Stand: 08.01.2016 07:00 Uhr

Spanische Soldaten in der Wehrmacht

von Heide Soltau
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Schauplatz der Roman-Handlung ist Valencia, wo die besten Orangen Spaniens wachsen.

Das literarische Jahr beginnt traditionell Anfang Januar mit der Verleihung des Mara-Cassens-Preises im Hamburger Literaturhaus. Die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung geht in diesem Jahr an Verena Boos für ihren Roman "Blutorangen". Der Mara-Cassens-Preis zeichnet Schriftsteller für ihren ersten Roman aus und wird von einer Leserjury des Hamburger Literaturhauses vergeben.

Roman behandelt kaum bekanntes Geschichts-Kapitel

68 Romane hat die Jury gelesen und sich dann für Verena Boos entschieden. Ein besonderer Glücksfall, denn mit dem Mara-Cassens-Preis rückt ein Roman in den Fokus, der ein hochinteressantes, aber kaum bekanntes Kapitel deutsch-spanischer Geschichte aufblättert. Wer weiß schon, dass etliche Tausend spanische Soldaten während des Zweiten Weltkriegs in der Deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetunion gekämpft haben.

Ein "Dankeschön" für Guernica

"Salopp formuliert kann man das als Dankeschön für die Legion Condor bezeichnen", sagt Verena Boos, also für jene Einheit der Wehrmacht, die 1937 hauptverantwortlich für die Bombardierung der Stadt Guernica war. Und als Franco dann an die Macht kam, trommelte er für Hitlers Krieg. Die sogenannte "Blaue Division" kämpfte in Deutscher Uniform. Und die Bundesrepublik bezahlt bis heute Renten an die Veteranen, erzählt Verena Boos: "Da gibt es ein Gesetz, was zur Franco-Zeit zwischen der Bundesrepublik und Franco geschlossen wurde, dass frühere Angehörige der Wehrmacht eine Rente bekommen. Aber die andere Geschichte ist eben, dass diese Veteranen vom spanischen Staat öffentlich geehrt werden für ihre Verdienste ums Vaterland und um den Kampf gegen den Bolschewismus."

An den Orangen klebt das Blut

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General Franco (links, hier mit dem späteren König Juan Carlos) herrschte bis in die 70er-Jahre hinein in Spanien.

"Blutorangen" nennt Verena Boos ihren Roman. Schauplatz ist die Provinz Valencia, wo die besten Orangen des Landes wachsen, aber an ihnen klebt eben auch Blut. Das Blut des spanischen Bürgerkriegs und das Blut der Franco-Diktatur, die erst 1975 endete. Heikle Themen, wie Verena Boos während eines zweijährigen Studienaufenthalt in Valencia festgestellt hat. Sie habe sich gewundert, wie wenig jüngere Leute über die neuere Geschichte Spaniens wüssten.

"Man spricht nicht in geselliger Runde über Politik und Geschichte. Und dann habe ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland, eben dadurch, dass ich historisch interessiert bin, gelesen, dass am Ende des Bürgerkriegs innerhalb weniger Wochen eine halbe Million Menschen über die Pyrenäen geflüchtet sind und dann die Nazis, bevor sie systematisch die Juden deportiert haben, spanische Republikaner in die deutschen Konzentrationslager deportiert haben", erzählt Boos.

Eine Romeo-und-Julia-Geschichte mit vielen Verästelungen

Diese deutsch-spanische Geschichte, die bis in die Gegenwart reicht, wollte Verena Boos erzählen. Aber nicht sachlich als Wissenschaftlerin oder Journalistin, sondern episch als Schriftstellerin.  Das war für sie Neuland, denn studiert hat sie nicht Literatur, sondern Anglistik und Soziologie und promoviert in Zeitgeschichte. Vier Jahre hat sie an ihrem Roman "Blutorangen" gearbeitet. "Das ist nichts, was ich von Deckel zu Deckel durchgeplant hätte. Gerade auch was die Struktur und die Konstruktion des Romans angeht, habe ich einfach sehr viel ausprobiert und hin und her geschoben und umgestellt", erinnert sie sich.

Im Mittelpunkt steht eine rebellische junge Frau, Maite, Tochter eines hohen Beamten bei der Guardia Civil, der spanischen Militärpolizei, die unter Franco zum gefürchteten Repressionsapparat des Staates gehörte und viele Gegner des Regimes einfach verschwinden ließ. Maites Vater hat in der "Blauen Division" gekämpft, aber das entdeckt sie erst, als sie in München studiert. Dort lernt sie Carlos kennen, den Enkel spanischer Exilanten. Verena Boos erzählt eine Romeo-und Julia-Geschichte mit vielen Verästelungen und spannt einen Bogen von 1939 bis ins Jahr 2004.

Verena Boos erzählt die Geschichte nicht chronologisch, aber den Kapitelüberschriften hat sie Jahreszahlen beigefügt.  So behalten die Leser die Orientierung und können sich mitreißen lassen von den Geschehnissen. Es lohnt sich, der Roman der Mara-Cassens-Preisträgerin wartet bis zum letzten Kapitel mit Überraschungen auf.

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NDR Info | 08.01.2016 | 07:55 Uhr