger Entschluss, sondern ein armseliger Versuch der Manipulation. Ein pubertäres Verhalten, mit dem man sich noch im Tod lächerlich machte. Man musste sich nur die ekelerregenden, halbverwesten Gestalten ansehen, von denen es bedauerlicherweise im Wald wimmelte. Wenn man darauf abzielte, dass wenigstens der Tod einem verwirkten Leben im Nachhinein noch eine Würde verlieh, dann war diese Maßnahme unter den Rotkiefern in jedem Fall zum Scheitern verurteilt. Gilbert behielt seine Meinung für sich, aber er würde es nicht dulden, dass der junge Japaner sich auf eine solche Weise entblößte. Leseprobe

Marion Poschmann erzählt eine lustige und traurige und ganz und gar wunderbare Geschichte davon, wie wir durch die Welt irren und suchen nach einem Fetzen Wahrheit, der uns Entblößte ein bisschen bedeckt.

Die Kieferninseln

von
Seitenzahl:
168 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42760-6
Preis:
20,00 €

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