Stand: 15.09.2017 15:33 Uhr

Ungeknipste Ecken Mallorcas

Mallorca
von Michael Poliza, Text von Tiny von Wedel
Vorgestellt von Christiane Irrgang

"Mallorca ist ein Ziel, das vielen Menschen offen steht. Es hätte auch jeder andere hinfahren können und Bilder machen können", sagt Michael Poliza. Aber ob diese Bilder dann auch gedruckt worden wären? Michael Poliza, namhafter Naturfotograf aus Hamburg, bekam den Auftrag von einem großen Magazin, und hinterher ist auch noch ein Bildband daraus geworden: "Mallorca".

Ungewöhnliche Perspektiven einer bekannten Insel

Besucherrekorde und Bettenlimit

Letzten Sommer stand die Insel kurz vor dem Kollaps: Im August fielen über zwei Millionen Touristen über Mallorca her. Bis zu 22.000 Kurzbesucher wurden täglich von den Kreuzfahrtschiffen ausgespuckt. Manche Einheimische sprachen von einer Invasion, und Umweltaktivisten forderten ein Bettenlimit. Aber die gut 600.000 deutschen Touristen jährlich lieben nach wie vor "ihre" Insel.

Längst nicht alle kommen wegen der Playas und des Ballermann-Nachtlebens von El Arenal. Einer aktuellen Umfrage zufolge wollen 70 Prozent der Urlauber auch Natur und Landschaft erkunden, 58 Prozent legen Wert auf Kultur und Sehenswürdigkeiten. Von daher hatte der Chefredakteur des Magazins "Stern" wohl genau den richtigen Riecher, als er Michael Poliza einlud, eine ungewöhnlich Mallorca-Titelgeschichte zu fotografieren. Der Hamburger Naturfotograf, sonst eher unterwegs zu exotischeren Destinationen wie Afrika oder der Antarktis, ließ sich auf das Abenteuer ein.

Drohnen- und Helikopteraufnahmen

"Ich bin dann gleich in den Helikopter gesprungen und habe versucht, mir erst mal die Insel von oben ein bisschen genauer anzugucken und habe an dem Tag bereits vier, fünf schöne Fotos im Kasten gehabt. Das hat mir die Ruhe und die Gelassenheit gegeben, dann in den nächsten Tagen ohne Druck weiter an das Thema ranzugehen", so Poliza. Eine ungewohnte Arbeitsweise für einen, der sonst teure, aufwändige und deshalb natürlich auch gründlich durchgeplante Fotosafaris unternimmt.

Auf Mallorca ließ Michael Poliza sich treiben und entdeckte fast geheime Buchten, typisch balearische Windmühlen, schroffe Gebirgslandschaften und palmengesäumte Alleen. "Das war eine reine Entdeckungsreise, und nur vielleicht 20 Prozent der Fotos, die in dem Buch gedruckt sind, sind tatsächlich auch geplant gewesen. Der Rest sind, wenn man so will, Zufallsprodukte", sagt Poliza. Sie entstanden vom Boot aus, mit einer Drohne auf dem Fahrrad. "Je nach Tempo kriegt man ganz andere Eindrücke von einer Insel" erklärt Poliza.

Vor allem ganz andere Eindrücke als der Pauschaltourist. "Ich bin jetzt nicht nachts um drei eingetaucht in den Ballermann oder sowas. Das habe ich mir erspart" erzählt Poliza lachend.

Auf Strukturensuche

Früh aufstehen muss allerdings schon, wer einen von den ersten Strahlen der Morgensonne erleuchteten Wachturm vor dem stillen Meer fotografieren möchte, ein wildromantisches Küstenpanorama mit dramatischem Wolkenhimmel, ein Herrenhaus in zartem Pastellrosa, das fast wie ein Gemälde aussieht, oder die adrett aufgereihten Boote im menschenleeren Yachthafen - eine Komposition aus der Vogelperspektive in Weiß-, Blau- und Grüntönen.

"Ich habe ein Interesse an grafischen Strukturen. Mein Auge sucht eigentlich permanent nach schönen Bildern, aber auch nach grafischen Strukturen. Das kann ein Friedhof sein, das kann eine Wiese sein, das können einfach interessant angeordnete Bäume sein. Ich glaube, das sind auch Bilder, die man im Buch relativ häufig findet", so Poliza . Und die Bilder, die den stärksten Eindruck hinterlassen.

Salinen, Sonnenschirme und leere Strände

Besonders spannende Strukturen entdeckt man zwar aus der Luft - schier endlose schräge Reihen von Solaranlagen, die langen Schatten der Sonnenschirme am noch leeren Strand, die Spuren von landwirtschaftlichen Fahrzeugen in der roten Erde, die weißen Salzhügel der Salinen -, aber es geht auch ohne Drohne und teure Fotoausrüstung. Eine Hotelfassade mit Balkongeländern voller bunter Handtücher ist zum Beispiel mit dem iPhone aufgenommen. "Ich wollte ja letztlich ein Kaleidoskop abliefern, eine bunte Mischung aus dieser Insel", sagt der Fotograf.

Das kann  man als Stärke oder aber als Schwäche des Buches sehen: Es gibt keine klare Linie, erlaubt war, was gefiel. Manches wiederholt sich, das eine oder andere Foto wäre verzichtbar gewesen, und einige Motive, wie etwa die Mandelblüte hätte man zur genau richtigen Jahreszeit noch besser ins Bild setzen können.

Aber beim Blättern und Stöbern - dabei hilft eine Index-Karte am Ende des Buches - erkennt man deutlich, wie absurd es ist, seine Ferien zwischen Liegestuhl am Strand und Hotelrestaurant zu verbringen."Das ist ein Buch und ein Projekt, was mir wahnsinnig viel Spaß gemacht hat, so über die Insel zu fahren und diese Insel mit der Kamera und mit der Drohne zu entdecken. Ich wollte ein frisches, fröhliches, Lust machendes Buch, was man sich gern anguckt und sagt, das hätte ich gar nicht gedacht, das man sowas auch noch auf Mallorca findet", verrät Poliza.

Mallorca

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
teNeues
Bestellnummer:
978-3-8327-6921-5
Preis:
39,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 17.09.2017 | 17:40 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/buch/Mallorca,mallorca318.html

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