Stand: 05.05.2017 16:40 Uhr

Eine neue Filmästhetik

Filme der 2000er
von Jürgen Müller (Herausgeber)
Vorgestellt von Ulrich Sarrazin

Ein Nachschlagewerk über das Kino der Jahre 2000 bis 2010 - im ersten Moment würde man da einen großformatigen Prachtband erwarten. Nicht so beim Taschen Verlag. Der hat einen Bildband im Duden-Format herausgebracht, mit der Begründung: kleines Format, kleiner Preis - und damit für mehr Filmfans erschwinglich. Das lassen wir gelten, denn auf den rund 800 Seiten von "Filme der 2000er" gibt es mindestens so viel zu lernen wie zu schauen - und das beginnt schon beim Buchumschlag.

Standardwerk für Film-Fans

Es kann natürlich keinen Überblick der 2000er-Kinojahre geben, der "Herr der Ringe" außer Acht lässt. Also hält uns Frodo Beutlin auf dem Frontcover das teuflische kleine Schmuckstück hin. Die Rückseite dagegen gehört einer ins extrem schwarz-weiß kontrastierten Jessica Alba im Lederdress aus dem Film "Sin City" - und als Brücke zwischen den beiden leuchtet Uma Thurman aus "Kill Bill" im gelben Motorraddress und mit Samurai-Schwert in der Hand vom Buchrücken.

Schon der Umschlag illustriert damit drei von vier Säulen, auf denen das Kino der 2000er-Jahre maßgeblich ruht:

Remakes und Reminiszenzen

Remakes und Reminiszenzen des Kinos an sich selbst: Nicht nur Quentin Tarantino liebt Rückblicke ins klassische Kino der Sechziger- und Siebziger-Jahre wie in "Kill Bill". Nehmen wir etwa die Filmstills aus Baz Luhrmanns "Moulin Rouge" von 2002. Ewan Mc Gregor im Smoking und Nicole Kidman im hautengen Glitzerkleid mit Zylinder, wer dächte da nicht sofort an Liza Minelli und Michael York in "Cabaret".

Comic-Ästhetik und Comic-Verfilmungen

Adaptionen wie "Spiderman" und "Ironman" waren so etwas wie die Geldader des Kinos der 2000er und sind es bis heute. Die Autoren des Bildbandes beleuchten dagegen eine andere Form des Genres: den Kinofilm in Comic-Ästhetik. Allen voran die schwarzen Bilder von "Sin City" mit ihren weiß gerandeten Protagonisten wie Mickey Rourke oder Bruce Willis. Daneben die psychedelisch pastellfarbenen Bilder aus Ari Folmans Libanon-Kriegsdrama "Waltz with Bashir": Ausgemergelte Soldaten vor der nächtlichen Kulisse zerschossener Wohnblocks - das alles beleuchtet vom schwefligem Gelb aufsteigender Signalraketen.

Technik und Trick

Neben Peter Jacksons Ringtrilogie liegt der Fokus hier vor allem auf dem Blockbuster von James Cameron: "Avatar". "Ein technischer Durchbruch", heißt es im Begleittext zu den Filmszenen mit den blauen Katzenmenschen Pandoras. Nicht nur weil Regisseur James Cameron die 3-D Technik damit wiederbelebte, sondern auch, weil er mit Computerspielentwicklern kooperierte. Schwebende Felsen und Pflanzen, die zwischen unterschiedlichen Neonfarben mutieren, illustrieren das anschaulich. Sie dienen als Beleg, warum die Technik das letzte Jahrzehnt des althergebrachten Kinos definiert.

"Eine unmittelbare Folge des digitalen Quantensprungs ist es aber auch, dass Videospiele dem Spielfilm inzwischen den Rang abgelaufen haben. (...) Ebenso folgenreich für das Kino ist die ständig wachsende Bedeutung des Heimkinos, welches das traditionelle Filmtheater als medialen Erlebnisort immer weiter an den Rand drängt und neue Sehgewohnheiten prägt." Leseprobe

Zerfall der amerikanischen Gesellschaft

Die vierte Säule ist fraglos der 11. September 2001. Kein anderes Ereignis hat das Kino des vergangenen Jahrzehnts nachhaltiger beeinflusst. Angefangen von verschobenen Starts explosionsreicher Filme über die Retusche der Twintowers aus schon vorhandenem Material, bis hin zur dramatischen Verarbeitung der Ereignisse und ihrer Folgen als Filmstoff. Oliver Stone blieb mit seinem "World Trade Center" noch recht oberflächlich; Paul Greengras war dann bei "Flug 93" hautnah dran, Katherine Bigelow schließlich wurde sogar mit "The Hurt Locker" über einen kriegssüchtigen Bombenentschärfer im Irak-Einsatz zur Oscar-Gewinnerin.

In der Folge von 9/11 wird das amerikanische Kino vor allem Zeuge des Zerfalls der amerikanischen Gesellschaft. Pars pro toto behandelt der Bildband den Film "No country for old men" der Brüder Coen. Im Essay der Herausgeber über dieses nur vordergründig "Thriller" zu nennende Meisterwerk entfaltet "Filme der 2000er" seine größte Stärke. Wer ein Paradebeispiel dafür lesen will, wie Film als gesellschaftlicher Spiegel funktioniert, findet hier eine meisterliche Analyse.

Unter dem Strich könnte man sagen, dieser Bildband sei ein gleichsam profunder wie wehmütiger Abgesang auf das Kino, wie es einmal war. Doch er motiviert auch, die Filme eines ganzen Jahrzehnts noch einmal zu schauen und das aus einer völlig neuen Perspektive. Was kann man mehr erwarten.

Filme der 2000er

von
Seitenzahl:
832 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Hardcover, 14 x 19,5 cm
Verlag:
Taschen Verlag
Bestellnummer:
978-3-8365-4685-0
Preis:
14,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 07.05.2017 | 17:40 Uhr

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