Stand: 14.02.2017 10:00 Uhr

Hochzeitsfilmer bleiben ledig

Die Liebeserklärung
von Jean-Philippe Blondel, aus dem Französischen von Anne Braun
Vorgestellt von Katja Lückert
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Seit 2003 veröffentlicht der 1964 geborene Autor Romane und Jugendbücher.

Nicht nur in Frankreich werden Hochzeiten immer aufwändiger gefeiert und es boomt das Geschäft der Hochzeitsplaner, Location -Scouts, der Hochzeitsfotografen- und Filmer, die meist nicht nur einige Momente fürs Familienalbum festhalten, sondern die ganze Feier von A bis Z mit der Kamera begleiten. Dafür, dass keine Sekunde vom "schönsten" Tag im Leben eines Paars verloren geht, sorgen in der französischen Provinz der junge Corentin und sein Patenonkel Yvan in Jean-Philippe Blondels neuem Roman "Die Liebeserklärung".

Ein beziehungsfeindlicher Job

Hochzeitsfilmer haben keinen leichten Job und das liegt nicht nur an einem Übermaß an Törtchen, Champagner und Räucherlachs, sondern auch daran, dass sie ständig mit den Psychopathologien verschiedener Familien zu tun haben. Yvan erklärt seinem jungen Gehilfen und Patensohn Corentin das Berufsrisiko:

"All die Sticheleien, Vorwürfe und Feindseligkeiten, die man hinter der Kamera mitkriegt, das geht einem gewaltig auf die Nerven, auf jeden Fall nimmt es einem jede Lust, auf der anderen Seite des Objektivs zu sein, und das hat zur Folge, dass man, nun ja in seinem Leben auf der Stelle tritt. Aber untersteh dich, meinem Beispiel zu folgen, Corentin!" Leseprobe

Unter der Oberfläche der glänzenden Hochzeitsfeiern schwelen häufig alte Konflikte, die von den Beteiligten nur mühsam verborgen werden. Wer sich diesem Klima dauerhaft aussetzt, mag kaum selbst in den Stand der Ehe treten. Doch schon eine einfache Beziehung zu führen, ist für Hochzeitsfilmer kaum möglich, meint Jean-Philippe Blondel: "Das ist ein Beruf, wo man an jedem Wochenende arbeiten muss und es ist schwierig, ein Liebesleben zu haben. Man ist die ganze Woche zu Hause, während der andere arbeitet. Und am Wochenende ist man eben nicht da, wenn man eigentlich etwas gemeinsam unternehmen könnte. Also das Paradox ist, dass man die ganze Zeit Hochzeiten filmt, obwohl die eigene Beziehung zu scheitern droht."

Kitschfreier Liebesroman

Jean-Philippe Blondel schreibt leichte, aber keine seichten Liebesromane, Kitsch liegt ihm fern. Er ist ein Meister der Kurzromane. Ihm gelingt es mit wenigen Strichen, sein Setting plastisch zu machen, dann kommt er recht schnell zur Sache. Auch "die Liebeserklärung" gelangt fast wie eine Novelle schon nach einigen Seiten an einen Wendepunkt, denn Corentin soll die junge Aline an ihrem Hochzeitstag mit der Kamera begleiten. Sie bittet ihn jedoch, auch eine private Liebeserklärung an ihren zukünftigen Ehemann aufzuzeichnen. Corentin ist sehr bewegt von der Rede der jungen Frau, in der es weniger um schwülstige Liebesbezeugungen, als um die Bedingungen einer echten Partnerschaft geht. Corentin beschließt, die Sache mit den persönlichen Filmbeichten auszubauen:

"Die Hochzeiten, die Corentin filmt und auch die Bekenntnisse seiner eigenen Freunde und Familienmitglieder, alles das beeinflusst ihn. Das beeinflusst auch seine Wahl, also Corentin ist wirklich ein Schwamm. Er saugt die Gefühle von anderen auf. Das wird sein Leben in eine Richtung lenken und das erlaubt ihm eine eigene Stimme zu finden, die er anfangs nicht hatte. Diese etwas aufgespaltene Konstruktion des Textes spiegelt die Gefühlslage von Corentin wieder, es ist ein bisschen wie ein Puzzle, das entsteht. Doch schließlich bildet sich seine Persönlichkeit mit Hilfe der Hochzeiten heraus", erklärt der Autor.

Tatsächlich geht es darum: Es ist eine Art Bildungsroman, Corentin sucht seinen Weg. Bisher hält er sich als Aufsichtsperson an einer Schule und mit dem Filmjob bei seinem Onkel einigermaßen über Wasser, aber was er wirklich mit seinem Leben anfangen soll, außer übergriffige Schwiegermütter auf Hochzeiten zu maßregeln und Menschen zu filmischen Bekenntnissen zu bewegen, weiß er nicht. Seit Alines wunderschöner Rede über die Liebe ahnt es der Leser vielleicht schon vor Corentin. Es ist dennoch genüsslich und unterhaltsam, ihn auf seiner Sinnsuche zu begleiten.

Die Liebeserklärung

von
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Deuticke / Hanser Verlag
Bestellnummer:
978-3-552-06333-4
Preis:
18,00 €

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